Gebäudesanierung: Sie suchen einen Energieberater? Diese Start-ups wollen die Branche umkrempeln
Die Gründer Max Schroeren, JustusMenten und AlexanderMüller v.l.
Foto: PRLohnt sich eine Wärmepumpe? Müssen die Wände teurer gedämmt werden? Reicht es vielleicht schon, Fenster und Türen auszutauschen? Es sind Fragen wie diese, die Hausbesitzer umtreiben, seit infolge des Ukrainekriegs die Energiepreise in die Höhe geschossen sind, die Ampelkoalition in Dauerschleife über Heizungssysteme streitet und die EU Pflichtsanierungen vorantreibt. Die erste Anlaufstelle für Immobilienbesitzer sind in der Regel Energieberater. Doch einen passenden Experten zu finden, kann mühsam sein – und oft landet man aktuell erst einmal auf einer Warteliste.
„Viele Menschen sind im Moment stark verunsichert. Entsprechend groß ist die Nachfrage“, sagt Stefanie Koepsell, Vorstandssprecherin des Deutschen Energieberaternetzwerks, einem Zusammenschluss von rund 900 Ingenieuren, Architekten, Techniker und Handwerksmeistern. Zwar sind bei der von der Deutschen Energie-Agentur (Dena) betreuten Energieeffizienz-Expertenliste mehr als 13.000 Berater gelistet. Doch die meisten sind nur regional tätig. Und teilweise ist die Energieberatung nur ein Standbein von mehreren – bei Spezialisten kommt es laut Koepsell aktuell häufig zu Wartezeiten von mehreren Wochen.
Digitalisierung der Energieberatung
Zwei Start-ups liefern sich aktuell ein Kopf-an-Kopf-Rennen, um die Lücke zu füllen – und nebenbei die Arbeitsweise von Energieberatern umzukrempeln. Mit den Schlagworten wie „schnell“, „digital“ und „unkompliziert“ werben 42watt aus München und Enter aus Berlin um Kunden. Die Ansätze der Start-ups, die beide erklärtermaßen zum Marktführer werden wollen, gleichen sich: Sie treten als bundesweite Anbieter auf und setzen auf digitale Prozesse, etwa bei der Datenerfassung und der Ausarbeitung von Sanierungsplänen. „Das Automatisierungs- und Industrialisierungspotenzial in der Branche ist riesig“, sagt 42watt-Mitgründer Marcus Dietmann.
Ein Vorbild für die digitalen Energieberater sind Solar-Start-ups wie Enpal, Solarize oder 1komma5°: Auch sie haben sich in einem zersplitterten Markt ohne große Ketten innerhalb weniger Jahre als überregionale Marken etabliert – und erreichen dank digital optimierter Prozesse einen hohen Durchsatz. Enpal etwa gab zuletzt an, seit der Gründung 2017 bereits 40.000 Kunden gewonnen zu haben. Bewertet wurde das Start-up bei der jüngsten Finanzierungsrunde mit 2,5 Milliarden Euro. Angeboten werden neuerdings auch Wärmepumpen.
„Die Themengebiete von uns und Enpal & Co. ähneln sich, wir setzen aber früher im Sanierungsvorhaben an“, sagt Enter-Mitgründer Max Schroeren. Oft sei es eben nicht sinnvoll, mit Fotovoltaikanlage und Wärmepumpe anzufangen, sondern beispielsweise erst das Dachgeschoss zu dämmen. „Wir beraten unsere Kunden unabhängig über alle möglichen Sanierungsschritte, je nachdem, welche Maßnahmen für ihr Gebäude sinnvoll sind.“
Lesen Sie auch: Immobiliensanierung: Halt es aus, altes Haus
Anreize zu einem wohlüberlegten Vorgehen setzt auch der Staat, der über das Bundesamt für Wirtschaft und Ausfuhrkontrolle sogenannte individuelle Sanierungsfahrpläne fördert. Energieberater erarbeiten dabei eine Liste möglicher Sanierungsmaßnahmen, schätzen Einsparpotenziale, Investitionskosten sowie Zuschüsse ab und machen Vorschläge dazu, in welcher Reihenfolge man am besten vorgeht. Die Nachfrage ist zuletzt sprunghaft gestiegen. Wurden 2020 erst gut 7000 der Sanierungsfahrpläne erstellt, waren es 2021 bereits knapp 47.000 – und im vergangenen Jahr sogar knapp 97.000. Bis zu 80 Prozent des Beratungshonorars übernimmt der Staat. Und wer als Hausbesitzer Vorschläge aus seinem Fahrplan umsetzt, erhält für die jeweilige Einzelmaßnahme eine Zusatzförderung.
Wenig überraschend werben die Start-ups auf ihren Internetseiten prominent mit den Sanierungsfahrplänen, die bei Gebäuden mit ein bis zwei Wohneinheiten für knapp 400 Euro angeboten werden. Sie versprechen, sich außerdem um Förderanträge zu kümmern, wenn tatsächlich eine Maßnahme umgesetzt wird – und sehen sich gegenüber traditionellen Energieberatern im Vorteil: Statt nur eines statischen PDFs erhielten Kunden auch eine anpassbare Online-Übersicht, sagt 42watt-Mitgründer Dietmann: „Wenn sich beispielsweise die Marktpreise für eine Wärmepumpe ändern, können wir den Fahrplan dynamisch anpassen.“
In der Start-up-Logik ein notwendiges Übel: Für die Sanierungsfahrpläne müssen sich qualifizierte Energieberater die Immobilie vor Ort ansehen. Obgleich sich die jungen Anbieter als Tech-Unternehmen verstehen, mussten sie deswegen ein Netzwerk von Energieberatern aufbauen. 42watt setzt dabei auf fest angestellte Berater, Enter gibt an, auch mit Freiberuflern zusammenarbeiten. Personalsorgen haben die jungen Unternehmen nach eigenem Bekunden nicht: „Gerade Akademiker und Handwerksmeister, die nach der Weiterbildung neu als Energieberater arbeiten, haben ein Interesse daran, von uns an die Hand genommen zu werden“, so Dietmann.
Standardisierte Fragebögen sollen die Vor-Ort-Besuche der Energieberater kurzhalten. Die Start-ups setzen zudem darauf, Eckdaten zur Immobilie schon vorher bei den Kunden abzufragen. Dazu werden online kostenlose Ersteinschätzungen angeboten, für die Hausbesitzer etwa Fragen zur Quadratmeterzahl, zum Baujahr und zu zurückliegenden Sanierungen beantworten. Aus den Angaben zieht die Software Rückschlüsse auf den Gebäudezustand – und spuckt bereits konkrete Sanierungsvorschläge und Wirtschaftlichkeitsberechnungen aus.
Stefanie Koepsell vom Deutschen Energieberaternetzwerk sieht solche Ansätze skeptisch. „Das Maß der Standardisierung, das die Start-ups anstreben, halte ich für nicht erreichbar“, sagt sie. Jedes Gebäude sei anders und die Anforderungen sowie die Erwartungen der Eigentümer sehr unterschiedlich. Viele Dinge kommen ihrer Erfahrung nach erst bei einem Vor-Ort-Termin zum Vorschein: „Es kommt zum Beispiel vor, dass die angedachte Fassadendämmung gar nicht umsetzbar ist, weil der Dachüberstand zu kurz ist.“ Unter einer hohen Standardisierung, mahnt die Expertin, leide letztlich die Beratungsqualität.
Enter hält dagegen, dass die Software valide Ergebnisse liefere. „Der Kunde bekommt eine Einschätzung, die mit 85- bis 90-prozentiger Genauigkeit mit den später nochmals überprüften Vorschlägen übereinstimmt“, sagt Mitgründer Schroeren. Die Analyse sei in der Regel Ausgangspunkt für einen Vor-Ort-Termin, bei denen noch fehlende Gebäudedaten ergänzt würden.
Plattformen vermitteln Finanzierungen
Alleine als Fahrplanersteller wollen sich die Digitalunternehmen ohnehin nicht verstanden wissen. Sie versuchen, weitere Standbeine aufzubauen, die sie unabhängiger von dem Förderinstrument machen. 42watt etwa bietet neben den geförderten Sanierungsfahrplänen im Anschluss an die Ersteinschätzung auch eine raumweise Betrachtung an, die noch tiefer ins Detail gehen soll.
Die Anbieter wollen außerdem dabei helfen, passende Handwerker und Finanzierungen zu finden. „Wir verstehen uns als Plattform, die Hausbesitzer auch bei der Umsetzung unterstützt“, sagt Dietmann. Enter-Gründer Schroeren spricht davon, dass ein „digitaler Zwilling“ des Gebäudes entstehe, der nach jedem Sanierungsschritt aktualisiert werden könne. Das Kalkül: Die einmal übers kostenintensive Onlinemarketing gewonnen Kunden sollen immer wieder aufs Neue Dienstleistungen über die Plattform in Anspruch nehmen.
Geldgeber glauben an das Geschäftsmodell: 42watt – seit März 2022 auf dem Markt – hat Ende des vergangenen Jahres in einer ersten Finanzierungsrunde einen Millionenbetrag im einstelligen Bereich eingesammelt. Konkurrent Enter hat im April sogar 19,4 Millionen Euro von Investoren bekommen. Konkrete Kundenzahlen nennen die Start-ups nicht, gemessen an Mitarbeiterzahlen haben die jungen Unternehmen das Gros der etablierten Energiebratungsbüros aber längst abgehängt: 42watt spricht von einer „mittleren zweistelligen Zahl“ an Vollzeitmitarbeitern, bei Enter sind es 80. Bis zum Jahresende sollen noch einmal mindestens 50 hinzukommen, sagt Mitgründer Schroeren: „Wir stehen noch ganz am Anfang.“
Lesen Sie auch: Soll die Heizung raus? Die wichtigsten Fragen und Antworten.