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E-Bikes im Abo Im Windschatten des Lieferbooms

Quelle: Gethenry

Gethenry profitiert vom boomenden Geschäft bei Lieferando, Gorillas und anderen Liederdiensten. Das Start-up versorgt deren Kuriere mit dem wichtigsten Arbeitsmaterial: Elektrorädern. Doch das hohe Tempo dieser Kundschaft ist für die junge Firma auch ein Problem.

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Vorne rollt ein Lieferando-Fahrer in orange, es folgt ein schwarz gekleideter Gorillas-Rider, hinten pirscht sich ein blauer Wolt-Kurier heran: Auf den Fahrradwegen vieler Innenstädte ist der Expansionsdrang der Lieferdienste tagtäglich live zu beobachten – zur Freude von Luis Orsini-Rosenberg. Sein Unternehmen Gethenry fährt bei dem Rennen als Ausrüster gleich mehrerer Teams mit. Denn das Berliner Start-up hat sich in den vergangenen Monaten erfolgreich als E-Bike-Lieferant der boomenden Branche positioniert.

„Die Lieferdienste wachsen wahnsinnig schnell und haben dabei Tausende Probleme gleichzeitig zu lösen“, sagt Orsini-Rosenberg, der vor der Gründung Marketingmanager des Ridesharinganbieters Uber in Deutschland war. „Sie sind dankbar, wenn ihnen jemand das Flottenmanagement abnimmt.“ Gerade hat auch Delivery Hero eine Rückkehr auf den deutschen Markt angekündigt: Der Dax-Konzern will nun einen eigenen Lieferdienst aufbauen – unter der Marke Foodpanda. Noch mehr zu tun für Gethenry.

Getan sei es nicht damit, ein paar Fahrräder zu kaufen, betont Orsini-Rosenberg. Entscheidend sei, dass die E-Bikes stets einsatzbereit sind: Gethenry kümmert sich deswegen in eigenen Werkstätten um die Wartung und Reparaturen. Bei Problemen soll schnell ein Ersatzrad bereitstehen.

Unter dem Namen Foodpanda will Delivery Hero nach gut zwei Jahren wieder im deutschen Lieferdienst-Markt angreifen. Der gilt bereits jetzt als überhitzt – doch mit Milliarden im Rücken scheint das nicht zu stören.
von Stephan Knieps

Geboren wurde die Idee aus der Not heraus. Gestartet ist Gethenry mit der Vermietung von elektrischen Tretrollern an Hotels, die die Flitzer ihren Gästen für einen Kurztrip anboten. Doch mit den ersten Reisebeschränkungen und Beherbergungsverboten brach im vergangenen Frühjahr die Nachfrage ein. 300 E-Scooter stapelten sich plötzlich ungenutzt im Lager, Gethenry stand vor der Pleite. Orsini-Rosenberg und sein Mitgründer kratzen das letzte Geld zusammen, kauften zehn E-Bikes und boten diese Restaurants zum Verleih an. Das Interesse war groß, wollten viele Betriebe doch zumindest temporär auch Auslieferungen anbieten. Mit Delivery Hero startete in Österreich dann eine erste Kooperation mit einem Lieferdienst.   

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    Der Kurswechsel hat sich ausgezahlt: Seit dem Start habe man die Zahl der vermieteten E-Bikes monatlich verdoppelt, gibt das Unternehmen an. Aktuell seien knapp 1000 in Deutschland und Österreich unterwegs. Sichtbar für die Kunden der Lieferdienste ist das nicht: Denn jedes Fahrrad wird am Gepäckträger und Rahmen mit dem Logo des jeweiligen Lieferdienstes verziert, auf dem Vorderreifen ist ein Mantel in Firmenfarbe aufgezogen. „Die Kooperation mit Gethenry erlaubt es uns, dass wir uns auf unser Kerngeschäft konzentrieren“, sagt Wolt-Sprecher Fabio Adlassnigg. „Die E-Bikes sind robust und verfügen über die notwendige Reichweite, um unseren Anforderungen gerecht zu werden.“

    Wolt lässt seine Kuriere wählen, ob sie mit dem eigenen Fahrrad unterwegs sein oder ein E-Bike mieten möchten. Mitarbeiter zahlen dafür bei Gethenry dann 79 Euro monatlich, wie aus dem für Wolt eingerichteten Onlineportal des Start-ups hervorgeht. Der Betrag ist offenbar schon vom Unternehmen subventioniert – der reguläre Mietpreis für die Modelle „Gethenry Classic“ und „Gethenry Urban“ liegt demnach bei 109 Euro. Eingeschlossen sind durch Verschleiß nötige Reparaturen, die nach Angaben von Gethenry in der Regel innerhalb einer halben Stunde erledigt werden. Ähnlich wie Wolt geht der österreichische Lieferdienst Mjam vor. Auch Lieferando nennt das Berliner Start-up als Referenzkunden.

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    Richtig Fahrt aufgenommen hat das Geschäft von Orsini-Rosenberg und seinem Mitgründer Nikodemus Seilern mit dem Lieferdienst Gorillas. Der hat sich mit Zehn-Minuten-Lieferungen von Supermarktartikel einen Namen gemacht. Zur Firmenpolitik gehört es, jedem Kurier ein E-Bike zu stellen. Gleiches gilt für die Konkurrenten Getir und Flink. Die Express-Lieferanten wachsen nach rekordverdächtigen Finanzierungsrunden gerade besonders rasant. Alleine Gorillas will bis zum Jahresende in mehr als 50 Städten in zehn europäischen Ländern vertreten sein. Aktuell sind es 20. Entsprechend hoch ist der Bedarf an Kurieren – und an Fahrrädern.
    Im Windschatten der Lieferdienste ist Gethenry bisher gut gefahren. Doch das Eiltempo des wichtigsten Kunden bereitet den Gründern auch Kopfschmerzen. Denn: Aktuell schaffen sie es noch nicht, mit derselben Geschwindigkeit zu expandieren. Derzeit beschäftigt das Start-up erst in sechs Städten in Deutschland und Österreich eigene Fahrradmechaniker. Die ursprünglich angedachte Zusammenarbeit mit externen Werkstätten hat das Start-up aus Kostengründen wieder verworfen.

    Für Gorillas und andere Lieferdienste bedeutet das: Sie sind darauf angewiesen, ihre E-Bikes auch von anderen Unternehmen zu beziehen – Konkurrenten von Gethenry stehen bereit. Zu den größten Wettbewerbern in Europa zählt GreenMo, ein niederländisches Unternehmen, das kürzlich auch den Konkurrenten E-Bike-to-go übernommen hat. Neben E-Bikes hat es E-Mopeds im Programm. Unter den Kunden sind Deliveroo und die Lieferando-Schwester Thuisbezorgd. Eine Expansion nach Europa hat zudem Zoomo aus Australien nach einer zwölf Millionen Dollar schweren Finanzierungsrunde angekündigt. Das 2017 gegründete Start-up zählt ebenfalls Unternehmen der Lieferando-Mutter Just Eat Takeaway sowie Uber Eats zu ihren Kunden.

    Auf den wachsenden Liefermarkt schielen zudem Unternehmen, die mit Fahrradabos eigentlich vor allem auf Privatkunden zielen. Beispiel Swapfiets: Man habe in Deutschland unter anderem bereits Verträge mit Gorillas und Lieferando abgeschlossen, sagt ein Sprecher auf Anfrage. Dass viele Kuriere auch ein privat gemietetes E-Bike für Auslieferfahrten nutzen, sanktioniert das Start-up indes neuerdings: Wer mehr als 1000 Kilometer im Monat fährt, muss wegen der höheren Wartungs- und Reparaturkosten seit April 99 statt 75 Euro im Monat zahlen.

    Auch mal per Moped

    Auch Wolt prüft für den deutschen Markt laut Sprecher Adlassnigg Kooperationen mit weiteren Unternehmen. Zwar sei man sehr zufrieden mit Gethenry. Ziel sei es aber, allen Kurieren „ein perfektes Angebot machen zu können – sei es ein E-Bike, E-Scooter oder E-Moped“. Diese Fahrzeugkategorien hat Gethenry noch nicht im Programm. Gründer Orsini-Rosenberg will das Programm zunächst um elektrische Cargo-Bikes erweitern, ein Feld das auch andere Start-ups bereits besetzen.



    Der wachsende Konkurrenzdruck zwingt die Gründer daher nun dazu, schnell einen Gang hochzuschalten. Laut Orsini-Rosenberg ist eine neue Finanzierungsrunde in Vorbereitung – mit einem Abschluss rechnet er in knapp zwei Monaten. „Unser Ziel ist es, mit Unternehmen wie Gorillas europaweit zu wachsen“, sagt er. Bisherige Geldgeber des aktuell 20 Mitarbeiter großen Start-ups sind der von Springer und Porsche finanzierte Frühphaseninvestor APX, der US-Accelerator Techstars, der EU-Fonds EIT InnoEnergy sowie mehrere Business Angels.

    Vom Flottenmanager zum E-Bike-Bauer

    Der Aufbau eines europaweiten Werkstattnetzes ist indes nicht die einzige Herausforderung für Gethenry. Zum Problem entwickelt sich auch der akute Teilemangel, unter dem aktuell die gesamte Fahrradbranche leidet. Zum einen machen sich nun coronabedingte Produktionspausen aus dem vergangenen Jahr bemerkbar, zum anderen ist die Nachfrage angesichts des Fahrradbooms extrem hoch. Vor allem E-Bikes sind aktuell ein Verkaufsschlager. Gut für die Branche, schlecht für den Expansionskurs der Lieferdienste – und damit auch bei Gethenry.

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    Bisher hat das Berliner Start-up E-Bikes verschiedener Hersteller eingekauft und für den Dauerbetrieb im Lieferdienst umgerüstet. Ausgetauscht wurden etwa die Laufräder, die Bremsen und die Ständer. „Jedes Teil muss einer extrem hohen Belastung standhalten“, sagt Orsini-Rosenberg. Das Ziel: Die Wartungsintervalle sollen möglichst lang ausfallen, selbst wenn die Kuriere in der Innenstadt regelmäßig über Kopfsteinpflaster fahren. Angesichts der langen Lieferzeiten vieler Fahrradhersteller will Gethenry nun selbst zur E-Bike-Marke werden und eigene Modelle aus Standardkomponenten zusammenbauen. Damit, so hofft der Gründer, lässt sich dann so mancher Engpass umfahren.

    Mehr zum Thema: Lieferando, Wolt, Gorillas – und nun auch noch Uber Eats: Gut finanzierte Lieferdienste expandieren in deutsche Städte. Profitieren die Fahrer von dem neuen Wettlauf?

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