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Autorin über das Silicon Valley „Das alles ist einfach so kaputt und so amerikanisch“

Um das Leben und Arbeiten im Silicon Valley ranken sich viele Mythen. Ist wirklich alles Gold, was glänzt? Quelle: Getty Images

Um das Leben und Arbeiten im Silicon Valley ranken sich viele Mythen. Wie es wirklich ist, weiß Anna Wiener. Im Gespräch erzählt sie über den fatalen Drang, alles zu quantifizieren, miese Sozialleistungen in Start-ups und die Redefreiheit im Netz.

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Anna Wiener kam mit Mitte 20 am Ende der Nullerjahre in die Start-up-Szene – davor arbeitete sie in der Literaturbranche, was ihr zwar gefiel, womit sie aber kaum Geld verdiente. Zufällig bekam sie einen Job bei einem E-Book-Start-up. Da wurde sie zwar recht schnell wieder gefeuert, doch der Anfang war gemacht. Sie zog ins Silicon Valley, wo sie für verschiedene Start-ups vornehmlich im Kundendienst arbeitete. Mittlerweile ist Wiener Journalistin und schreibt für den New Yorker, The Atlantic und Wired. In ihrem Buch „Code kaputt“, das am 20. August auf Deutsch erscheint, beschreibt die Autorin ihre Arbeitserfahrungen bei diversen Start-ups im Silicon Valley: viel zu junge Gründer, viel zu viele sich überschätzende Männer – und wenig Fokus auf Kreativität.

WirtschaftsWoche: In Ihrem Buch beschreiben Sie sich selbst als eine junge Frau, die ihr Licht unter den Scheffel stellt. Die Männer, die auftreten, agieren da ganz anders. Warum?
Anna Wiener: Ich glaube, diese Art von weißem, männlichem Selbstvertrauen ist oft eine Reaktion auf das Feedback, das die Leute von der Start-up-Kultur bekommen. Im Silicon Valley wird viel Wert auf Jugendlichkeit gelegt und  auf ein bestimmtes technisches Mindset. Ich erkenne da ein Muster: Leute, die Unternehmen finanzieren, sehen sich oft selbst in den jungen Gründern, die mit Geschäftsideen an sie herantreten. Und dieser Zyklus von jungen, weißen Männern, die das Sagen haben, setzt sich in der Regel fort.

Und was ist mit den Frauen?
Ich glaube, dass einige Frauen auf jeden Fall so selbstbewusst sein können wie Männer und mehr als qualifiziert sind für Führungsrollen in der Tech-Industrie. Allerdings werden Frauen in einer Branche, die den Prototypen der jungen, weißen, männlichen Hackerfigur hat, oft unterschätzt, untergraben oder diskreditiert. Auch das hat mit den Feedback-Mechanismen und den impliziten Werten dieser Industrie zu tun. Mit dem Wasser, in dem die Leute schwimmen.

Anna Wiener zog mit Mitte 20 ins Silicon Valley, um dort in verschiedenen Start-ups zu arbeiten. Quelle: PR

Im Buch scheint es, als gebe es nur zwei Optionen: Entweder seine Seele an ein Start-up verkaufen, aber ordentlich Geld verdienen - oder das tun, was man liebt, dabei aber ohne Krankenversicherung oder regelmäßiges Einkommen dastehen. Ist die Wirklichkeit im Silicon Valley wirklich so schwarz-weiß?
Es gibt verschiedene Möglichkeiten, sich im Silicon Valley ein Leben aufzubauen. Die Frage ist, ob man das Spiel mitspielt und in der Industrie mitmischt, oder ob man sich dazu entscheidet, neben ihr her zu leben. Die meisten Leute in San Francisco, und ich bin sicher, dass das auch für das gesamte Silicon Valley gilt, arbeiten nicht in der Techbranche. Das ist eigentlich nur eine ganz kleine Untergruppe der Wirtschaft hier, aber sie hat diesen übergroßen Einfluss, weil es in der Branche so viel Reichtum und Macht gibt. Das hinterlässt also wirklich seine Spuren in der Stadt und ihrer Kultur. Aber es ist keineswegs so, dass San Francisco eine Art monolithische Technologiestadt ist.

Was für Leute arbeiten denn dann eigentlich in der Techbranche?
Mich hat tatsächlich überrascht, dass einige Leute im Tech-Bereich aus privilegierten Verhältnissen kommen – mich eingeschlossen. Man hört ja immer von den Underdogs, den Emporkömmlingen, den Raufbolden, die sich in der Start-up-Szene durchsetzen. Doch tatsächlich habe ich gerade in den Anfangsphasen der Start-ups eine Menge Leute getroffen, die es sich leisten können, ein Risiko einzugehen. Leute, die eine Menge Möglichkeiten haben. Für die ist es keine existenzielle Entscheidung, bei einem Start-up anzufangen. Das ist aber nicht die Geschichte, die die Leute erzählen wollen. Dass Scheitern für einige leichter ist als für andere.

Aber gibt es da nicht auch Leute, die auf ihren Job und das Einkommen im Start-up angewiesen sind?
Ich finde es schwierig, über die Tech-Industrie in den USA zu sprechen, ohne die Dinge zu erwähnen, die in der amerikanischen Politik und Kultur nicht funktionieren. Zum Beispiel das fehlende soziale Sicherheitsnetz. Viele Leute hier haben außerdem hohe Schulden für ihr Studium abzubezahlen. Wenn das anders wäre, würden einige wohl auch was anderes tun. Aber Tech ist eine Branche, in der es für kreative und fleißige Menschen - oder solche, die zumindest sagen, sie seien kreativ und fleißig - einen Platz gibt. Was ich absurd finde: Viele Menschen im Tech-Bereich machen das nicht in Vollzeit, sondern arbeiten dort zusätzlich zu ihrem eigentlichen Vollzeitjob, um ihr Einkommen aufzubessern. Wie kann es so weit kommen, dass Lehrer ihr Einkommen durch stundenlange Arbeit für ein Unternehmen im Silicon Valley aufbessern müssen? Das alles ist einfach so kaputt und so amerikanisch.

Was haben denn Ihre Kollegen nach der Veröffentlichung des Buches gesagt? 
Ich habe noch mit vielen ehemaligen Kollegen Kontakt. Die haben mich weitgehend unterstützt. Es gibt so viele Mythen rund um die Techbranche, so viele Geschichten rund ums Silicon Valley, und ich glaube, meine Ex-Kollegen waren froh, eine Geschichte zu lesen, die eben auch ihren eigenen Eindrücken entspricht. Ich glaube, es gibt viele Menschen in der Techbranche, die skeptisch oder ängstlich sind oder sich unglaublich verunsichert fühlen. Aber das laut auszusprechen, ist verpönt.

Mit dem englischen Titel des Buches „Uncanny Valley“ spielen Sie auf den paradoxen Effekt an, dass wir Menschen uns vor allzu menschenähnlichen Robotern fürchten. Sind die Leute in Start-ups im Silicon Valley zu roboterhaft, um als Menschen durchzugehen, oder zu menschenähnliche Roboter?
Um ehrlich zu sein, ist es weder das eine noch das andere. Die meisten Leute, die ich aus der Techbranche kenne, sind klug, kreativ und witzig, also überhaupt keine Roboter. Ich glaube aber, dass viele Leute in Führungspositionen Gefahr laufen, betriebsblind zu werden, weil das System bestimmte Verhaltensweisen belohnt. Es gibt viele Adjektive, die ich verwenden würde, um einige der Menschen zu beschreiben, denen ich im Silicon Valley begegnet bin. Aber roboterhaft wäre keines davon. Der Titel des Buches bezieht sich mehr auf die Kluft zwischen Erwartung und Realität: Für mich beschreibt die Geschichte das Versprechen des Silicon Valley, das, was einen anzieht und begeistern könnte, im Gegenzug dazu, wie es wirklich ist, in der Tech-Branche zu arbeiten. Das kann sich manchmal verwirrend, beunruhigend oder ein wenig abstoßend anfühlen. Das war die Parallele, die ich ziehen wollte, diese Art der „Täuschung“ wollte ich beschreiben.

„Im Silicon Valley gibt es eine wachsende Arbeiterbewegung“

Sie sprechen oft den Selbstoptimierungszwang an: Ob Fitnesstracker für Mitarbeiter, eigene Fitnessstudios im Büro oder das ewige Inlinern und Skateboarden im Büro. Geht es nicht ohne?
Ich denke, dass Unternehmenskulturen oft die Schwerpunkte des Geschäftsmodells widerspiegeln. In der Techbranche gibt es einen echten Drang, alles zu messen. Seinen Blutzuckerspiegel zu überwachen, obwohl es dafür keinen Grund gibt. Diese Art von Biohacking meine ich. Das ist, glaube ich, so etwas wie eine Subkultur in der Techbranche. Aber ich war noch nie an einem Arbeitsplatz, wo es hieß, ich müsse alle meine Schritte tracken oder so. Allerdings arbeiten in der Techbranche viele Menschen, die diese Idee der Quantifizierung und des Biohackings auch für sich selbst gut finden. In der Tech-Szene sind Messungen nämlich das A und O. Das habe ich selbst erlebt: In einem meiner Jobs wollte ich die Texte auf der Website verbessern – zumindest mal die Zeichensetzung ordentlich machen. Es war wirklich schwer, das durchzusetzen, weil man die Wirkung von guten Texten nicht direkt messen kann. Da musste ich dann argumentieren, dass Texte eine Form der User Experience sind und die Leute nichts lesen sollen, was Fehler hat - weil sowas direkt ins Auge springt. Das den Tech-Leuten klar zu machen, war aber schwierig. Den Wert von Dingen zu verdeutlichen, die eben nicht quantifizierbar sind. Und das ist meiner Meinung nach die Ursache vieler Probleme der Start-ups. Dass mehr Wert auf Quantität als auf Qualität gelegt wird.

Unter dem Hashtag #stophateforprofit haben im Juli viele große Firmen die Werbung auf Facebook boykottiert. Was halten Sie davon?
Ich finde es sehr interessant, dass Leute jetzt versuchen, Facebook und andere Unternehmen in eine bestimmte Richtung zu drängen. Spannender als den Werbeboykott finde ich aber den Druck der Mitarbeiter. Im Silicon Valley gibt es eine wachsende Arbeiterbewegung. Allerdings sind die Werbetreibenden ein größerer Teil des Puzzles: Facebook wird sich da eher den Werbekunden beugen als den Mitarbeitern. Ich denke, das ist eine gut gemeinte, interessante Bewegung. Aber einige Probleme, die angesprochen werden müssen, gehen weit über das Werbemodell hinaus.

Das Buch „Code kaputt“ erscheint am 20. August auf Deutsch. Quelle: PR

Welche denn?
Die Probleme, die ich bei Facebook sehe, sind inhärent mit dem Geschäftsmodell verbunden und lassen sich nicht durch einen Werbeboykott beheben: Werbetreibende wollen Nutzerdaten. Und diese Daten werden dadurch erzeugt, dass die Nutzer mit der Plattform interagieren. Das ganze Konzept und auch das Design von Facebook zielen deshalb darauf ab, polarisierende Inhalte und minderwertige, billig produzierte Informationen priorisiert anzuzeigen.

Aus Ihren Erfahrungen als Content-Moderatorin bei einem Start-up: Wo endet die Redefreiheit im Netz? 
In den USA ist es so, dass Plattformen, auf denen Inhalte von Nutzern ausgespielt werden – wie Facebook, Twitter oder andere Diskussionsforen – nicht für die Inhalte der Nutzer haften. Im Endeffekt entscheiden sie selbst darüber, was noch akzeptabel ist und was nicht. Deshalb glaube ich nicht, dass es in Zukunft einheitliche Regelungen darüber gibt, was im Internet gesagt werden kann. Und ich glaube auch nicht, dass es das unbedingt geben sollte. Allerdings finde ich, dass Plattformen ihre Verantwortung viel besser wahrnehmen könnten. Für mich geht es bei der Frage nicht darum, ob Unternehmen eigene Regeln schaffen sollten, sondern viel mehr darum, wie sie diese Regeln durchsetzen. Wann brechen sie ihre eigenen Regeln - und für wen? Wem gegenüber sind sie Rechenschaft schuldig? 


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Leichter gesagt als getan, oder?
Stimmt. Aktuell hat beispielsweise Facebook ein gewisses Monopol im Social-Media-Bereich. Doch alle Facebook-Inhalte so zu moderieren, wie man sich das wünschen würde, ist schlicht nicht machbar - die Kosten für genug Menschen, um alle Inhalte zu checken, inklusive psychischer Unterstützung, würden Facebook in den Ruin treiben. Und wir müssen auch verstehen, dass solche Unternehmen von kontroversen Inhalten profitieren. Jedes Geschäftsmodell, das auf der Sammlung von Nutzerdaten basiert, profitiert von Inhalten, die Menschen zur Interaktion mit der Plattform bringen. Über Redefreiheit im Netz zu reden, ohne die zugrundeliegenden Mechanismen zu betrachten, funktioniert meiner Meinung nach nicht. Es ist also verworren - ich habe da auch keine eindeutige Antwort drauf. Niemand hat eine gute Antwort darauf.

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