WiWo App 1 Monat für nur 0,99 €
Anzeigen

Ernährungsstudie Viele Deutsche zu bequem und daher zu dick

Die Deutschen sind zu dick. Am Speck sind aber nicht nur das Überangebot von Speisen und zu wenig Bewegung schuld. Zu süße Getränke, zu salzige Snacks und unser verkrampfter Umgang mit dem Thema Essen tun ihr Übriges.

  • Artikel teilen per:
  • Artikel teilen per:
Eigentlich wissen die Deutschen alles über gesunde Ernährung. Sie wenden es nur nicht an. Quelle: dpa

Die Deutschen sind zu dick: Über die Hälfte der Erwachsenen in Deutschland ist übergewichtig, fast ein Viertel ist sogar krankhaft übergewichtig (adipös). Bei den Kindern und Jugendlichen sind rund 15 Prozent übergewichtig, bei sechs Prozent ist das Übergewicht krankhaft. Vor allem die Gruppe der adipösen und stark adipösen Menschen wächst. Das belegen eine ganze Reihe von Studien – von der KIGGS Kinder und Jugend Gesundheitssurvey des Robert-Koch-Instituts bis zu den OECD-Daten.

Deutsche bescheinigen sich selbst Übergewicht

In einer Ernährungsstudie der Techniker Krankenkasse (TK) hat sich knapp die Hälfte der befragten Menschen Übergewicht bescheinigt. Acht Prozent bezeichneten sich als stark übergewichtig.

Adipositas: Wissenswertes zur Volkskrankheit

Auf der anderen Seite ist es 45 Prozent der Befragten wichtig, dass ihr Essen gesund ist. „Lecker“ muss es dagegen nur für 41 Prozent sein. Zum Vergleich: 2013 war es nur 35 Prozent wichtig, dass ihr Essen gesund ist. Da war „schnell“ wichtig. Und natürlich „lecker“.

Die sieben Erfolgsfaktoren gesunder Ernährung

Auch über ihren Fleischkonsum denken viele Deutsche gründlicher nach als noch vor zwei Jahren. "Der Anteil der Veganer und Vegetarier ist mit ein bzw. zwei Prozent immer noch sehr klein“, sagt Peter Wendt, in der Marktforschung der TK für die Datenanalyse verantwortlich. Aber 13 Prozent ernähren sich überwiegend vegetarisch und verzichten weitgehend auf Fleisch- und Wurstwaren. „Auch der Anteil der Verbraucher, die bevorzugt bio kaufen, ist in den letzten drei Jahren von einem Drittel auf 40 Prozent gestiegen“, so Wendt. Es tut sich also was in Deutschlands Kühlschränken und Kochtöpfen. Trotzdem werden wir immer dicker.

Essen ohne Sanktionen


"Häufig fehlt es an der Zeit für den Einkauf und die Zubereitung von frischen Lebensmitteln. Die Menschen greifen dann aus Bequemlichkeit zu Fertiggerichten oder Snacks, die häufig zu viel Fett, Salz oder Zucker enthalten", erklärt die Gesundheitspsychologin Annegret Flothow von der Hochschule für Angewandte Wissenschaften in Hamburg. "Nur ein Viertel der Befragten gibt an, dass sie nicht genug über gesunde Ernährung wissen", sagt sie.
Aus diesem Grund müsse das Thema gesunde Ernährung nach Meinung von Experten nicht zwangsläufig in ein Unterrichtsfach umgewandelt werden.

Dass Salat und Vollkornbrot besser für den Körper und das Gewicht sind, als Pizza und Currywurst, weiß auch ein Teenager. Ob 45 Minuten Unterricht pro Woche reichen, um dem Zehnjährigen beizubringen, dass er beim nächsten Kindergeburtstag lieber nach Möhren statt nach Muffins greifen sollte, ist ohnehin fraglich. Denn zumindest Kinder essen in der Regel das, was es zuhause gibt oder was sie von zuhause gelernt haben.


Wer mit Süßigkeiten und Limo groß gezogen wurde, greift mit 13 im Freibad eben nicht zum mitgebrachten Apfel, sondern holt sich eine Pommes rot-weiß. Und selbst wenn später das Bewusstsein einsetzt, dass gesündere Ernährung besser wäre, wird es den Verbrauchern nicht leicht gemacht. "Die gesunde Wahl wird uns unnötig schwer gemacht. Der Großteil der Erfrischungsgetränke ist überzuckert, die Kennzeichnung von Fett, Zucker und Salz ist eine Zumutung, und selbst Süßigkeiten werden wie gesunde Produkte beworben“, sagt Oliver Huizinga von der Verbraucherorganisation foodwatch.

Wie isst Deutschland? Erkenntnisse aus dem Ernährungsreport

Auch Jens Baas, Vorstandsvorsitzender der TK, sagt: „Wenn ich für den Besuch im Supermarkt ein Biochemiestudium benötige, um Zucker in der Zutatenliste überhaupt identifizieren zu können, wenn ich Licht und Lupe brauche, um diese Liste überhaupt lesen zu können, läuft etwas falsch.“
Ein weiterer Aspekt, der zu ungesundem Essverhalten führt, sind wir allerdings selbst. Denn die Pommes im Freibad oder das Stück Torte sind kein Problem. Genauso wenig wie Chips am Abend oder eine Pizza am Mittag. So lange es nicht jeden Mittag Pizza, jeden Nachmittag Torte und jeden Abend Chips gibt. Und so lange man sich nicht alles verbietet und verkneift, was man gerne isst – nur um dann mit schlechtem Gewissen eine ganze Tafel Schokolade auf einmal aufzuessen.

Sich den Genuss nicht verbieten

Entsprechend wirbt auch TK-Chef Jens Baas für einen bewussteren Lebensmittelkonsum – und zwar ganz ohne Verbote und Sanktionen. „Essen ist viel mehr als nur Nahrungsaufnahme. Es ist Kultur, Genuss und bringt Menschen zusammen. Beim Familienessen oder im Stadion möchte niemand Kalorien zählen“, sagt er. „Aber wir sollten uns das bewusst gönnen, wissen, was wir essen und gute Lebensmittel angemessen wertschätzen.“
Gerade wer körperlich hart arbeitet oder viel Sport treibt, braucht Energie, die er seinem Körper nicht vorenthalten sollte. Und selbst der Büroangestellten, die wenig Sport treibt, tut ein Völlerei-Tag in der Woche nicht weh, wenn sie sonst auf ihre Ernährung achtet. Oder wie es so schön heißt: Es kommt nicht darauf an, was man zwischen Weihnachten und Neujahr isst, sondern auf das, was man zwischen Neujahr und Weihnachten isst.

© Handelsblatt GmbH – Alle Rechte vorbehalten. Nutzungsrechte erwerben?
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%