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Coworking „Das 08/15-Büro hat ausgedient“

Exklusiv
Unicorn Workspaces will in Zukunft von den veränderten Ansprüchen an ein Büro profitieren Quelle: Unicorn Workspaces

Der Schock über den verpatzten Börsengang von WeWork und die Auswirkungen der Coronapandemie belasten viele Coworking-Firmen. Nun schließt ausgerechnet der deutsche Anbieter Unicorn Workspaces eine Millionenfinanzierung ab. Ist das Geschäft womöglich doch profitabel?

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Eigentlich wollte Florian Kosak die frohe Botschaft schon vor mehr als einem Jahr verkünden. Im März 2020 war der Gründer von Unicorn Workspaces beinahe auf dem Weg zum Notar: Sein Start-up, das in mehreren Städten Büroflächen an andere Start-ups, Mittelständler und Selbstständige vermietet, hatte Investoren von einem Einstieg überzeugt. Die Finanzierungsrunde war bereits in trockenen Tüchern. Doch dann kam der Coronacrash. Und die Investoren wurden nervös. Immerhin manifestierte sich in den abschmierenden Börsenkursen, wie nachhaltig die Pandemie die Wirtschaft prägen würde. Sie legten die Investments auf Eis. Unicorn selbst musste viele Mitarbeiter in Kurzarbeit schicken – einige sogar entlassen. „Es ging nicht anders“, sagt Kosak heute.

Die vergangenen zwölf Monate beschreibt der Gründer als „schwere Zeit“ und „wilden Ritt“. Doch immerhin kann er nun mit einem Jahr Verspätung, dafür aber auch mit umso mehr Gewissheit sagen: Unicorn hat eine Finanzierungsrunde über sieben Millionen Euro abgeschlossen. 

Mit dabei sind genau die Investoren, die schon vor einem Jahr Wagniskapital geben wollten. Etwa das schwedische Private-Equity-Unternehmen Knutsson Holdings AB sowie WestTech Ventures. Und auch Florian Heinemann, Geschäftsführer von Project A Ventures aus Berlin, hat privat in Unicorn investiert. Beim Notar war Gründer Kosak diesmal schon.

Not macht erfinderisch: Unicorn-Gründer hat Teile seines Coworking-Start-ups zum Corona-Testzentrum umgebaut. Quelle: Unicorn Workspaces

Dass sein Unternehmen mitten in der Krise eine millionenschwere Finanzierungsrunde abschließt, lässt aufhorchen. Immerhin ist das Geschäftsmodell von Unicorn nach wie vor von Corona betroffen: Vielerorts bauen Unternehmen gerade Büroflächen ab. Zehn Prozent der Firmen mit mehr als 250 Mitarbeitern haben das in den nächsten zwölf Monaten vor, zeigte zuletzt eine Studie des Instituts der deutschen Wirtschaft (IW). Immerhin hat sich die Arbeit in den eigenen vier Wänden nach der völlig unvorbereiteten Umstellung aufs Homeoffice im vergangenen Jahr etabliert. Im Januar gab fast ein Viertel der Befragten in einer Umfrage der gewerkschaftsnahen Hans Böckler Stiftung an, vollständig oder überwiegend von zu Hause aus zu arbeiten. Nur ein Rückgang von drei Prozentpunkten im Vergleich zum April 2020. Und mehr als drei Millionen Berufstätige wollen nach der Pandemie ausschließlich im Homeoffice arbeiten, zeigt eine Bitkom-Umfrage.

Das spüren auch die Coworking- und Flexoffice-Anbieter. Das US-amerikanische Unternehmen Knotel musste erst im Februar Insolvenz anmelden – obwohl es bis dahin als Hoffnungsträger seiner Investoren galt. Mehr als eine halbe Milliarde US-Dollar an Risikokapital hatte das Start-up aus New York eingesammelt.

Florian Heinemann hat trotzdem in Unicorn investiert. Obwohl die Impfkampagne und damit auch die baldige Rückkehr ins Büro stockt und aus dem Lockdown Light vom November eine weitgehend perspektivlose Lockdown-Hängepartie geworden ist. Und auch Unicorn selbst mit freien Flächen kämpfen musste. Aber das Start-up reagierte: Die Flächen nutzt Unicorn seit März als Fläche für Coronatests an der Bevölkerung. Und ist seitdem Büroraum-Vermieter und „beauftragter Dritter des Gesundheitsdienstes“, wie es im Behördendeutsch heißt. Die Tests sind für Unicorn derzeit ein wichtiger Umsatzfaktor. Und die schnelle Umstellung hat auch Investor Heinemann überzeugt.

Und nicht zu vernachlässigen: Ein Einstieg dürfte in der aktuellen Situation besonders günstig sein. Heinemann hat sein eigenes Unternehmen JustBooks Mitte der 2000er-Jahre an Amazon verkauft, bei der Branchengröße Rocket Internet gearbeitet, Zalando mit groß gemacht – und früh in den Onlinehändler investiert. Jetzt hat er als Bestandsinvestor bei Unicorn Workspaces also nachgekauft. Immerhin kehre der Optimismus zurück, das Leben normalisiere sich, betont der Investor. Vielleicht ist das der berufsbedingte Optimismus eines Wagniskapitalgebers. Obwohl Heinemann sagt, deutlich ausgewogener und sachlicher zu sein als viele seiner Kollegen. Vielleicht ist es also das Vertrauen in Unicorn-Gründer Kosak. Der spüre, so sagt er, schon wieder eine anziehende Nachfrage.

Klar, Homeoffice habe sich bewährt, räumt Kosak ein. Sein Unternehmen will deshalb in Zukunft von den veränderten Ansprüchen an ein Büro profitieren. „Jetzt geht es für uns darum, das Büro als Begegnungsort wieder interessant zu machen.“ Als Ort für die Zeit mit den Kollegen. Für die Kreativität, die viele Arbeitnehmer gerade bei den Videokonferenz-Marathons vermissen. „Es braucht ein cooles Setup samt Lounge und Kaffeebar“, sagt Kosak. Das „08/15-Büro“, wie man es etwas aus der TV-Serie Stromberg kenne, habe ausgedient. An den Unicorn-Standorten – die unter anderem in Berlin, Hamburg, Potsdam und auch Lissabon sind – bietet das Start-up neben den Büroflächen auch die sogenannten Community Areas an. Inklusive Kaffeespezialitäten der hauseigenen Baristas.

Wie es der Name Unicorn (der in der Gründerwelt für junge Firmen mit einer Bewertung von mehr als einer Milliarde steht) schon verrät, zählten vor allem Start-ups zur ursprünglichen Zielgruppe. Junge Unternehmen, die in den Büroflächen wachsen und sich trotz der Verträge, die bei einem Monat Mindestlaufzeit beginnen, langfristig an das flexible Büro binden. Doch mittlerweile erhält Kosak auch immer mehr Nachfrage von Mittelständlern. Und selbst einzelne Mitarbeiter von MDax-Konzernen würden sich an Einzelschreibtischen einnisten. Im Schnitt nutzen Kunden die Büros für 15 Monate, verrät Kosak. Damit lasse sich planen.



Gerade dies hat auch Investor Florian Heinemann überzeugt. Unicorn sei „eine solide und gut positionierte Immobilienfirma“. Anders als WeWork, für vielen noch heute ein mahnendes Beispiel für astronomische Ambitionen im Coworking: Das 2010 gegründete Unternehmen sammelte mehr als 20 Milliarden US-Dollar ein. Zum Großteil stammt das Kapital vom japanischen Investor Softbank. 2019 wurde der ursprünglich mit Spannung erwartete Börsengang verschoben. Jetzt, anderthalb Jahre später, soll WeWork über einen Börsenmantel (SPAC) doch noch den Weg aufs Parkett schaffen. Die Bewertung liegt bei vergleichsweise bescheidenen neun Milliarden US-Dollar.

„Es war völlig absurd, anzunehmen, dass ein Start-up wie WeWork so durch die Decke geht wie ein Software-Unternehmen à la Facebook oder Google. Das ist Blödsinn“, sagt Investor Heinemann. Kosak ist sich bewusst, „dass unser Wachstum womöglich nicht so exponentiell ist wie bei manchem Softwareunternehmen“. Dafür könne Unicorn viel sicherer profitabler werden. Das ist das Ziel für dieses Jahr. Wenn es keinen erneuten Coronacrash gibt. Mit einigen lokalen Coworking-Anbietern, die die Krise noch härter getroffen hat, verhandelt Kosak gerade über mögliche Übernahmen. Die Standorte könne ein breit aufgestellter Anbieter wie Unicorn viel effizienter betreiben als die kleinen Unternehmen, die häufig nur in einer Stadt aktiv sind.

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Das Risiko bei solchen, eher bedacht wachsenden Unternehmen wie Unicorn sei deutlich geringer, betont Investor Heinemann. „In meinem Portfolio ist ein Unternehmen wir Unicorn eine sinnvolle Ergänzung zu Investments, wo die Wertsteigerung schon mal deutlich krasser ausfällt – wenn es denn funktioniert“. In fünf Jahren werde man sehen, „ob Coworking ein nachhaltiger Krisengewinner sein wird.“ Die Chancen stünden „nicht schlecht.“

Mehr zum Thema: Mehr Verlust als Umsatz? Egal! Die Börse kauft alles. Das zeigen der Börsengänge wie der des Bürovermieters WeWork.

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