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Blog: Gründertagebuch Öko-Botschafter

Noch im vergangenen Jahr paukten die beiden Studienfreunde Anton Jurina, 29, und Martin Höfeler, 26, an der Kölner Uni für BWL-Klausuren. Doch ihre Gedanken schweiften immer wieder ab: Ein eigenes Unternehmen, das war ihr Traum. Deswegen gründeten sie Armedangels, ein Modelabel, das mit ökologisch hergestellten und fair gehandelten T-Shirts und Jacken Geld verdient.

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Mit ihrer Idee trafen sie den Zeitgeist und gewannen damit vor einem Jahr den hoch dotierten WirtschaftsWoche-Gründerwettbewerb. Seitdem schreibt das Unternehmerduo exklusiv für die WirtschaftsWoche ein Gründertagebuch. In dieser letzten Tagebuch-Folge zieht Mitgründer Jurina Bilanz und beschreibt, vor welchen Problemen das junge Unternehmen steht, welche Erfolge es zu feiern gibt und wieso jetzt eine neue Finanzierungsrunde nötig ist. Anfang September werden die Preisträger des diesjährigen Gründerwettbewerbs gekürt und damit das Tagebuch fortgesetzt – dann jedoch mit neuen Autoren.

28. Mai Unser Markt wächst. Im vergangenen Jahr stieg der Umsatz für online vertriebene Mode in Deutschland um rund 40 Prozent. Doch dieser Anteil ist im Verhältnis zum Einzelhandelsumsatz noch sehr klein: gerade einmal drei Prozent sind es. Um unseren Umsatz zu steigern, müssen wir schneller in die Regale von Mode-Boutiquen – darauf werden wir uns in den nächsten Monaten konzentrieren. Wir haben in wochenlanger Arbeit Vertriebsregionen definiert, Shops aufgelistet, Katalogmaterial produziert sowie Preislisten und Werbemittel zusammengestellt. All das hat länger gedauert als erwartet. Doch jetzt können wir mit der Akquise beginnen. Unsere Hemden liegen bereits in 15 Läden: in München, Nürnberg, Frankfurt, Köln und Hamburg. Bis Ende des Jahres 2009 wollen wir europaweit in 250 Boutiquen vertreten sein. Deswegen suchen wir dringend freiberufliche Handelsvertreter für den Außendienst. Wir schalten Anzeigen in Fachblättern wie „Textilwirtschaft“, durchforsten unsere Kontakte im Netzwerk Xing und telefonieren Handelsagenturen ab.

4. Juni  Zeit zum Netzwerken: Wir haben andere Kölner Startups in den Innenhof unseres Büros eingeladen. Bei Bier und Würstchen tauschen wir uns aus.

5. Juni Mit unserer Pressereferentin Sabine gehe ich zur Aftershow-Party der Casting-Sendung „Germany’s Next Topmodel“. Unser Ziel ist es, Medienmacher oder prominente Markenbotschafter für Armed‧angels zu gewinnen. Während die anderen Gäste in dicken Autos angerollt kommen, fahren wir mit dem Fahrrad vor. Ich treffe Petra Gessulat, Chefredakteurin der „Cosmopolitan“. Auch Schauspielerin Alexandra Neldel – vielen aus der Serie „Verliebt in Berlin“ bekannt – ist begeistert von unseren Shirts und will sich mit ihnen ablichten lassen. Die Fotos können wir dann für unsere PR nutzen.

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    6. Juni Telefonkonferenz mit unserem Investor BV Capital. Für den Eintritt in den stationären Handel brauchen wir zusätzliches Kapital. Fremdkapital bekommen wir nur mit fixen Abnahmeverträgen aus dem Handel als Sicherheit, die wir gerade erst abschließen. Eine Alternative ist Eigenkapital, also eine neue Finanzierungsrunde. In einer Erlösprognose legen wir unserem Investor genau dar, welche Auswirkungen Investitionen im Bereich Vertrieb, Marketing, Produktion bis Ende 2011 haben würden.

    7. Juni Aus mehr als 100 Bewerbern für die Stelle als Grafikdesigner haben wir Christian ausgewählt. In letzter Sekunde gelingt es Martin, ihn zu überreden, das Job-Angebot einer renommierten Werbeagentur auszuschlagen.

    13. Juni Samstag. Wir haben unsere wöchentliche Teamsitzung ins „Café Sehnsucht“ nach Köln-Ehrenfeld verlegt. Im gläsernen Wintergarten treffen wir uns zum Brunch. Martin und ich können unseren Stolz kaum verbergen: Zwei lange Tische können wir inzwischen locker füllen: 14 Mann zählt unser Team. Danach geht es weiter nach Duisburg zu „respect our future“ – einer Jugendmesse. Gemeinsam mit der Sozialorganisation Aktion Mensch und Fairtrade-Förderer Transfair veranstalten wir einen Designwettbewerb, bei dem Jugendliche eigene T-Shirt-Entwürfe einreichen und vor Ort gestalten können. Das beste Motiv wird anschließend von uns produziert.

    16. Juni Heute hatten wir ein Treffen mit Vertretern der Logistikfirma Hermes. Alleine über den Onlineshop gehen jeden Monat rund 500 Bestellungen bei uns ein, da wird die Logistik zunehmend zum Problem. Martin plant schon länger, Lagerhaltung, Bestellabwicklung und Versand auszulagern. Doch das ist schwerer als gedacht. Die Hermes-Leute teilen uns mit, dass individuelle Verpackungen nicht möglich sind, außerdem muss jedes Produkt in Folie eingeschweißt sein. Das sind die Regeln. Vorerst packen wir also wieder selbst.

    19. Juni Pressemäßig läuft der Monat gut. Ein Artikel auf „Spiegel Online“ bringt knapp 10 000 zusätzliche Besucher auf unsere Web-Seite. Auch unsere Konversionsrate, das Verhältnis von Besuchern zu erfolgten Bestellungen, steigt über zweieinhalb Prozent. Zudem bringen verschiedene Lifestyle-Magazine wie „Instyle“, „Jolie“ und „Maxim“ Artikel über uns.

    2. Juli Heute bin ich beim Hasso Plattner Ventures Forum in Potsdam. Die Einführungsrede „Why Social Entrepreneurship Matters“ zeigt einmal mehr, dass die Verbindung von klassischen Geschäftsmodellen mit sozialen Grundsätzen den Weg aus der Nische findet. Einer der Referenten ist der Ex-SAP-Vorstand Shai Agassi. Mit seinem Project Better Place entwickelt Agassi Infrastrukturen für Elektroautos. Wir würden gerne eine Unternehmenskollektion, zum Beispiel individuell gestaltete Poloshirts, für das Projekt entwerfen. Ich erwische Agassi nach dem Vortrag an seinem Taxi. In zwei Minuten erkläre ich, was wir vorhaben und drücke ihm ein Paket mit Hemden und Infomaterial in die Hand. Er verspricht, zu antworten.

    3. Juli Besuch aus der Schweiz. Sven Eppert von Brains-to-Ventures lässt sich über die Neuigkeiten informieren. Brains-to-Ventures coacht uns im Rahmen des WirtschaftsWoche-Gründerwettbewerbs.

    7. Juli Überall im Büro stehen Kameras und Lampen. Der WDR dreht für die Sen- » dung „Aktuelle Stunde“ einen Beitrag über Armedangels. Inzwischen haben wir fast ein wenig Routine mit TV-Auftritten.

    12. Juli Kurztrip nach London. Ich gehe zur Aftershow-Party des Coldplay-Konzerts. Über Bekannte bin ich an Tickets gekommen, und ich verspreche mir viel davon. Denn Chris Martin ist nicht nur Sänger einer international erfolgreichen Rockband, sondern führt einen bewussten und nachhaltigen Lebensstil. Damit wäre er ein optimaler Markenbotschafter für Armed‧angels. Auf der Feier spreche ich mit dem Produktmanager seiner Plattenfirma sowie einem Mitglied des Bandmanagements. Auf diese Weise haben wir unter anderen Hip-Hop-Star Thomas D und Schauspieler Jürgen Vogel für unsere Idee begeistern können.

    14. Juli Unsere Praktikantin Diana sucht seit zwei Wochen nach einer geeigneten Reinigungskraft, die auf Rechnung arbeitet und nicht gleich 20 Euro pro Stunde verlangt. Endlich haben wir sie.

    15. Juli Seit wir Armedangels gegründet haben, ist unser Büro gleichzeitig unser Lager. Doch das geht nicht mehr. Überall stapeln sich die Kartons. Deswegen haben wir einige Hundert Meter von unserem Büro entfernt für 250 Euro im Monat ein 60 Quadratmeter großes Lager gemietet. Nach dem Besuch des Versicherungsvertreters ergeben sich jedoch unerwartete Probleme: Es müssen Sicherheitsverbesserungen wie etwa der Einbau von Hinterhaken an der Eingangstür des Lagers durchgeführt werden. Jetzt muss ein Metallbauer her.

    17. Juli Modemesse Fashion Week – unser großer Auftritt. Um sechs Uhr geht es los nach Berlin. Bewaffnet mit einem Hochdruckreiniger, einem Wassertank und einer Metallschablone, verzieren Martin, Logistiker Olli und Unternehmensentwickler Kristof Berlins Straßen mit unserem Engelmotiv. Die Methode: Reverse Graffiti. Dabei werden mit Hochdruck schmutzige Straßen und Wände gereinigt, sodass Bilder und Gemälde entstehen. Danach geht es weiter zur Kneipe meines Freundes Alex. Das ganze Team trifft sich dort, um in Handarbeit Bio-Äpfel mit Anhängeetiketten zu bestücken. Die Äpfel werden ab morgen von zwei Messe-Hostessen im Engelskostüm verteilt, um Besucher an unseren Stand zu locken. Erschöpft fahren wir weiter zur Party des „Face“-Magazins. Dort treffen wir den Chefredakteur Johannes Finke, der unsere Shirts im nächsten Heft unterbringen möchte, und lauschen einem Konzert des Schauspielers Robert Stadlober. Vielleicht wird Stadlober demnächst ein T-Shirt für uns gestalten.

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      18. Juli Erster Messetag. Wir knüpfen einen Kontakt zu einer Hamburger Handelsagentur, die sich auf den Vertrieb von Mode aus nachhaltiger Produktion spezialisiert hat.

      19. Juli Zweiter Messetag. Gala-Fashion- Brunch im „Spindler und Klatt“, einem angesagten Berliner Szene-Club. Dort warten gutes Essen und viele neue Kontakte. Zum Beispiel drei Redakteurinnen des Magazins „Gala“. Später schaut Karen Heumann, Vorstand der Werbeagentur Jung von Matt, an unserem Messe-Stand vorbei. Wir kennen Karen über den WirtschaftsWoche-Gründerwettbewerb. Fazit der Messe: Unser Vertriebsteam hat mit 60 ernsthaft interessierten Einzelhändlern gesprochen, die planen, unsere Kollektion in ihr Sortiment aufzunehmen. Sogar zwei Japaner wollen unsere Ware importieren.

      28. Juli Martin und Kristof sind mit dem neuen Finanzplan beschäftigt und berechnen die Erlös- und Kostensituation für die nächsten Jahre. Aufpassen müssen wir vor allem in der Produktion: Wenn wir alle neuen Kollektionen umsetzen würden, hätten wir unser Budget überschritten und könnten Cash-Flow-Probleme bekommen. Deshalb müssen wir mit unseren Produzenten in Portugal geringere Mindeststückzahlen und großzügigere Zahlungsziele vereinbaren.

      4. August Der Lagerbestand bereitet uns Sorgen. Viele Teile sind restlos ausverkauft, neue Ware trifft erst in ein paar Wochen ein.

      11. August Martin und Kristof fliegen zu unserem Produzenten nach Portugal. Sie diskutieren, wie eine zukünftig wachsende Sortimentsbreite, wachsende Bestellmengen und eine höhere Lieferfrequenz koordiniert werden können. Am nächsten Tag treffen sie einen Ladenbetreiber, der unseren Vertrieb in Portugal übernehmen will.

      18. August Unsere Personalpraktikantin Diana hat Geburtstag. Mittags essen wir gemeinsam und ziehen Bilanz: Das Lager ist leer, die Messe war ein Erfolg, wir haben prominente Markenbotschafter gewonnen und stehen nun vor dem flächendeckenden Eintritt in den Einzelhandel. Heute habe ich zum letzten Mal in das WirtschaftsWoche-Gründertagebuch geschrieben. Rückblickend kann man sagen, dass uns das Tagebuch viele Türen geöffnet hat. Es war leichter, Kooperationspartner, Lieferanten und Agenturen von unserer Idee zu überzeugen, denn ihnen war klar, dass unser Geschäftsmodell im WiWo-Gründerwettbewerb eine große Hürde genommen hat. Aber das Tagebuch gab uns auch die Gelegenheit, regelmäßig zu resümieren. Alle paar Wochen hatten wir einen Lagebericht auf dem Tisch, auf dessen Grundlage wir Fehler, Ziele und die Herausforderungen im Team besprechen konnten. Ich bin gespannt auf die Gewinner des Gründerwettbewerbs 2008 und würde mich freuen, wenn einige von Ihnen auch weiterhin verfolgen, wie es bei Armedangels weitergeht.

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