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Die unheimliche Krankheit Depressionen bleiben unterschätzt

Depression mag ein Modewort geworden sein. Es kann aber nicht darüber hinwegtäuschen, dass mittlerweile 5,3 Millionen Bürger daran erkranken, insbesondere gestresste Menschen.

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Die größten Irrtümer über Depressionen
"Depression äußert sich nur psychisch"Psychische Anzeichen wie zum Beispiel Antriebslosigkeit, Konzentrationsschwäche, Trauer und Niedergeschlagenheit gehören klar zum Krankheitsbild der Depression. Sie gehen jedoch gelegentlich mit körperlichen Symptomen einher. „Manchmal verbergen sich hinter Magen- oder Darmbeschwerden, Schwindel sowie Kopf- und Rückenschmerzen starke Depressionen“, weiß Doktor Friedrich Straub, Facharzt für Psychiatrie, Psychotherapie und Neurologie und Chefarzt der Schlossparkklinik Dirmstein. Um sicher zu gehen, dass diese körperlichen Symptome mit der depressiven Verstimmung zusammenhängen, ist eine intensive ärztliche Untersuchung erforderlich. Diese kann Klarheit darüber verschaffen, ob neben der Depression auch andere Krankheiten wie Diabetes oder Schilddrüsenprobleme als Auslöser der Symptomatik in Frage kommen. Quelle: Fotolia
"Ein frohes Gemüt schützt vor Depressionen"„Einen sicheren Schutz gibt es nicht“, betont der Experte. Die Krankheit kann jeden treffen - und zwar ganz unabhängig von der Persönlichkeit. Die gute Nachricht: Gewisse Risikofaktoren für die Begünstigung einer Depression lassen sich mindern. Laut Straub können vor allem Sport und ausreichend Bewegung an der frischen Luft sowie Entspannung eine heilende Wirkung für die Seele haben. Auch ein erfülltes Sozialleben mit vielen engen Freunden und abwechslungsreiche Freizeitaktivitäten senken das Risiko für depressive Verstimmungen. Quelle: Fotolia
"Depressionen verschwinden von selbst wieder" Quelle: dpa
"Nur Frauen sind von Depressionen betroffen" Quelle: Fotolia
"Angehörige sollten den Depressiven aufmuntern"Depressionen sind nicht nur für den Betroffenen schwer erträglich, auch die Angehörigen brauchen viel Kraft. Auch bei lang anhaltenden depressiven Phasen nicht die Geduld zu verlieren ist eine der wichtigsten Verhaltensregeln für Freunde und Familie. Sprüche à la: "Jetzt reiß dich mal zusammen", "Nimm das Leben nicht so schwer" oder Witze und Aufmunterungsversuche sind eine schlechte Idee. „Grundsätzlich sollte man gut gemeinte Ratschläge besser für sich behalten“, so Straub. Tabu sind vor allem Anweisungen, die den Betroffenen noch mehr unter Druck setzen oder dessen Schuldgefühle verstärken könnten. Ersparen sollte man sich auch Kommentare, die das Leiden herunterspielen. Quelle: Fotolia
"Ein Urlaub bringt dich in bessere Stimmung"Ein Tapetenwechsel, um den depressiv Erkrankten auf andere Gedanken zu bringen, erscheint oberflächlich betrachtet wie eine gute Idee. Jedoch kann ein Urlaub fernab der Heimat sogar entgegengesetzt wirken: „Für viele Erkrankte ist eine andere, fremde Umgebung zusätzlich beängstigend und beunruhigend“, warnt Straub. Ein geregelter Tagesablauf ist für depressive Menschen wichtig. Angehörige sollten sie deshalb darin unterstützen, Terminen oder Verpflichtungen nachzukommen, insbesondere Therapiesitzungen. Quelle: dpa
Schatten eines Pärchens Quelle: dpa

Die Online-Seiten mit Scheidungstipps hat Dorothea Möller* seit mehr als zwei Jahren gespeichert. Damals, mitten im Winter, ging nichts mehr. Ihr Mann zahlte eine horrende Büromiete, ging aber nie in seine Anwaltskanzlei. „In drei Monaten verlor er fast zehn Kilo, stand lautstark um vier Uhr morgens auf und wich jeder Nachfrage oder Berührung aus“, erinnert sich die 52-jährige Berlinerin. Als er davon redete, sich am liebsten vor die S-Bahn zu werfen, ging Dorothea Möller mit ihrem Mann noch am selben Tag zum Hausarzt. Dort sprach sie offen ihren Verdacht auf eine Depression aus. „Warten Sie drei Monate, dann wird das besser. Bei dem Wetter ist doch jeder mies drauf“, sagte der Arzt. Für alle Fälle gab er dem Paar die Nummer einer Psychologin.

Nichts wurde besser. Der Hausarzt vermutete später Sauerstoffmangel im Schlaf. Die Psychologin brauchte zehn Sitzungen, um kein Job-, sondern ein Partnerschaftsproblem in Betracht zu ziehen. Da war Dorothea Möller schon ausgezogen. „Ich habe jegliche Form von Partnerschaft vermisst und fühlte mich von meinem Mann völlig im Stich gelassen“, sagt sie. Alle Gesprächsangebote habe er mit den Worten „Ich habe keine Depression“ abgelehnt. Es dauerte ein Jahr, bis er aus eigenem Antrieb Hilfe bei einem Psychiater suchte und die Diagnose mittelschwere Depression erhielt. Da war er bankrott.

Es ist ein Beispiel von vielen, für das am 7. April der Weltgesundheitstag unter dem Motto „Depression - Let's talk“ steht. Reden scheint dringend nötig. Denn noch immer sind Depressionen vielfach mit einem Tabu belegt - besonders bei Männern.

In acht Schritten zum Burn-Out

Die Zahlen sprechen eine ganz andere Sprache. Im Laufe eines Jahres erkranken nach Angaben der Stiftung Deutsche Depressionshilfe mehr als 5,3 Millionen Bundesbürger daran. Depressionen seien auch die häufigste Ursache der jährlich rund 10 000 Suizide in Deutschland. Nach einer Analyse des Robert Koch-Instituts (RKI) zählen Depressionen zu den häufigsten psychischen Leiden in Deutschland. Sie machten weder Halt vor dem Alter noch vor dem sozialen Status.

„Psychische Erkrankungen haben etwas Unheimliches“, sagt Ulrich Hegerl, Leiter der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie an der Uniklinik Leipzig. Es verändere sich ja nicht nur ein Organ oder Körperteil, sondern das Innerste, das Selbst. Das sei für die Betroffenen kaum erträglich. „Das gleiche gilt aber auch für Angehörige, Freunde und Kollegen, die diese Veränderungen auch bemerken. Sie sind beunruhigt, weil sie es nicht verstehen.“ Nicht-Verstehen heißt oft auch Nicht-Wissen. Eine Depression ist keine Reaktion auf schwierige Lebensumstände, Stress oder andere Probleme. „Es ist eine eigenständige schwere Erkrankung“, betont Hegerl.

Viele verwechselten eine Depression jedoch immer noch mit „schlecht drauf sein“. Oft treffe sie Menschen, die als Gesunde sehr verantwortlich und leistungsorientiert seien. Die Veränderungen der Persönlichkeit stellten Mitmenschen deshalb vor ein besonders großes Rätsel. Sätze wie „Nun reiß' dich mal zusammen“ bewirkten aber nur noch größere Verzweiflung der Betroffenen. „Bei einer schweren Depression kann sich auch der disziplinierteste Mensch nicht am eigenen Schopf aus dem Sumpf ziehen“, sagt Hegerl. Mit professioneller Hilfe aber sei sie meist gut behandelbar.

Fünf Tipps zur Stressbewältigung

Neigungen zu Depressionen können genetisch bedingt sein, aber auch durch traumatische Erlebnisse entstehen. „Die Veranlagung führt zu veränderten Hirnfunktionen, zum Beispiel zu stärkeren Reaktionen auf Stress unterschiedlichster Art“, erläutert der Experte. Viele Botenstoffe im Körper, die den Schlaf steuerten, den Appetit, aber auch die Fähigkeit Freude oder Hoffnung zu empfinden, wirkten anders. Die Depression rückt alles Negative ins Zentrum des Erlebens und vergrößert es riesenhaft: Stress im Job, in der Partnerschaft oder auch körperliche Beschwerden.

Vorurteile gegenüber Depressionen sind tief verwurzelt. Doch Hegerl sieht Fortschritte. Die Krankheit werde heute häufiger erkannt. Es steige also nicht die Häufigkeit an sich, sondern die Zahl der Diagnosen. „Eine sensationell gute Entwicklung sind die sinkenden Suizidraten in Deutschland“, sagt er. Ein gutes Zeichen sei auch, dass Prominente wie Adele oder Bruce Springsteen offen über ihre Erkrankung sprächen.

Dennoch kann es auch mit gutem Willen ein weiter Weg bis zum richtigen Arzt sein. „Depression ist die Erkrankung in unserem Gesundheitssystem mit dem größten Optimierungsspielraum“, formuliert es Hegerl vorsichtig. Obwohl mit Antidepressiva und Psychotherapie gute Möglichkeiten zur Verfügung stünden, erhalte nur eine Minderheit der Patienten eine Behandlung nach den Leitlinien.

Dorothea Möller versucht bis heute, die Erkrankung ihres Mannes zu verstehen. Sie hat stapelweise Bücher darüber gelesen und mit anderen Betroffenen gesprochen. Nun vermeidet sie Druck, plötzliche Veränderungen und übt sich in Geduld. „Die Antidepressiva haben ihn ausgeglichener gemacht“, sagt sie. Ihr Mann könne wieder arbeiten, aber maximal halbtags und ohne eigene Kanzlei. Doch einer Therapie verweigere er sich nach wie vor. „Er nennt die Depression eine Schwächephase“, sagt sie. „So lange sich das nicht ändert, komme ich nicht zurück.“

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