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Elsässers Auslese

Schulden meiden, das gilt für alle!

Markus Elsässer Value Investor

Es ist verlockend für Unternehmer und Investoren, mit Krediten zu arbeiten. Die niedrigen Kreditzinsen sind verführerisch. Doch Schuldner leben gefährlich. Manches spricht für Eigenkapital.

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Diese Geldsünden bereuen die Deutschen
Menschen mit Einkaufstüten Quelle: dpa
Sparbuch Quelle: dpa
Girokonto Quelle: dpa
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Rentenbescheid Quelle: dpa
Negativer Kontostand Quelle: dpa
Aktienkurs Quelle: dpa

Ein junger Bekannter von mir, Student der Betriebswirtschaft an einer namhaften deutschen Universität, berichtete mir neulich von seinem zweiten Semester. Wir sprachen über Unternehmertum und sich selbständig machen. Voller Stolz legte er mir das Fazit aus seinen Vorlesungen zum Thema Finanzierung dar: In jedem Fall und unbedingt solle der Unternehmer immer mit möglichst viel Kredit und mit vergleichsweise wenig Eigenkapital arbeiten. Er sprach von „Hebelwirkungen“ und der tollen Eigenkapitalverzinsung. Ich konnte es kaum glauben. Ich war geschockt. Auch sein älterer Bruder, der vor Kurzem ein kleine Firma in der Medienbranche gegründet hatte, fiel aus allen Wolken. Dieser theoretische Unfug ist weit verbreitet. Die Gefahren des Kreditnehmens werden weitestgehend unterschätzt.

Für mich sind Schulden in zwei Fällen vertretbar: Zum einen, bei der Finanzierung von Immobilien mit langlaufenden Hypotheken. Obwohl, auch das ist eine Geschmacksfrage. Ich kenne eine ganze Reihe von Investoren, die grundsätzlich auch Häuser ohne Bankhilfe, mittels ihrer Ersparnisse zu 100 Prozent bezahlen. Das macht frei und unabhängig. Und wenn man eines Tages mit einem Leerstand der Immobilie konfrontiert ist und die Mietausfälle sich in die Länge ziehen, dann wird man auch nicht von einem unfreundlichen Banker zum Rapport gebeten.

Auf Kredit

Hinzu kommt, dass bei Erreichen gewisser Altersgrenzen, beispielsweise zum 75. Geburtstag, die Neigung der finanzierenden Banken zu Kreditverlängerungen rapide abnimmt. Zum anderen, ist eine Kreditfinanzierung von Warenbeständen und Kundenaufträgen bei Kaufleuten seit Jahrhunderten Gang und Gäbe. Hier geht es in der Regel um kurze Laufzeiten, mit klar kalkulierbaren Gewinnmargen, welche projektbezogen abgewickelt werden. Für den besonnenen Kaufmann ist der Warenkredit ein entscheidendes Werkzeug.

Die Herausforderung für den Kaufmann dieser Tage liegt in diesem Fall auf einem anderen Gebiet: Finden Sie erst mal eine Bank, die Ihnen auf Warengeschäfte überhaupt Geld leiht. Neulich war ein Exportkaufmann bei mir. Er hat jahrelange Erfahrung mit Geschäften im Iran. Nach Aufhebung der politischen Blockaden möchte er nun seine Landeskontakte nutzen und das Exportgeschäft in den Iran ankurbeln. Selbst bei fest vorliegenden Aufträgen, mit wirklich enormen Gewinnmargen, findet er keine Bank, die ihm nicht einmal 50.000 Euro an Kredit einräumt (so viel zum realen Effekt der Nullzinspolitik der Zentralbanken zur Ankurbelung der Konjunktur!).

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    In fast allen anderen Fällen rate ich von Bankschulden ab.

    Auch Schulden haben einen Zinseszins-Effekt

    Grundsätzlich wird der Zinseszins-Effekt von den Kreditnehmern unterschätzt. Darlehenszinsen, die gegen einen laufen, und nicht sofort getilgt werden, summieren sich zu großen Summen. Wer sich zum Beispiel 100.000 Euro zu sieben Prozent pro Jahr leiht und nach zehn Jahren zurückzahlen möchte, auf den kommt eine Endabrechnung in Höhe von 196.715 Euro zu. Es ist eben immer schon so gewesen: Sparer mit thesaurierten Zins- oder Dividendeneinnahmen werden im Zeitablauf immer reicher. Die Kreditzins-Zahler hingegen werden immer ärmer.
    Wenn ich an der Börse nach guten Unternehmen Ausschau halte, dann meide ich Firmen mit hoher Bankverschuldung. Mir geht es dabei gar nicht so sehr um den Zinseffekt. Mir ist es die Unabhängigkeit und Sicherheit der jeweiligen Aktiengesellschaft wichtig. Es hat sich ganz klar immer wieder in Krisen gezeigt, wie gefährlich eine Bankverschuldung für die Unternehmen sein kann.

    Wo Verbraucher Kredite aufnehmen

    Wenn über Nacht, wie in den Jahren 2008 und 2009, in manchen Branchen die Aufträge wegbrechen, dann wird es mit dem Banker ungemütlich. Viele Unternehmer haben mir erzählt, dass sie ihren Augen und Ohren kaum trauen konnten. Die Tonlage und Atmosphäre, einst freundlich und verständnisvoll, verwandelt sich dann im Bankbesprechungszimmer dramatisch. Die lieben Financiers von einst sind kaum wieder zu erkennen. Die Daumenschrauben werden angelegt. Sicher gibt es löbliche Ausnahmen, aber auf die würde ich als Unternehmensführer nicht hoffen.

    Die Wahrscheinlichkeit, dass im Krisenfall von der Bankenseite massiv in die Geschäftspolitik des Unternehmens eingegriffen wird, ist hoch. Da lobe ich mir die Lindt & Sprüngli AG in der Schweiz. In 2008 verkündete der Vorstand klipp und klar, dass er - trotz der schwierigen und damals ungewissen weltwirtschaftlichen Situation - an seinem Fünfjahres-Investitionsprogramm zur Verbesserung der Produktionsabläufe in Höhe von jährlich über 100 Millionen Schweizer Franken festhalten wird. Das hat mir gut gefallen.

    Die Banken spielen bei Lindt & Sprüngli in Finanzierungsfragen keine große Rolle. Die Firma hat eben viel Eigenkapital, Rücklagen aus Jahrzehnten und einen starken Cashflow. Danach suche ich als Börseninvestor gerne.

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      Der sogenannte „Leverage-Effekt“ durch den gezielten Einsatz von Fremdkapital auf der einen Seite und eine Verringerung von Eigenkapital auf der anderen Seite empfinde ich als zu gefährlich. Bei denen gehe ich nicht an Bord. Mein Kapital bekommen die an der Börse nicht.

      Das ist etwas für "Schön-Wetter-Segler"

      Was nun den Geldanleger angeht, so sollte auch er seine Position gut überdenken. Investments an der Aktienbörse sind immer mit Risiken verbunden. Und auch die besten Aktien mit noch so viel Eigenkapital und wunderbaren Marktanteilen in ihrer Branche können in einer Börsenpanik im Kurs zusammenkrachen. 50 Prozent, 70 Prozent und mehr an Kursverlusten, das hat es schon häufiger in der Vergangenheit gegeben – auch für Blue Chip Aktien. Und das wird auch immer so bleiben.

      Denn die Aktienkurse an der Börse richten sich nicht nach objektiven Bewertungskriterien dessen, was tatsächlich vorhanden ist. Nein, die Kurse werden rein durch Angebot und Nachfrage gemacht. Wenn keiner kaufen will, andere aber verkaufen müssen, dann brechen Aktienkurse bis auf Null zusammen. So unerfreulich das auch ist, wenn ich mein Depot mit meinen Ersparnissen finanziert habe, dann kann ich so eine Phase der Irrationalität und des Wahnsinns aussitzen. Aber mit Bankschulden? Wie wird es da mit mir wohl nervlich bestellt sein?

      Ich rate deshalb von Lombardkrediten, also der Beleihung eines Aktiendepots, um damit mehr Aktien kaufen zu können, ab. Auch wenn der Kreditzins noch so niedrig sein sollte, spielt der Aktieninvestor mit dem Feuer. Im großen Internet- und Telekom-Crash der Jahre 2002 und 2003 hatten wir solche Fälle.

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      Ich kenne Geldanleger, die ihre Depots bei luftig hohen Kursen, mit guten Zureden und Applaus der Bank, zu 25 Prozent beliehen hatten. Zum Tiefpunkt der Kurse im März 2003 hatten sie ihr gesamtes Vermögen verloren. Ihre Aktien wurden von der Bank zwangsverkauft. Das ist eben der Effekt bei den Lombardkrediten: Die Schulden bleiben, beziehungsweise sie wachsen weiter an durch die Zinsbelastungen, während beispielsweise Telekom-Aktien damals von 80 Euro auf zehn Euro fielen.

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        Und ganz unabhängig von Lombardkrediten würde ich sagen: Wer Bankschulden hat, sollte sich generell kein Aktiendepot zulegen. Tilgen Sie erst ihre Schulden, sparen Sie echtes Eigenkapital an und dann wagen Sie sich auf das Börsenparkett. Das ist zwar altmodisch und erfordert vielleicht ein paar Jahre Geduld. In der nächsten Finanzkrise werden Sie aber (hoffentlich) an mich denken.

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