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Gender Pay Gap Warum Männer mehr verdienen als Frauen

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Frauen auf dem mommy track

Die weitgehend akzeptierte Diskriminierungsthese geht davon aus, dass in der Arbeitswelt - konkret bei denen, die mit Frauen niedrigere nicht-tarifliche Bezüge aushandeln als mit Männern -, der schiere Machismus herrscht. Nachweisen lassen sich solche Diskriminierungsabsichten bislang ebenso wenig, wie sie sich widerlegen lassen.

Die Selbstverständlichkeit, mit der sie vorausgesetzt werden, speist sich allein aus der dauernden Wiederholung der Behauptung. Ernsthafte soziologische Untersuchungen über bewusste Geschlechtsdiskriminierung bei Gehaltsverhandlungen, also zum Beispiel anonymisierte psychologische Befragungen von Personalverantwortlichen, scheint es nicht zu geben.

Doch selbst wenn man davon ausgeht, dass aller Gleichberechtigungsrhetorik zum Trotz in vielen personalverantwortlichen Männerhirnen noch immer eine unterschwellige Frauenverachtung wirksam ist, so wäre diese eine allzu eindimensionale Erklärung für ein vieldimensionales Phänomen.

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Angesichts der existierenden Unterschiede ist naheliegend, dass Gehaltsverhandlungen mit Frauen tatsächlich anders ablaufen als solche mit Männern. Möglicherweise bieten Personalverantwortliche Frauen tendenziell geringere Gehälter an. Aber das bedeutet nicht unbedingt, dass sie das tun, weil sie bewusst Frauen diskriminieren.

Möglich wäre zum Beispiel auch, dass sie die Erfahrung gemacht haben, dass Frauen tendenziell schwächer verhandeln, also zum Beispiel weniger fordern oder eher nachgeben. Sollte dies der Fall sein, wäre zu ergründen, warum dies so ist.

Soziobiologische (also an der Evolutionsgeschichte orientierte) Erklärungen wären ebenso möglich wie soziokulturelle, die die Nachwirkungen des traditionellen Frauenbildes aufzeigen. Knallhart zu verhandeln, ist vermutlich tatsächlich keine Eigenschaft, die Mädchen als vorbildhaft anerzogen wird.

Für eine schwächere Verhandlungsgrundlage in der freien Wirtschaft und letztlich auch den geringeren Frauenanteil in Führungspositionen sind nach einer Studie des Frankfurter Soziologen Fabian Ochsenfeld zum Teil die Geschlechtsunterschiede bei der Studienfachwahl verantwortlich.

Junge Frauen studieren tendenziell Fächer, die sie weniger für Karrieren in der freien Wirtschaft qualifizieren - nämlich Geistes-, Sozial- und Erziehungswissenschaften sowie Lehramtsstudiengänge. Vor allem die Natur- und ingenieurwissenschaftlichen Fächer sind trotz aller geschlechterpolitischen Bemühungen nach wie vor eine Männerdomäne. Und sie verschaffen starke Argumente gegenüber der Personalabteilung.

Noch entscheidender als die Fächerwahl ist nach Ochsenfeld aber etwas anderes: Die meisten Frauen reduzieren mit der Geburt von Kindern ihr berufliches Engagement zu Gunsten der Familie.

In die Sprache der Ökonomen übersetzt: Die "Opportunitätskosten", die Frauen im Dienste der Familie für entgangene Chancen im Beruf zahlen, sind umso größer, je größer die Chancen wären.

Eine Studie der Harvard Business School zeigt, dass viele amerikanische Ehefrauen, die in jüngeren Jahren noch sehr ehrgeizige Berufsziele hatten, mit zunehmendem Alter freiwillig ihren Männern das Karrieremachen überlassen. Und dies gilt sogar für Frauen, die keine Kinder haben.

Erfolg



Der Gender Pay Gap ist also nicht zuletzt ein family gap. Auch Derek Thomson spricht vom "mommy track": Frauen investieren weniger Energie in karriere- und gehaltsrelevante Aktivitäten (zum Beispiel Fortbildungen), da ihre Berufswege – familienbedingt –weniger geradlinig und planbar verlaufen als die der meisten Männer.

Und vor allem: Frauen mit Kindern haben für solche Aktivitäten neben der regulären Arbeit oft einfach keine Zeit. Ohne die entsprechenden Zusatzqualifikationen fehlen ihnen dann bei der Gehaltsverhandlung im Vergleich mit Männern möglicherweise einige gute Argumente.

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