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Berlin Ladehemmung in Deutschlands Start-up-Hauptstadt?

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Aachen statt Berlin

Für die Start-up-Szene kann es nur hilfreich sein, wenn so ein gigantisches Unternehmen wie Google hier in Berlin mitwirkt. Doch mehr noch: „Dank renommierter Universitäten wie der RWTH Aachen, dem Karlsruhe Institute of Technology und der TU München wird Entrepreneurship immer bedeutsamer, auch außerhalb von Berlin“, sagt Catherine Bischoff von der Factory Berlin. „Übrigens trägt dazu auch ein populäres TV-Format wie die Höhle der Löwen bei.“

Eben diese drei Hochschulen in München, Karlsruhe und Aachen sind auch die Top 3 Gründerhochschulen im Deutschen Start-up Monitor. Aus der TU München ging zum Beispiel die Lilium GmbH hervor. Das Unternehmen arbeitet an Flugtaxis, die den Verkehr in der oft zitierten „Stadt der Zukunft“ revolutionieren sollen. Der chinesische Konzern Tencent und die Investment-Firma von Star-Investor Frank Thelen zählen zu den Investoren – bei Lilium kommen also Hochschule und „Höhle der Löwen“ zusammen. Außerdem hat das Team der TU München alle vier Rennen des Hyperloop-Wettbewerbs, den Tesla CEO Elon Musk veranstaltet, für sich entscheiden können.

Das Unternehmen e.GO Mobile AG wurde 2015 aus der RWTH Aachen ausgegründet und ist bekannt für die Entwicklung und Herstellung eines kompakten E-Autos in Serie und einem elektrischen und eines bald womöglich autonom fahrenden Kleinbusses. Mittlerweile beschäftigt Geschäftsführer und Professor Günther Schuh 400 Mitarbeiter in Aachen. Am Karlsruhe Institute of Technology (KIT) gründete sich zum Beispiel das Industrie-Start-up Artiminds, das eine Software zur intuitiven und simplen Programmierung von Robotern entwickelt, die etwa an Fertigungslinien in Fabriken zum Einsatz kommen.

Die Technische und die Freie Universität Berlin folgen in der Liste der Top-Gründerhochschulen erst auf den Plätzen 4 und 5 mit einem knappen Vorsprung zur Universität Mannheim und zur Handelshochschule Leipzig. Auch die Berliner Universitäten unterhalten Gründungsinitiativen, doch die Listen an Start-ups wirken gerade im Vergleich mit München und Aachen deutlich weniger prominent.

Was schätzen erfolgreiche Berliner Start-ups?

Dennoch loben hier herangewachsene Unternehmen die Stadt in den höchsten Tönen. Mit Zalando hat sich das Berliner Erfolgs-Start-up schlechthin erst im Sommer noch längerfristig an die deutsche Hauptstadt gebunden: Der Onlinehändler eröffnete Ende Juni sein neues Hauptquartier im Stadtbezirk Friedrichshain-Kreuzberg. „Berlin hat als Stadt unser Wachstum ermöglicht – Zalando wäre in der jetzigen Form nicht in jeder Stadt möglich gewesen. Seit Gründung war Berlin unsere Heimat und so soll es auch langfristig bleiben“, teilte das Unternehmen auf Anfrage mit.

Auch das Dasein des Kochboxen-Lieferanten Hello Fresh begann in Berlin. Johannes Willberg, Vice President People bei HelloFresh, schätzt vor allem die Internationalität der Stadt: „Berlin ist eine internationale, sehr vielseitige Stadt. Bei uns arbeiten mittlerweile Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter aus über 70 verschiedenen Ländern der Welt. Als international agierendes Unternehmen sind wir darauf sehr stolz.“ Die Heimat von HelloFresh sei Berlin und werde das „vorerst auch bleiben“, sagt Willberg.

Nicht ganz so berlinverbunden gibt sich das Start-up Infarm, das digital vernetzte Kräuterfarmen herstellt, in denen Pflanzen unter optimalen Bedingungen wachsen sollen: CFO Martin Weber teilte auf Anfrage zwar mit, dass der „erschwingliche Zugang zu internationalen Talenten, der Zugang zum großen deutschen Retail-Markt und eine Ernährungsbewusste Kundschaft“ zu den Gründen gehören, warum es für Infarm in Berlin losging. Allerdings: Infarm würde eventuell den Standort „aus steuerlichen Gründen“ verlegen – zum Beispiel in die USA oder nach Großbritannien.  

Ein ähnliches Bild zeichnet auch der „Berlin Start-up Monitor“, den der Bundesverband Deutsche Start-ups, Google und Forscher der Universität Duisburg-Essen erstellt haben. „Die Berliner Startups erhoffen sich durch die Politik insbesondere den Abbau von regulatorischen und bürokratischen Hürden (21,1 Prozent), Steuerreduktionen / Steuervergünstigungen (16,4 Prozent) sowie die Aufnahme von Entrepreneurship ins Bildungswesen (11,7 Prozent)“, heißt es dort. Betrachte man die Werte anderer Gründungsregionen, so zeige sich, dass Berliner Start-ups auffallend oft Steuerreduktionen von der Politik erwarten würden.

Doch Infarm dürfte in der Stadt eine echte Ausnahme sein. Bei den meisten Jungunternehmern überwiegt die beinahe uneingeschränkte Begeisterung für den Standort Berlin. Das gesamte Ökosystem dürfte gespannt sein, welche Idee hier zum nächsten großen Ding heranwächst. Wer weiß, vielleicht ist es ja die App rund um virtuelle Schuhe von Matthew Klimpke. Irgendetwas Digitales wird es wohl werden, solche Unternehmen gibt es in Berlin ja reichlich.


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