Die Höhle der Löwen: „Unser Kajak ist das leichteste Faltboot, was es momentan gibt“
Das Einer-Kajak von CLR Outdoor lässt sich in drei Minuten aufbauen.
Foto: RTL / Bernd-Michael MaurerDie Uhr im Fernsehstudio der Vox-Sendung „Die Höhle der Löwen“ läuft. In drei Minuten, so hat Daniel Schult versprochen, kann er aus dem schwarzen Rucksack, den er trägt, ein 3,8 Meter langes Kajak bauen. Schult öffnet die Rucksackverschlüsse, entfaltet den Bootskörper, schließt die Spitzen des Kajaks und klappt die Seitenwände hoch. Der 33-Jährige setzt noch die beiden Querstangen ein, das Tragesystem des Rucksacks dient als Basis für den Kajak-Sitz. 3:02 Minuten zeigt am Ende die Uhr, als das VIK 3.8, ein Faltboot für Binnengewässer, steht. Ursprünglich hatte der Produktdesigner Schult das Kajak als Abschlussprojekt seines Studiums entwickelt. 2022 gründeten seine Freundin Constanze Lenau, 36, und er in Berlin CLR Outdoor, das Kajak ist das erste Produkt des Unternehmens. In der Sendung wollten beide für zehn Prozent ihrer Firmenanteile 200.000 Euro einsammeln. Das Interesse am Kajak war zwar groß, investieren wollte aber keiner der Löwen. Im Interview erzählen Lenau und Schult, warum sie trotz der Kritik der TV-Löwen beim Unternehmensnamen geblieben sind und wie es ist, als Paar ein Start-up in einer Branche wie dem Handwerk zu gründen, wo eigentlich kaum noch jemand den Schritt in die Selbstständigkeit wagt.
WirtschaftsWoche: In der Sendung gab es viel Lob für das Produkt und scharfe Kritik am Marketing. Letztlich hat keiner der Löwen angebissen. Wie sind Sie damit umgegangen?
Constanze Lenau: Natürlich waren wir enttäuscht. Eigentlich hofft man ja, mit einem guten Gefühl aus der Sendung zu gehen. Das große Interesse hat uns trotzdem bestärkt. Wir sind eigentlich nur bis zur Hälfte unseres Pitches gekommen, als schon die ersten Fragen der Löwen kamen. Mit der Kritik am Unternehmensnamen konnten wir allerdings wenig anfangen: CLR steht für City Land River und passt unserer Meinung nach sehr gut zu uns.
Sie sind auch privat ein Paar. Wie haben Sie das gemeinsame Gründen erlebt?
Daniel Schult: Wir haben uns 2018 kennengelernt. Damals saßen wir auf einer Bank und sind ins Gespräch gekommen. Seitdem begleitet uns die Idee, ein Kajak zu bauen. Als Paar zu gründen, ist top.
Constanze Lenau: Anfangs haben wir noch oft gehört: „Seid ihr sicher, ob das als Paar eine so gute Idee ist?“ Aber Daniel und ich ergänzen uns einfach, ohne dass es vieler Absprachen bedarf. Wir ziehen an einem Strang. Und ich freue mich immer, wenn Daniel mit mir im Büro ist. So gesehen, sitzen wir noch immer gemeinsam auf dieser Bank.
Aufblasbare Kajaks gibt es im Handel schon ab 300 Euro, Ihres kostet knapp 1.600 Euro.
Daniel Schult: Wer 300 Euro ausgibt, bekommt dafür ein Gummiboot – mit den Fahreigenschaften einer Luftmatratze. Man liegt auf dem Wasser und muss beim Fahren ständig korrigieren, weil es abdriftet. Unser Kajak fährt geradliniger und ist wendiger. Ich muss keine schwere Luftpumpe mitschleppen, sondern kann es in kurzer Zeit mit wenigen Handgriffen aufbauen und es ist mit rund zehn Kilogramm das leichteste Faltboot für Binnengewässer, was es momentan am Markt gibt.
Viele Deutsche sparen lieber für ihre nächste Gas- und Stromrechnung und scheuen derart große Freizeitausgaben.
Daniel Schult: Wir hören das immer wieder. Aber die Flugpreise sind momentan sehr hoch und der Outdoor-Hype nach Corona wirkt noch nach. Es verbringen weiterhin viele ihren Urlaub an den heimischen Gewässern, davon profitieren wir.
Wer diesen Sommer an stadtnahen Gewässern war, konnte sehr viele Stand-up-Paddler beobachten, aber wenige Kajakfahrer. Da ist ziemlich viel Konkurrenz auf dem Wasser unterwegs oder täuscht der Eindruck?
Daniel Schult: Kajakfahren und Stand-up-Paddeling sind zwei ganz unterschiedliche Arten des Fahrens und Bewegens auf dem Wasser, da sehen wir uns eigentlich nicht in direkter Konkurrenz.
Welche Zielgruppe wollen Sie denn erreichen: nur gestresste Städter in beengten Wohnungen, die am Wochenende ans Wasser flüchten?
Daniel Schult: Unsere Kunden sind sehr viel diverser, als wir anfangs erwartet hatten. Bei uns kaufen beispielsweise Rentnerinnen und Rentner, die noch die 30 Kilogramm schweren Faltboote aus der DDR-Zeit haben und jetzt nach etwas Leichterem suchen, das sie schneller aufbauen können. Wir haben aber auch die Mitte-Zwanzig-Jährigen, die in ihrem WG-Zimmer in der Stadt keinen Platz haben, um sich dort ein normales Kajak hinzustellen. Und dann gibt es noch die Camper-Van-Fahrer, die viel unterwegs sind.
Wie viele Kajaks haben Sie denn bisher verkauft?
Constanze Lenau: Wir haben seit unserem Verkaufsstart Anfang Juni insgesamt 78 Kajaks verkauft, damit sind wir zufrieden.
Herr Schult, in der Sendung haben Sie erzählt, dass Sie die Boote alle noch selber bauen?
Daniel Schult: Ja, aber inzwischen mache ich das immer seltener, dafür habe ich gar keine Zeit mehr. Mittlerweile haben wir vier Kollegen in der Produktion, die die Kajaks bauen. Ich bereite gerade unseren Umzug in eine Fertigungshalle in Berlin-Schöneweide vor. Ab Oktober können wir dort auch Komponenten, die wir aktuell noch von Zulieferern beziehen, mit eigenen Maschinen fertigen.
Warum haben Sie sich dafür entschieden?
Constanze Lenau: Das hatte verschiedene Gründe: Unser Boot besteht aus Polypropylen-Stegplatten, die wir mit einer Außenhaut aus EPDM-Kautschuk überzogen haben. Die Platten sind wasserabweisend, wetterbeständig und werden nicht spröde. Anders als bei herkömmlichen Faltbooten, die mit Stoff überzogen werden, schimmeln die auch nicht. Allerdings mussten wir manchmal auf die Materialien warten, die dann nicht richtig verarbeitet waren. Plattenverschnitte, falsche Bezüge, so etwas kostet uns viel Zeit und Geld. In der neuen Halle können wir alles selber fräsen und zuschneiden. Und es ist natürlich nachhaltiger, wenn wir an einem Ort produzieren und uns keine Materialien von externen Dienstleistern anliefern lassen müssen. Das ist uns sehr wichtig: Unser Boot ist auch ein Kreislaufprodukt, die Platten sind aus recyceltem Kunststoff, alle Materialien lassen sich wieder recyceln.
Gibt es inzwischen eigentlich ein Paddel? Das fehlte in der Sendung ja noch.
Daniel Schult: Wir werden ein separates vierteiliges Steckpaddel anbieten, das genau in den Rucksack passen wird. Aber mit einem Paddel ist es wie mit einem Paar Schuhe, das sollte man ausprobieren. Welches passt, hängt von der Körpergröße und Armlänge ab und ist sehr individuell.
Start-ups im Handwerk sind eher selten. Bis Einnahmen reinkommen, muss viel für Vorprodukte, Maschinen und Werksgelände vorgestreckt werden. Haben Sie dafür inzwischen andere Investoren finden können?
Daniel Schult: Wir haben seit Beginn zwei Privatinvestoren an Bord, die einen sechsstelligen Betrag investiert haben.
Inzwischen läuft der Vertrieb größtenteils über einen Outdoorausrüster. Drückt das den Gewinn nicht deutlich?
Daniel Schult: Momentan verkaufen wir 20 Prozent unserer Kajaks über unseren eigenen Online-Shop und 80 Prozent über den Outdoorausrüster Globetrotter. Dafür müssen wir natürlich einen Teil unserer Marge an Globetrotter abtreten. Aber wenn wir künftig unsere Fertigungstiefe weiter ausbauen, können wir dafür an dieser Stelle sparen. Über Globetrotter wollen wir die Kajaks in der nächsten Saison in Nordeuropa verkaufen, bis dahin wird es auch ein Zweier-Kajak geben.
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