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DHDL-Kandidat Werksta.tt „Wir haben auf kleiner Flamme allein weitergemacht“

Foto-Credit: TV NOW / Frank W. Hempel

Mit seiner App gegen die Verschwendung in Bäckereien beeindruckte Justus Lauten in der Gründershow „Die Höhle der Löwen“ den Investor Carsten Maschmeyer. Doch wie ging's hinter den Kulissen weiter?

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Die Herausforderung für viele Bäckereien ist nicht, dass sie zu kleine Brötchen backen – sondern zu viele. 1,7 Millionen Tonnen Backwaren landen jährlich im Müll, hat Justus Lauten ausgerechnet. Der 31-jährige Informatiker aus Köln warb am Montag im TV-Casting „Die Höhle der Löwen“ um Investoren für seine App. Die soll Bäckereien mit künstlicher Intelligenz dabei helfen, die passende Menge an Sesambrötchen, Dinkelbroten oder Schokocroissants zu ordern. Sowohl Georg Kofler als auch Carsten Maschmeyer boten Lauten einen Deal an: 120.000 Euro für 20 Prozent der Start-up-Anteile. Der erfahrene Gründer entschied sich in der Vox-Sendung für Maschmeyer. Wie ging es für Lauten nach der Aufzeichnung weiter?

WirtschaftsWoche: Herr Lauten, Carsten Maschmeyer lobte Ihren Pitch – Sie könnten „die Lösung für die Lebensmittelbranche“ werden. Am Ende sagte Maschmeyer sogar: „Es geht heute Abend los“. Hat der Schnellstart geklappt?
Justus Lauten: Der Deal ist am Ende nicht zustande gekommen. Wir haben nach der Aufzeichnung, die bereits Anfang 2020 stattfand, gute Gespräche geführt – Herr Maschmeyer hat sich viel Zeit für uns genommen. Im März lagen dann die ersten Verträge auf dem Tisch. Doch dann kam Corona. Und wir hatten unterschiedliche Ambitionen, wie sich die Pandemie auf unser Geschäft auswirken wird. Daher haben wir beschlossen, erst einmal auf kleiner Flamme allein weiterzumachen. Jetzt streben wir eine größere Finanzierung an.

Das Start-up heißt Werksta.tt, im Fokus sind zunächst Bäckereien. Wie häufig müssen Sie den Namen erklären?
Der Name stand vor dem Projekt. Die Domain fand ich damals ganz witzig. Doch perspektivisch werden wir den Namen wechseln. Auch international funktioniert der natürlich nicht.



Ihr Start-up entwickelt Prognosen – ein klassisches Anwendungsfeld für lernende Algorithmen. Aber wieso haben Sie sich ausgerechnet die Bäckereien ausgesucht?
Ich habe bereits vor zehn Jahren mit Kommilitonen in Aachen ein Start-up gegründet, da ging es um privates Carsharing. Danach habe ich bei Innogy ein Projekt betreut, das kleinen Mittelständlern dabei hilft, Energie zu sparen. Das Thema Nachhaltigkeit fasziniert mich – vor allem die Frage, wie man die Welt mit Technologie ein Stückchen besser machen kann. In dem Spannungsfeld wollte ich wieder gründen. Und dann haben mir bei LinkedIn unabhängig voneinander mehrere Bäckereien ihr Leid wegen der Verschwendung geklagt.

Der Bäckereimarkt ist zersplittert – von den bundesweiten Ketten über regionale Anbieter bis zu kleinen Familienvertrieben. Wer davon hat Appetit auf Software?
Der kleine Vollkornbäcker um die Ecke ist immer schnell ausverkauft, der braucht unsere Lösung nicht. Für uns ist der Kompass immer: Wo fällt viel Nahrungsmittelabfall an? Und das ist vor allem bei Filialbäckern der Fall, in etwa ab 20 Standorten.

Wie will Ihre App die Verschwendung konkret verhindern?
Viel steckt in den historischen Daten der Bäckereien selbst. Die greifen wir über die Informationen aus den Kassensystemen ab. Wenn also jeden Samstag in der Nähe der Filiale Markt ist, müssen wir das nicht extra einpflegen. Dazu kommen etwa Daten zum Wetter, die den Verkauf einzelner Produkte beeinflussen können. Und natürlich auch die Preise der Backwaren, etwa Sonderangebote oder Rabatte. Daraus errechnet die Software eine Prognose für jedes einzelne Produkt.

Und haben die Mitarbeiter Lust darauf, die Bestellprognosen in einer App zu prüfen und abzusenden?
In den Bäckereien ist in der Regel die Lust auf die Herstellung der Produkte und den Verkauf größer, als sich Wetterprognosen anzuschauen. Natürlich stoßen wir immer wieder auf Skepsis. Viele wollen das erst einmal ausprobieren. Dann kann es sich aber lohnen: Oft machen die Mitarbeiter die Prognosen – und werden übervorsichtig, wenn sie viel zu viel bestellen. Dann ordern sie beim nächsten Mal viel weniger, wodurch der Filiale Umsatz entgeht.

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In der „Höhle der Löwen“ treten vor allem Start-ups mit Produkten für Privatkunden auf. Wie war das für Sie als Software-Start-up mit einem Fokus auf Geschäftskunden?
Das Spannende waren die zwei Wochen vor der Aufzeichnung, in denen wir am Pitch gearbeitet haben. Da mussten wir auch mit unserer technischen Lösung in das TV-Format hereinpassen – bei einem neuen Hähnchengewürz weiß natürlich jeder sofort, worum es geht. Das war eine Herausforderung, die Unterhaltungsseite des Unternehmens herauszustellen und nicht nur auf Kennzahlen einzugehen.

Nach der der Sendung ist aus dem zugesagten Investment nichts geworden. Was versprechen Sie sich dennoch von den guten 15 Minuten vor einem Millionenpublikum?
Natürlich ist so eine Sendung für ein Konsumentenprodukt noch wertvoller. Aber ich bin mir sicher, dass auch Mitarbeiter aus Bäckereien heute zugesehen haben. Und wir sehen auch ein großes Potenzial, in weitere Bereiche und Branchen zu wachsen, in denen das Thema Nachhaltigkeit eine Rolle spielt. Wenn man sich dem Thema Lebensmittelverschwendung systematisch nähert, schaut man sich alle Prozesse im Unternehmen genauer an. Die Prognose ist das Herzstück vieler Unternehmensentscheidungen. Da geht es nicht nur um die Lebensmittel selbst, sondern auch um die Personalplanung oder die Lieferlogistik.

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