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Digitale Optimisten
Covid-19, das für so viele Start-ups ein Meteoriteneinschlag war, wurde für Gründer Simon Lorenz zu einer „Once-in-a-lifetime“-Chance, echten Mehrwert zu leisten. Quelle: imago images

Wie deutsche Gründer Arztpraxen digitalisieren

Der Ruf nach Digitalisierung im Gesundheitswesen war nie größer. In den USA schreiben deutsche Gründer gerade an dieser Erfolgsgeschichte – mit Rückenwind durch die Pandemie und einem Millionen-Investment von Google.

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Wir befinden uns im Jahr 2021. Ganz Deutschland wird von der Digitalisierungswelle erfasst. Ganz Deutschland? Nein! Ein kleines analoges Dorf bevölkert von Arztpraxen leistet erbitterten Widerstand. Das ist – etwas überspitzt in Anlehnung an Asterix und Obelix formuliert – der Stand der Digitalisierung von Arztpraxen in Deutschland. 14 Jahre nach der Vorstellung des ersten iPhones führen laut Kassenärztlicher Bundesvereinigung 95 Prozent aller Arztpraxen ihre schriftlichen Kommunikation mit Krankenhäusern mehrheitlich oder komplett analog durch.

Fünf Jahre nachdem IBMs künstliche Intelligenz Watson nachweislich genauso gut Krebsdiagnosen stellen kann wie menschliche Ärzte, müssen Patienten noch immer CD-Roms mit ihren MRT-Bildern von Arzt zu Arzt tragen. Aber ein bisschen Fortschritt gibt es doch: Mit der elektronischen Patientenakte haben seit diesem Jahr Patienten die Möglichkeit, ihre Vorerkrankungen, Blutwerte, Behandlungshistorie digital speichern und verschiedenen Praxen darauf zugreifen zu lassen. Das Timing könnte kaum besser sein: Überall tönt pandemiebedingt der Ruf nach Digitalisierung im Gesundheitswesen. Ist das der Angriff, der das kleine, analoge, gallische Dorf zur Aufgabe zwingt und es an die Datenautobahn anschließt?

Auch wenn der deutsche Staat offenbar keinen first-mover-advantage genießt, so sind es dennoch mutige deutsche Gründer von hoch ambitionierten Start-ups, die in diesem Bereich große Schritte machen – und von dieser einzigartigen Digitalisierungswelle jetzt nach vorne gespült werden. Simon Lorenz ist genau so ein Gründer.

Er hat beste Voraussetzungen – als Sohn von Medizinern hat er den hippokratischen Eid schon in die Wiege gelegt bekommen und, seinen Eltern nacheifernd, sogar sein Kinderzimmer in eine Arztpraxis verwandelt. Dennoch wurde er zum Betriebswirt und Gründer und in dieser Funktion hat er etwas geschafft, das nicht viele von sich behaupten können: In 2020 hat er zusammen mit seinem Mitgründer Simon Bolz 15 Millionen Dollar von Google für die Skalierung seines Start-ups Klara bekommen. Klara ist eine Art digitales Betriebssystem für Arztpraxen, mit dem diese alle Facetten ihrer Patientenkommunikation managen können.

Bis zu dem Investment von Google war es ein langer Weg – und dieser Weg ist auch ein Paradebeispiel dafür, wie Start-ups durch geradezu religiöse Kundenorientierung ein immer wertvolleres Produkt bauen und am Ende auch etablierte Wettbewerber mit mehr Geld, Mitarbeitern und Markterfahrung abhängen können. Aus seiner Familiengeschichte weiß Lorenz, dass Praxen immer auch wirtschaftliche Betriebe sind, die sowohl ihre verfügbare Zeit effizient gestalten als auch eine gewisse Auslastung sicherstellen müssen.

Aufbauend auf einer einfachen Erkenntnis, dass Praxen jeden Tag bis zu drei Stunden mit Telefonanrufen zu Patienten verlieren und es achtmal teurer ist einen neuen Patienten zu akquirieren als einen bestehenden zu halten, begann das Gründerteam um Lorenz mit einer einfachen Messaging-App, mit der Ärzte und Patienten miteinander asynchron kommunizieren konnten. Eine Art WhatsApp für Praxen. Durch den ständigen Kundenkontakt lernte Lorenz, dass die meisten dieser kommunikativen Prozesse sehr standardisiert sind, zum Beispiel die Koordination und Erinnerung an Termine. Daraus wurde dann ein virtueller Assistent, eine Art Siri für die Patientenkommunikation.

Covid-19, das für so viele Start-ups ein Meteoriteneinschlag war, wurde für Lorenz dann zu einer „Once-in-a-lifetime“-Chance, echten Mehrwert zu leisten. Als nämlich langsam klar war, was es für Arztpraxen bedeuten würde, explodierte die Nachfrage nach digitalen Lösungen. Was macht es mit einem Gründer, wenn man mit seiner Lösung den Zeitgeist besser trifft als man es sich je vorstellen konnte, wenn man Wasser in der Wüste verkauft? Lorenz kriegt immer noch Gänsehaut, wenn er an diese Zeit denkt, und stürzte sich in die Arbeit: In nur fünf Tagen entwickelte Lorenz' Start-up eine Plattform für Videotelefonie und digitale Arztbesuche. Der Umsatz explodierte förmlich. Mit einer Arztpraxis steigerte Klara den Umsatz von 4000 auf 120.000 Euro – pro Jahr wohlgemerkt. Dass dann die Geldgeber Schlange stehen, verwundert nicht. Mit diesem Wind im Rücken konnten Lorenz und Team dann ganze 15 Millionen Dollar von Google zur weiteren Skalierung sichern.

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Ein Wehrmutstropfen der deutschen Erfolgsgeschichte: Lorenz sitz mit Klara übrigens in New York und nicht in Berlin, München oder Hamburg. Warum? Es sind die Gründe, die oft ins Feld geführt werden: höheres Bereitschaft in junge Unternehmen zu investieren, höhere Bereitschaft von Kunden, neue Dinge auszuprobieren und der höhere Reifegrad des amerikanischen Systems hinsichtlich des Umgangs mit digitalen Daten. Wann Lorenz mit seinem Start-up Klara daher nach Deutschland kommt: „Der Markt in den USA ist erstmal groß genug – aber wer weiß schon, things move fast in this world.“

Mehr zum Thema: Noch immer wird die Coronapandemie analog bekämpft. Nun sollen die Gesundheitsämter digitaler werden – Bayern will sie sogar zwingen. Doch bundesweit dauert es, bis die Faxgeräte überflüssig werden.

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