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Antibeschlagprodukte Beschlagene Brillen: Wie zwei Gründer gerade das Geschäft ihres Lebens machen

Nervige Kondensation: Schon nach den ersten Atemzügen unter dem Mund-Nasen-Schutz beschlagen die Brillengläser. Quelle: imago images

Tücher und Sprays, die das Beschlagen von Brillengläsern verhindern sollen, sind begehrt, manche sogar ausverkauft. Der Maskenpflicht sei Dank. Am Boom verdient ein Start-up ganz besonders. Doch was hilft am besten?

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Als Nils Fleischhauer Anfang 2017 zusammen mit Geschäftspartner Sean Uhm die Smart Light Solutions GmbH mit Sitz in Hamburg gründete, rechnete er wohl kaum damit, dass er mal einer der großen Gewinner einer Krise sein würde. Anfangs wollten die beiden Männer noch ein intelligentes Parkraumleuchtkonzept verkaufen. Ein Nischenprodukt, das für den Firmennamen verantwortlich ist. Vor etwas mehr als drei Jahren brachten sie dann das Antibeschlagtuch „Foogy“ auf den Markt. Und es passierte: erstmal nicht viel. „Zu Beginn war der Verkauf des Produkts nur ernüchternd und die Tücher liefen nebenbei mit“, berichtet Fleischhauer.

Bis die Bundesregierung im April 2020 in allen Ländern eine Maskenpflicht verhängte. Und Millionen Brillenträger in Deutschland plötzlich vor einem nervigen Problem standen: Schon nach den ersten Atemzügen unter dem Mund-Nasen-Schutz beschlagen die Brillengläser. Und das ständig. Im Supermarkt, im Büro, in der Bahn. Brille und Maske wollen sich einfach nicht vertragen. Selbst mehr als ein halbes Jahr nach dem Inkrafttreten der Maskenpflicht und trotz Masken mit speziellem Schnitt oder mit einem Drahtbügel über der Nase ist das Phänomen weiterhin zu beobachten. Hilfsmittel werden dringend benötigt.

Hier kommen Fleischhauer und Geschäftspartner Uhm ins Spiel: Die Verkaufszahlen seines Microfasertuchs, das in einen geheimen Mix aus verschiedenen Chemikalien getränkt und anschließend getrocknet wird, gehen seit Monaten durch die Decke. Es soll bis zu 200 Mal angewendet werden können und immer für zehn Stunden vor der nervigen Kondensation schützen. Verkaufte Fleischhauer vor der Pandemie nur etwa 10.000 der Tücher pro Jahr, sollen es heute 500.000 in nur einem Monat sein. Und es sei „kein Ende in Sicht“. „Wir beliefern Optiker, Tankstellen, Onlinehändler, Apotheken, Lebensmittelhändler, Pharmaziegroßhändler“, so der Unternehmer. Einen Umsatz will er nicht nennen.

Krisengewinner Foogy: Das Antibeschlagtuch verspricht 200 Anwendungen mit jeweils zehn Stunden Schutz. Quelle: PR

Der Nachfrage kann er kaum standhalten. Auf Amazon ist Foogy gerade nicht verfügbar. Bei dem Onlinehändler wurde übrigens kein anderes Brillenbeschlagtuch eines deutschen Anbieters häufiger bewertet. Wenn es denn erhältlich ist, können Brillenträger das Tuch in Deutschland, Österreich, der Schweiz, Spanien und Portugal kaufen. Fleischhauer hatte sogar schon gemeinsam mit den Außenhandelskammern die Expansion nach Frankreich und Italien angestoßen, die Produktverpackung ins Französische und Italienische übersetzt. Kurzerhand legte er die Expansion allerdings auf Eis. „Die Nachfrage ist einfach zu groß“, sagt Fleischhauer. Sein Geschäftspartner Sean Uhm ist gerade in Südkorea, wo Foogy produziert wird, um die Kapazität zu erhöhen. Mittlerweile hätten nämlich selbst große Chemiekonzerne, die mit Schutzbrillen arbeiten, Interesse an Foogy.

Geschäftsführer der Smart Light Solutions GmbH: Nils Fleischhauer und Sean Uhm. Quelle: PR

Was zuerst nach einer wundersamen Gründergeschichte, einem Einzelfall klingen mag, deckt sich tatsächlich mit der Verkaufsentwicklung von Antibeschlag-Hilfsmitteln im Handel. Etwa auf Ebay. Gerade mal drei Produkte mit dem Wort „Antibeschlagtuch“ im Titel oder in den Produktmerkmalen wurden im Januar, Februar und März auf ebay.de verkauft. Gesamtumsatz: mickrige 21,48 Euro. Einundzwanzig Euro und achtundvierzig Cent. Von April bis November gingen bei Ebay dann im Schnitt mehr als 560 solcher Produkte mit dem Wort „Antibeschlagtuch“ in Titel oder Merkmalen über die digitale Ladentheke. Pro Monat. Gesamtumsatz mit „Antibeschlagtüchern“ in den acht Monaten: fast 45.000 Euro. Das Preisvergleichsportal Idealo stellt vor allem im Zeitraum des zweiten Lockdowns eine besonders hohe Nachfrage nach Antibeschlagspray fest. „Knapp die Hälfte der Gesamtnachfrage 2020 nach diesem Produkt fällt auf den Zeitraum Anfang Oktober bis Ende November. Im gleichen Zeitraum 2019 waren es nur 23 Prozent“, so das Unternehmen.

Auch der Einzelhandel spürt den Nachfrageschub – und kämpft ebenfalls mit der Verfügbarkeit. Die Drogeriekette dm etwa erweiterte wegen der „stärkeren Nachfrage“ nach Antibeschlag-Produkten das Sortiment. Das umfasst auch ein günstiges Spray der Eigenmarke Visiomax. Das Spray geht offenbar besonders gut weg: „Aufgrund der erhöhten Nachfrage ist das Brillenreinigungsspray von Visiomax in unserem Onlineshop temporär nicht verfügbar. Wir arbeiten bereits daran, das Produkt auf dm.de wieder anbieten zu können“, sagt Sebastian Bayer, dm-Geschäftsführer und verantwortlich für Marketing und Beschaffung.

Apollo Optik verzeichnet in den Filialen und im Onlineshop „ein Vielfaches an Nachfrage“ nach den Hilfsmitteln. Auch Fielmann berichtet von einer gesteigerten Nachfrage, die vorher „in dieser Form“ nicht bestand. „Tatsächlich ist sie derzeit größer als die vorhandenen Lieferkapazitäten der Hersteller“, teilte das Unternehmen auf Anfrage mit. Fielmann handelt auch das Foogy-Tuch von Fleischhauer, für 7,99 Euro. Ein Antibeschlag-Set des Traditionsunternehmens Zeiss aus Jena werde ebenfalls stark nachgefragt.

Das spürt auch Zeiss selbst und berichtet weltweit von einem deutlich zweistelligen Wachstum der Nachfrage im Vergleich zum Vorjahr. „Wir haben die Produktionskapazitäten deutlich erhöht“, so ein Unternehmenssprecher. Außerdem bewerbe Zeiss das Set, das aus einem Spray gegen den Beschlag und einem Tuch besteht, in den sozialen Medien deutlich stärker.

Manch anderer Hersteller ist auf diesen Zug noch nicht aufgesprungen. Etwa die Unternehmensgruppe Melitta aus dem westfälischen Minden – vor allem bekannt für ihren Kaffee. Zu der Gruppe gehört auch die Marke Swirl, die Müllbeutel, Staubsaugerbeutel und eben Brillenputztücher vertreibt. Die Tücher in der orange-blauen Verpackung versprechen laut Aufschrift „Anti-Beschlag“. Melitta habe in diesem Jahr eine leicht stärkere Nachfrage für Brillenputztücher verzeichnen können, wolle das aber nicht mit der Maskenpflicht erklären, wie das Unternehmen auf Anfrage mitteilte. Grund für den Anstieg könnten auch „Sondereffekte“ sein. „Aufgrund der Coronapandemie haben wir die Werbemaßnahmen für Swirl-Brillenputztücher weder verändert noch deutlich verstärkt“, so das Unternehmen.

Brille oder Spray – was denn nun?

Viele Unternehmen, viele Produkte: Um die Frage, was am besten gegen den Beschlag hilft, ist ein kleiner Glaubenskrieg entstanden. Optiker Robert Giessen aus Düsseldorf empfiehlt, mehrere Produkte zu testen. Immerhin hänge der Erfolg stark von der Brille ab: Moderne Brillengläser seien extrem glatt, damit sie Staub und Schmutz abweisen. Diese eigentlich positive Eigenschaft wird bei der Anwendung von Tüchern und Sprays zum Problem. Der Schutzfilm, den die Produkte auf das Glas legen sollen, würde auf manchen der hydrophoben – also wasserabweisenden und eigentlich sehr guten – Brillengläsern nur bedingt halten. Und wenn kein Schutzschirm entsteht, wird auch kein Beschlag verhindert. Ursprünglich seien viele Produkte für Motorradvisiere, Ski- oder Taucherbrillen gedacht gewesen.

Doch genug der Einschränkung: Die Produkte würden häufig „schon sehr gut“ funktionieren, sagt Giessen. Auch bei ihm gehen die Sprays und Tücher weg „wie warme Semmeln“. Bei hunderten verkauften Tüchern und Sprays „hat sich nur ein einziges Mal eine Kundin beschwert, dass das Antibeschlagprodukt nichts bringt“, sagt Giessen. Er gab ihr das Geld zurück.


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Laut Fielmann haben sich die Tücher als „wirksames Hilfsmittel“ erwiesen. Einigkeit herrscht darüber, dass vor allem eine enganliegende Maske der Kondensation vorbeugt. Dafür sorgt etwa ein gut formbarer Nasenbügel der Maske. Apollo Optik empfiehlt sogar, die obere Kante der Maske einmal nach innen einzuschlagen. Ohnehin würden saubere Brillen deutlich weniger beschlagen als schmutzige. Fielmann ergänzt: „Außerdem empfiehlt es sich, die Brille nach der Maske aufzusetzen, damit sie auf dem Nasenbügel der Maske aufsetzt.“

Bei Zeiss gibt man sich zusätzlich zur Empfehlung des eigenen Antibeschlag-Sets traditionell: Langfristig hätten warmes Wasser, ein wenig Spülmittel und ein sauberes Baumwollhandtuch den besten Effekt.

Fleischhauer und sein Geschäftspartner Uhm werden sich davon wohl nicht beirren lassen. Immerhin haben sie auch noch andere Produkte im Portfolio: Unter der Marke Cuckoo etwa verkaufen sie verschiedene Reiskocher. Und bald wollen sie mit den nächsten Produkten weitermachen, denen wegen der Pandemie eine immer größere Bedeutung zukommt: Luftreinigern.

Mehr zum Thema: Fünf Produkte, die unser Leben in der Pandemie leichter, sicherer und aktiver machen sollen.

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