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FührungsSpitzen

Qualifiziert und auf dem Absprung

Laut Ernst & Young kämpfen deutsche Arbeitgeber gleich an zwei Fronten: Gegen den schrumpfenden Fachkräfte-Nachwuchs im eigenen Land und gegen Headhunter aus dem Ausland. Dass Konzerne aus aller Welt unsere Ingenieure einstellen wollen, ist zunächst mal eine gute Nachricht, meint Personalberater Heiner Thorborg.

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Heiner Thorborg ist einer der führenden Personalberater Deutschlands Quelle: Bert Bostelmann für WirtschaftsWoche

Viele deutsche Fachkräfte kommen nämlich nach ein paar Jahren auf der Piste gerne wieder nach Hause – und können dann auch noch Auslandserfahrung in die Waagschale werfen.

Die Attraktivität deutscher Fachkräfte droht der heimischen Wirtschaft zum Verhängnis zu werden, findet die Wirtschaftsprüfungsgesellschaft Ernst & Young. Eine Befragung von weltweit 1200 forschungsintensiven Unternehmen ergab, dass Deutschland nach den USA und Japan bei den innovationsstarken Unternehmen der Welt als eines der führenden Länder in der Pharma- und Biotechnologie, Nanotechnik, Luft- und Raumfahrt sowie in der Informationstechnik und Elektronik gilt – und, dass Beschäftigte aus diesen Branchen höchst abwerbegefährdet sind.

Dass China und Indien ähnlich gut platziert sind, ist laut Ernst & Young nur auf die größere Bevölkerung und die hohe Zahl der in diesen Regionen ausgebildeten Ingenieure zurückzuführen.

Werden unsere schlauesten Mitarbeiter jetzt also in Heerscharen dauerhaft zu neuen Ufern aufbrechen und das Land als technologiefreie Zone zurücklassen? Wohl kaum. Dass Deutschland als eine der Nationen identifiziert wird, aus der "in naher Zukunft die meisten Talente kommen", ist eine exzellente Nachricht, bedeutet sie doch die Anerkennung eines Bildungs- und Ausbildungssystems, das im Land zwar immer wieder kritisiert wird, sich im internationalen Vergleich aber durchaus sehen lassen kann.

Dass wir über all diese Intelligenz verfügen, ist zunächst einmal phantastisch. Selbst für die betroffenen Unternehmen. Denn Probleme mit erstklassigen Mitarbeitern, die ein gutes Geschäft machen sind allemal besser als keine Probleme ohne erstklassige Mitarbeiter und entsprechend schlechtem Geschäft.

Außerdem ist es gar nicht so schlimm, wenn die gut ausgebildete, lebens- und karrierehungrige Jugend für ein paar Jahre in die Ferne zieht. Ein Auslandsaufenthalt im Lebenslauf freut nämlich am Ende auch die Arbeitgeber in der Heimat, zeigt er doch, dass ein Kandidat in mehreren Kulturen, Unternehmen oder gar Systemen geländegängig ist. Solche Leute lockt man auch gerne wieder zurück.

Die Erfahrung in anderen Ländern rückt vielen Expats den deutschen Kopf zurecht

Seien wir doch ehrlich: In Deutschland wird auf höchstem Niveau gejammert. Andere wären froh, wenn sie das politische System, die Gesundheitsversorgung, die Universitäten, den Arbeitschutz und die Forschungseinrichtungen hätten, die wir zu Hause so oft beklagenswert finden.

Deutsche halten Zentralheizungen und doppelt verglaste Fenster für normal – wissen deren Nutzen aber oft erst nach ein paar feuchtkalten Wintern in einem Land zu schätzen, wo derartige Bautechnologie kaum Einsatz findet. Und das sind 98 Prozent aller Länder dieser Erde, USA oder UK inklusive.

Die Mehrheit der Weltenbummler kommt nach ein paar Jahren im Ausland tatsächlich gerne wieder nach Hause zurück, denn abgesehen von der hohen Steuerbelastung und den vielen Tiefs beim Wetter hat Deutschland eine Menge zu bieten. Kaum ein anderes Land verbindet ein ähnlich hohes Maß an Sicherheit mit so extensiver wirtschaftlicher und politischer Freiheit.

Keine Frage, wir brauchen insgesamt mehr Ingenieure und der jetzt schon spürbare Mangel wird sich noch verschärfen. Derzeit kommen in Deutschland auf 1000 Ingenieure in Lohn und Brot nur rund 35 Absolventen. In Frankreich sind es doppelt so viele.

Es geht also nicht nur um die Frage, wie viele deutsche Fachkräfte anderswo arbeiten, sondern auch um die, wie wir die ausländische Intelligenzia von der Attraktivität Deutschlands überzeugen. Die Notwendigkeit, Deutsch zu lernen, ist sicher für viele Fremde eine Herausforderung, doch wer die erst einmal gemeistert hat, kann in Deutschland wunderbar leben und arbeiten.

Denn wo steht eigentlich, dass "Made in Germany" gleichbedeutend sein muss mit "Made by Germans"?

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