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Das Geschäft mit dem Tod Start-up mischt den Bestattungsmarkt auf

Mymoria trat zunächst als Online-Portal an. Jetzt übernimmt das Start-up reihenweise Bestattungsinstitute. Quelle: imago images

Angetreten als reines Online-Portal, drängt Mymoria in die echte Welt. Reihenweise übernimmt das Start-up derzeit mittelständische Bestattungsinstitute – und will so einen neuen Marktführer formen. 

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25 Mitarbeiter, zwei bewirtschaftete Friedhöfe – und eine lange Geschichte: Für Trauernde in Freising bei München ist das Bestattungsinstitut Anton Wimmer seit mehr als einem halben Jahrhundert eine etablierte Anlaufstelle. Nun hat der Betrieb einen Abschied in eigener Sache organisiert; er ist betriebswirtschaftlicher Natur: Der bisherige Eigentümer, ein Bestattungsunternehmer aus Starnberg ist Mitte August als Gesellschafter ausgestiegen. In die Hände gelegt hat er die Traditionsfirma einem Start-up, das die Branche derzeit aufmischt.

Oliver Wolfhard, der seit 2019 Geschäftsführer bei Wimmer Bestattungen ist, hat den Verkauf an Mymoria vorangetrieben. Er bleibt auch weiter an Bord. Für ihn fühlt es sich nicht so an, als hätte er gerade die Selbstständigkeit des Unternehmens zu Grabe getragen. Er spricht lieber von einem Neuanfang: „Mir gibt das die Chance, mich künftig wieder mehr auf die Kunden konzentrieren zu können.“ Zuletzt, so sagt er, habe er seine Zeit fast ausschließlich mit organisatorischen Dingen verbringen müssen. Vor allem in der Coronakrise, als plötzlich vieles telefonisch koordiniert werden musste, sei das eine Belastung gewesen. 

Hilfe bei der Digitalisierung, neue Kunden und die Vernetzung mit Kollegen aus ganz Deutschland: Mit diesen Argumenten umwirbt Mymoria derzeit Bestattungsunternehmen. Gestartet 2016 als digitales Bestattungshaus, das Partnerbetriebe vor Ort beauftragt, drängt das Start-up mit Nachdruck in die Offline-Welt. In Köln und München gibt es bereits Mymoria-Filialen, vier weitere sollen bis Jahresende hinzukommen. Zudem ist das Start-up dazu übergegangen, in großem Stil etablierte Betriebe zu kaufen. „Wir werden so ein deutschlandweites Filialnetz knüpfen“, kündigt Gründer Björn Wolff an.

20 neue Filialen seit Juli

Wenn der 41-Jährige über seine Strategie spricht, fühlt man sich schnell an die Welt des Handels erinnert. Da ist nicht nur von „Filialen“ und „Boutiquen“ die Rede, sondern auch von einem „Omnichannel-Ansatz“, von „Marken“ und „Qualitätsstandards“. In einer Branche, die sonst nur verschämt übers Geschäft mit dem Tod spricht, sind das ungewohnte Töne. Digital-Start-ups werden skeptisch beäugt. Die große Befürchtung: Sie nehmen alteingesessenen Betrieben Aufträge weg – und machen auf Online-Portalen plötzlich Preise vergleichbar.

Probleme, Übernahmekandidaten zu finden, scheint Mymoria indes nicht zu haben. Seit Juli dieses Jahres hat das Start-up 20 Bestattungsfilialen samt Personal übernommen. Zu den größten Zukäufen gehört das Unternehmen D. Schulz Bestattungen mit fünf Häusern in Berlin und Umland. Geld für den Expansionskurs kommt von Bestandsinvestoren, die vor wenigen Monaten in einer neuen Finanzierungsrunde noch einmal 15 Millionen Euro in das Start-up gepumpt haben. Hauptgeldgeber sind mit Kalodion das Familiy Office von David Zimmer, der den Glasfaser-Pionier Inexio aufgebaut hat, sowie die Münchener Investment-Boutique Egora Holding. Beteiligt waren neben anderen auch DvH Ventures, btov Partners, Howzat Partners und IBB Ventures.

Gerade Familienunternehmen in der Branche hätten oft eine Nachfolge-Lücke und seien dankbar für die Lösung, sagt Wolff. „An uns verkaufen aber auch Firmeninhaber in den besten Jahren, denen das unternehmerische Risiko zu groß geworden ist oder die unsere Vision vom modernen Bestattungshaus des 21. Jahrhunderts teilen und gemeinsame Potenziale sehen.“ Das Start-up selbst ist durch die Übernahmen nun auf mehr als 100 Mitarbeiter gewachsen. Ende 2020 war das Team erst 25 Köpfe groß. Man stehe noch am Anfang, so der Mymoria-Chef: In den kommenden drei Jahren wolle man zum marktführenden Unternehmen werden.

Kleinstbetriebe bestimmen den Markt

Mymoria drängt in einen Markt, der in Deutschland extrem zersplittert ist: Nach Auswertungen des Marktforschungsunternehmen Ibis World tummeln sich knapp 5700 Firmen in der Branche – 83 Prozent beschäftigen demnach weniger als zehn Personen. Selbst größere Ketten wie die Ahorn AG, ein Tochterunternehmen der Lebensversicherung Ideal, bleiben beim Marktanteil fünf Prozent. Das Geschäft ist krisenresistent: „Gestorben wird immer“, heißt es in der Branche. Auch durch die Corona-Pandemie, in der viele Trauerfeiern nur in kleinem Kreis stattfinden konnten, ist die Branche weitgehend unbeschadet gekommen. Staatshilfen musste kaum ein Betrieb in Anspruch nehmen, wie aus einer Antwort der Bundesregierung auf eine Kleinen Anfrage der AfD-Fraktion hervorgeht.

Anton-Wimmer-Chef Wolfhard betont, dass sein Unternehmen finanziell nicht schlecht aufgestellt war. „Wenn man einmal einen Namen hat, läuft das Geschäft.“ Überzeugt habe ihn vor allem, dass Mymoria für die Digitalisierung steht: Mit der Software des Start-ups werden alle Schritte digital abgebildet – von der Aufnahme der Kundendaten über die Planung einer Bestattung bis zur Rechnungslegung. „Wir hätten massiv investieren müssen, um unsere eigene IT auf Vordermann zu bringen“, sagt der Unternehmer. Die meisten Prozesse seien bislang klassisch auf Papier organisiert worden. Auch die eigene Homepage, räumt er ein, sei nicht mehr zeitgemäß.

Mymoria lockt Betriebe zudem mit anderen Annehmlichkeiten. So gibt es ein bundesweites Nachtschicht-Team, an das Kunden sich im Notfall wenden können. Und über den Firmen-Messenger Slack können sich die Bestatter untereinander austauschen. „Die Kundenwünsche werden immer ausgefallener“, berichtet Wolfhard. Kürzlich erst habe er bei einer Beerdigung am Ende bunte Luftballons aufsteigen lassen. Auch die Nachfrage nach buddhistischen Beerdigungen wachse. Der Rat und das Know-how von Kollegen sei da hilfreich. 

Präsent auf allen Kanälen

Die Mission, die Branche technisch zu modernisieren, hat sich neben Mymoria November auf die Fahnen geschrieben. Das Berliner Start-up unterhält außer in der Hauptstadt noch einen eigenen Standort in Wiesbaden – und arbeitet eigenen Angaben zufolge mit Partnerbetrieben in ganz Deutschland zusammen. Doch während Mymoria mit Zukäufen und Promi-Beerdigungen wie zuletzt der von Schlagersänger Willi Herren in Köln auf sich aufmerksam macht, ist es um den Konkurrenten seit einer Finanzierungsrunde 2018 ruhig geworden. Daneben gibt es noch einige Preisvergleichsportale, die als Vermittler arbeiten.

Auch Mymoria hat zunächst Aufträge an andere Bestatter weitergeben. Doch Schritt für Schritt hat sich das Start-up unabhängig gemacht. Für die Leichen-Transporte beispielsweise hat das Unternehmen längst eigene Mitarbeiter angeheuert. Dasselbe gilt für die Begleitung von Trauerfeiern. Der Antrieb für das Inhousing dürften vor allem betriebswirtschaftliche Erwägungen sein. Firmenchef Wolff betont den Nutzen für die Kunden: „Nur so können wir unsere hohen Qualitätsstandards durchgängig über ganz Deutschland sicherstellen.“ Ein bundesweites Filialnetz soll zudem Angehörigen die Planung erleichtern, die längst nicht mehr in der Nähe des Verstorbenen leben. Die Idee: Geplant werden kann die Bestattung im Heimatdorf auch in einer Großstadt-Filiale, am Telefon, online – oder kombiniert über mehrere Kanäle. Man wolle Kunden überall dasselbe Erlebnis bieten, sagt Wolff.

Duftkerzen statt Urnen

Tatsächlich kann die „Customer Journey“, wie es im Slang der Digitalunternehmen heißt, aber noch ganz unterschiedlich aussehen – je nachdem, wo sie beginnt. Denn die Mymoria-eigenen Filialen in bester Innenstadtlage haben schon optisch mit klassischen Bestattungsinstituten wenig gemein. Statt gedeckten Farben und Urnensammlungen findet man helle Räume vor. Darin: Regale mit Büchern, Duftkerzen und ausgefallenen Trauerkarten, mit iPad ausstaffierte Stehtische und farbenfrohe Fotos. Bei den zugekauften Betrieben ist dem Start-up indes daran gelegen, niemanden zu verschrecken. Einrichtung und Firmenname bleiben erst einmal unverändert. Bestenfalls ein Aufkleber weist auf den neuen Eigentümer hin.

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Mymoria-Chef Wolff stellt in Aussicht, die zugekauften Filialen nach und nach zu modernisieren. Dass das nicht von heute auf morgen passiert, hält er für unproblematisch. „Wir stehen für eine offene Auseinandersetzung mit dem Tod“, sagt er. „Das ist vor allem eine Frage der Einstellung der Mitarbeiter, nicht so sehr eine der Filialgestaltung.“ Bei Anton Wimmer in Freising sei das Konzept auf offene Ohren gestoßen. „Die Verzahnung gemeinsamer Prozesse und eine einheitliche Kultur werden hier von beiden Seiten vorangetrieben“, sagt Wolff. Hilfreich dabei: Geschäftsführer Oliver Wolfhard entspricht ohnehin nicht dem Klischee eines klassischen Bestatters. Der 45-Jährige ist ein Quereinsteiger, der sich nach Jahren als Beamter im Justizvollzugsdienst unter anderem als Tatort-Reiniger und Fuhrparkleiter probiert hat, bevor er Bestatter wurde.

Mehr zum Thema: Mehrere Start-ups versuchen sich als Plattformen für Reparatur- und Wartungsarbeiten zu etablieren, nun erhält der Anbieter Plentific eine umfassende Finanzierung. Doch Handwerkermangel und Wohnungskonzerne könnten das Geschäft ausbremsen.

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