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Digitale Optimisten
Durch Corona boomt das Geschäft mit Lieferungen an die Haustür. Quelle: imago images

Lebensmittellieferungen: Rewe und Co. liefern den Klassiker, Start-ups machen es besonders

Durch Corona boomt das Geschäft mit Lieferungen an die Haustür. Amazon und Google bauen Drohnen, um das Lieferproblem zu lösen. Junge Start-ups im Silicon Valley haben weitere, mindestens genauso innovative, Ideen.

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Ich gebe zu, ich bin ein bisschen faul geworden in den langen Wochen seit dem ersten Corona-bedingten Lockdown im März. Wie viele Deutsche laufe ich nämlich nur noch sehr selten zum Supermarkt um die Ecke, sondern lasse mir meine Einkäufe von einem der vielen „grocery delivery services“ an die Haustür liefern. Und warum auch nicht? Kein Schlange stehen, kein Schleppen und keine Risikobegegnungen vor dem Konservenregal. Der Boom dieser Anbieter steht wohl wie kaum etwas anderes für das Lebensgefühl vieler Deutschen in 2020: Cocooning, einigeln und social distancing. Die spannende Frage für mich ist: Wo sind in diesem Wachstumssegment die Chancen der Zukunft, wo lauern hungrige Start-ups und wie wollen sie diesen riesigen Markt erobern, wenn sie nicht Edeka, Rewe, Amazon oder Postmates heißen?

In der Start-up-Szene San Franciscos gibt es eine harte Währung für Produktinnovationen: Wie nützlich ist diese für die anvisierte Zielgruppe. Und es gibt sogar einen Wechselkurs. Wenn die Innovation nicht mindestens zehnmal besser ist als alle anderen konkurrierenden Produkte, dann wird es sehr unwahrscheinlich, dass Kunden die Mühen auf sich nehmen werden das neue Produkt überhaupt auszuprobieren. Beweise dafür gibt es überall. Amazon hat als „everything store“ ein viel größeres Produktsortiment im Angebot als jeder Offline-Retailer, Googles Suchmaschine war in den Anfangstagen viel schlichter und schneller als Yahoo, und Netflix hat den Gang zur Videothek überflüssig gemacht.

Last-Mile-Delivery, also die endgültige Zustellung von Online-Käufen zum Kunden, ist ein Feld, in dem in den letzten Jahren dieser Kundennutzen enorm zugenommen hat. Dennoch bleibt die Lieferung und Rücksendung von Online-Einkäufe für mich und vielleicht auch für Sie, ein Stör- und Nervfaktor im Online-Kauf. Der Paketbote, der gar nicht erst klingelt, die Schlange vor der Postfiliale am Wochenende und der Gang zurück zu eben jener Filiale, wenn die Schuhe dann doch nicht passen. Für Unternehmen ist diese Last-Mile-Delivery ein echtes Problem. Amazon gab im Jahr 2019 unglaubliche 40 Milliarden Dollar für das Zustellen von Kundenbestellungen aus – der zweitgrößte Ausgabenposten in der Bilanz. Entsprechend groß ist der Innovationsdruck. Die Google-Muttergesellschaft Alphabet entwickelt mit Wing ein Drohnensystem, das von künstlicher Intelligenz gesteuert Pakete selbstständig ausliefern soll. Amazon arbeitet mit Prime Air an einem ähnlichen Konzept und immer mal wieder testen Unternehmen auch in Deutschland Lieferroboter, die autonom durch die Straßen rollen.

Im Silicon Valley arbeiten aber nicht nur die großen Technologiekonzerne an diesem Problem, sondern vor allem viele kleine Start-ups, die Lösungen mit Hilfe von Risikokapital häufig schneller und unbürokratischer entwickeln können. Eines dieser Start-ups heißt Jupiter, wurde von der Spanierin Anna Piñol mitgegründet und hat erst vor Kurzem den vielleicht bekanntesten Accelerator der Welt durchlaufen: den Y Combinator. Jupiter bearbeitet einen hoch umkämpften Markt – Online-Bestellung & Offlline-Lieferung von Lebensmitteln.

In Deutschland haben sich schon eine Menge junger Unternehmen die Zähne an diesem Markt ausgebissen. Anna Piñol will es besser machen, in dem sie sich eisern darauf fokussiert, wie sie eben jenen zehnmal höheren Kundennutzen bieten kann. Ihre Analyse lautet: Nichts nervt Kunden mehr, als in dem Zeitfenster zuhause sein zu müssen, wenn der Bote die Einkäufe bringt. Ein echtes Last-Mile-Delivery Problem. Hier setzt Anna Piñol an: Die Boten von Jupiter erhalten nämlich Zugang in die Wohnungen der Kunden, räumen die Einkäufe direkt in den Kühlschrank ein, schicken den Kunden ein Foto und schließen die Tür wieder zu. Anna Piñol nennt es Einkaufen im Autopilot-Modus und das Ziel ist klar: Warum nicht den oft lästigen Wocheneinkauf komplett an einen Dienstleister delegieren und nie mehr darüber nachdenken müssen.

Anna Piñol setzt auf eine weitere psychologische Erkenntnis, um Kundenwert zu schaffen. Wir mögen es zwar nicht hören, aber Menschen neigen zur Trägheit, und alles, was mehr Komfort schafft, ist meist besser. Anna Piñol hat beobachtet, dass der nervigste Schritt für viele Kunden das Befüllen des Warenkorbes ist. Milch, Joghurt, Haferflocken – viele bestellen sowieso immer das Gleiche, müssen diese Artikel aber trotzdem bei jeder neuen Bestellung immer wieder in den Warenkorb legen. Jupiter führt deshalb das 1-Klick-Ordering ein. Ein smarter Algorithmus bestimmt nicht nur aus den eigenen vergangenen Bestellungen, sondern auch aus den Einkäufen anderer Kunden mit ähnlichen soziodemografischen Merkmalen, was auf die Einkaufsliste kommt. Der Kunde kriegt nur noch eine E-Mail, kann wenn gewünscht Anpassungen machen, und der Wocheneinkauf ist erledigt.


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Anna Piñol zeigt mit Jupiter, wie große Probleme in noch größeren Märkten von kleinen Start-ups anstelle von gigantischen Tech-Konzernen gelöst werden können. Start-ups müssen nicht immer eine komplette Revolution lostreten, sondern oft reicht es genau ein Kundenproblem klar zu identifizieren, um es dann um ein Vielfaches besser zu machen als alle anderen verfügbaren Lösungen. Innovationen und wirtschaftliche Chancen sind überall, Hauptsache der Nutzen für den Kunden stimmt.

Mehr zum Thema: Mehr Geschichten aus dem Silicon Valley und frische Ideen von der nächsten Gründergeneration hören Sie im Podcast „Digitale Optimisten“ des Kolumnisten.

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