Generation Y Unser Selbstoptimierungswahn in der Always-on-Gesellschaft

Wir sind dressierte Wesen. Bei all dem Optimierungswahnsinn bleibt aber ein wesentliches Gefühl auf der Strecke: das Glück.

Generation Y: Unser Selbstoptimierungswahn in der Always-on-Gesellschaft Quelle: dpa

Immer mehr, immer schneller, immer weiter: Über das Steigerungsphänomen in der Beschleunigungsgesellschaft ist viel geschrieben worden. Eine Dauerbeschäftigung von uns Deutschen ist die Optimierung unseres Selbst. Für manche ist es eine Lieblingsbeschäftigung: Vor der Arbeit schon die Sporteinheit abhaken, duschen, den Superfood-Smoothie trinken und dann ab ins Büro. Dort wartet eine straff getaktete To-Do Liste, die keinen Platz für unvorhergesehene Kollegenbesuche oder lange Telefonate zulässt.

In der Mittagspause wird beim Spaziergang durch den Japanischen Garten ein Coffee to Go getrunken und im Büro noch kurz ein Powernap eingelegt, bevor es wieder mit der eng getakteten To-Do Liste weitergeht. Ganz nach dem Motto „born to perform“ und für Top-Performance à la Tim Ferriss wird permanent das Selbst quantified.

Gesundheit aus dem Smartphone funktioniert nicht!

Die Palette der Ratgeber, Tipps und Tricks reicht bis einmal zum Mond und wieder zurück und im Sinne des Steigerungsphänomens ermöglichen uns seit einigen Jahren mobile Health Angebote (Apps zur Messung von Blutdruck, über Stimmhöhe, Schrittzahl und Körpertemperatur) auf Schritt und Tritt unseren eigenen Body und Mind unter Kontrolle zu halten.

Zur Person

Bei so manchen Freunden von mir ist das perfekte Leben tabellarisch in Messeinheiten erfasst. Und all die Super-Blogger und –Bloggerinnen demonstrieren uns auf ihren Social-Media-Kanälen, wie easy es ist, den fittesten Body zu erdiäten, mit nur fünf Stunden Schlaf die Nacht trotzdem Höchstleistung zu erbringen und zehn Bücher in einer Woche zu lesen. Aber: Wie soll das auf Dauer gut gehen? Sich täglich selbst anzutreiben und auszupeitschen, hält doch keiner lange durch.

Das sehen wir an alarmierenden Zahlen: Immer mehr junge Leute greifen zu leistungssteigernden Medikamenten wie Ritalin oder Psychopharmaka, die sich stimmungsaufhellend auf das Bewusstsein auswirken, um dem ständigen Anspruch von Uni oder Arbeit oder Uni und Arbeit und der Familie gerecht zu werden.

Coping-Strategien

Wir greifen zunehmend auf selbstgefährdende Bewältigungsstrategien zurück und glauben, unseren Alltag bestens im Griff zu haben. Dabei starren wir nonstop auf unsere Smartphones, checken E-Mails von Kollegen und dem Chef, screenen unsere Likes, scrollen durch die Schein-Welt auf Instagram und vergessen dabei ganz, den Fokus auf die Gespräche mit dem Lebenspartner, Freunden oder Kindern im Hier und Jetzt zu legen.

Depression statt Happiness

Die Folge: Wir fühlen uns einsam, obwohl wir nicht alleine sind, wir fühlen uns gereizt und gestresst, obwohl wir doch täglich unsere Gesundheit tracken, wir machen Überstunden, intensivieren die Arbeitszeit und schlucken stattdessen aufputschende Substanzen. Und als wäre das alles noch nicht schlimm und alarmierende genug, werden zukünftig Zahnbürsten, Spiegel, Kühlschränke auch noch anfangen, nur das Beste für uns zu wollen und aus uns rauszuholen.

Bei all dem Optimierungswahnsinn bleibt ein wesentliches Gefühl auf der Strecke: Happiness. Dabei versprechen doch all die Selbstoptimierungs-Tools, Tipps und Tricks in Büchern, Videos und Hörbüchern mehr Happiness. Fehlalarm. Bei all der Taktung und Disziplin scheint sie auf der Strecke zu bleiben. In der Wissenschaft wird sogar das Gegenteilige beobachtet: Auch deshalb werden bei immer mehr jungen Menschen Depression oder andere psychosomatische Störungen zum Beispiel Angststörungen diagnostiziert.

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Es ist eine Sehnsucht danach, einfach mal faul zu sein, nach Fehlerhaftem, nach Ungezwungenheit, nach auch mal nichts tun, zu beobachten. Danach, drei Filme in Folge zu schauen, dabei im Bett zu liegen und Schleckeis zu schlemmen – ohne schlechtes Gewissen und Gedanken um Arbeit, Kalorien oder Wäsche, die noch gewaschen werden will. Wir befinden uns am Anfang einer Mindful Revolution.

Ganz oft hilft es, in einem beschleunigten Alltag kurz zu rasten, achtsam zu sein, auf seinen Körper zu hören, Emotionen zu erspüren und Gedanken zu verarbeiten. Denn als Gegenpol zu all dem Selbstoptimierungs-Rhythmus braucht unser Körper, unser Geist und unsere Seele einen Ruhe-Rhythmus, ein „Digital Detox“, ein Aussteigen aus der Beschleunigung.

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