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Grillmarkt Wer hat den grünsten Grill der Republik?

Zeit zum Angrillen: Tragbare Grills wie von Skotti (Bild) oder Knister erfreuen sich immer größerer Beliebtheit. Quelle: PR

Die Temperaturen steigen, das Angrillen steht bevor. Viele Gründer buhlen pünktlich zur Grillsaison gezielt um eine immer umweltbewusstere Kundschaft. Doch überzeugen Sie damit auch die großen Investoren?

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Christian Battel ist leidenschaftlicher Angler. Und zwar ein ziemlich kreativer: Beim Grillen mit offenem Feuer am See wiesen ihn Ordnungsamt und Polizei immer wieder darauf hin, dass das nicht gestattet sei – und gingen ihm „auf den Zeiger“, wie Battel selbst sagt. Er erfand kurzerhand einen kleinen Gasgrill, den er überall hin mitnehmen kann. Den Skotti. Nach vielen Jahren in der Gesundheitsbranche wurde Battel mit dem Skotti Ende 2018 zum Grill-Unternehmer. Das Timing war perfekt. In den ersten zwei Monaten verkaufte er 40 Grills. Aktuell sind es 2000 Stück jeden Monat. Selbst in der kalten Jahreszeit.

Sein Start-up hat inzwischen fünf Mitarbeiter. Auch dank Corona. Grills gehen während der Pandemie überdurchschnittlich häufig über die digitale Ladentheke. Vor allem in der Camper-Szene ist der Skotti inzwischen populär. Immer mehr Kunden würden ihn auch auf ihrem kleinen Stadtbalkon einsetzen, erzählt Gründer Battel. Immerhin fallen große Grillpartys im Park, am Strand oder auf dem vollen Campingplatz gerade flach.

Battel ist in guter Gesellschaft: Einige junge Unternehmen kämpfen auf dem deutschen Grillmarkt gegen die meist ausländischen Konzerne um Marktanteile. Doch ob Start-up oder etablierte Firma: Über allen thront seit Jahren Weber-Stephen Products LLC. Oder einfach: Weber. Das US-Unternehmen aus Illinois erfand den Kugelgrill, erfreut sich internationaler Beliebtheit – und hat seit 1999 eine GmbH in Deutschland. 2017 fand eine Umfrage heraus, dass Weber die bekannteste und verbreitetste Grillmarke in Deutschland ist. Und das mit deutlichem Abstand.

Ohne Weber würde es die heutige Grillszene mit all ihrer Begeisterung nicht geben, sagt auch Christian Battel. Mit Napoleon stammt eine andere große Grillmarke auf dem deutschen Markt aus Kanada. Landmann, laut eigener Aussage „Deutschlands ältester Grillhersteller“, wiederum musste Ende des vergangenen Jahres Insolvenz anmelden. Und ist nun Teil der DS Holding von Ralf Dümmel, dem bekanntem Investor aus der Fernsehsendung „Die Höhle der Löwen“. Der Grillmarkt gilt als „gesättigt“ und wachse „nur noch auf Sparflamme“, heißt es in verschiedenen Analysen der vergangenen Jahre. Zwischen 2014 und 2018 wuchs der Markt gerade mal um fünf Prozent. „Mehr als 90 Prozent der Deutschen grillen gerne, aber der Markt wächst nur noch leicht. Daher braucht es Innovationen, um sich im Wettbewerb zu differenzieren“, sagt auch Investor Ralf Dümmel selbst. Hier sei gerade bei den etablierten Marken zuletzt nicht viel passiert. Und hier könnten innovative Start-ups ins Spiel kommen. Denn der Auftrieb, für den Corona gerade sorgt, ist womöglich nur temporär.

Seit dem Einstieg vom Traditionsunternehmen Miele beim Düsseldorfer Grill-Start-up Otto Wilde Grillers Mitte des Monats ist wieder enorm viel Bewegung im Markt. Miele übernimmt 75,1 Prozent der Anteile, kauft sich so Knowhow und Innovation im Geschäftsfeld der Outdoor-Küchen dazu. Und hielt ein umworbenes Start-up am deutschen Standort: Otto Wilde sprach auch mit ausländischen Finanzinvestoren, verriet Mitgründer Alexander Luik im Gespräch mit der WirtschaftsWoche.

Darf's ein bisschen Fremdkapital sein?

Das könnte Nachahmer anlocken. Noch fehlen Investoren oder Partner aus der Industrie nämlich. Viele der Start-ups haben höchstens ein paar Business Angels unter ihren Gesellschaftern. Wenn überhaupt. Die großen Risikokapitalgeber meiden den Markt noch. Und Miele ist als Traditionskonzernen ein ziemlicher Pionier unter den strategischen Partnern.

Christian Battel hat zwar Anfragen von ein paar Investoren, ist aber bislang noch ohne Fremdkapital unterwegs. „Würde ein strategischer Partner auf uns zukommen, der perfekt passt, könnte ich mir das grundsätzlich vorstellen“, sagt Battel. Die Expansion in neue europäische Länder und nach Nordamerika finanziert Skotti gerade aus eigener Tasche. Ohne den Corona-Effekt wäre das wohl kaum möglich. Langfristig möchte Battel vollständig in Deutschland produzieren, noch lässt er Teile in China fertigen. Schon jetzt soll der Grill ein Leben lang halten. Wer mal ein Edelstahl-Bauteil verliert, kann es im Onlineshop nachkaufen. Battel könnte sich sogar vorstellen, hierzulande schon mal eine kleine Produktionslinie aufzusetzen. Aber spätestens dann bräuchte er viel Kapital. Nachhaltigkeit hat nämlich ihren Preis – und wird in der Branche immer wichtiger. Schon jetzt wirbt Skotti auf der Webseite damit: „Grillen im Park oder in der Natur – ab jetzt mit gutem Gewissen, denn Skotti ist aus langlebigem Edelstahl gefertigt, funktioniert mit Gas und hinterlässt null Spuren.“ 



Kaum ein Hersteller kommt um solche Werbesprüche herum. Carolin Kunert setzt sogar noch einen drauf. Ihr Grill mit dem Namen Knister sei „der nachhaltigste Grill aller Zeiten“. Die studierte Industriedesignerin habe schon Produkte in Millionenserien gefertigt. Was sie dabei stets störte: „Ich konnte die Produktionsbedingungen und die Qualität nie beeinflussen. Unternehmen haben mich damals teilweise aufgefordert, Sollbruchstellen einzubauen, damit die Produkte in wenigen Jahren kaputt gehen.“ Dafür wollte Kunert ihre Zeit nicht länger opfern. Für ihren Knister Grill lässt sie nun alle Bauteile in Deutschland fertigen. Sämtliche Produzenten und Zulieferer säßen im Umkreis von 300 Kilometern beieinander, verspricht sie. Und: „Die Produktion kommt außerdem komplett ohne Kunststoffe aus.“

Kunert wuchs mitten in der Innenstadt auf. Ohne Garten. „Es war völlig normal, fürs Grillen immer an den See oder in den Park zu fahren, weil es zu Hause schlicht nicht möglich war.“ Deshalb erfand Kunert ihren tragbaren Grill, der auf einen Fahrradlenker passt.

Feindbild Tankstellengrill

Mit den Produkten, die vielerorts an warmen Sommertagen in Parks, am Fluss oder am See zurückgelassen werden und die sie schon in der Jugend störten, konkurriert Kunert nun: mit Einweggrills, No-Name-Produkten und Billiggeräten aus dem Einzelhandel. In der Pandemie hat sie das Marketing allerdings geändert, dem Grill eine Balkonhalterung verpasst. So kann der Knister auch coronakonform zu Hause genutzt werden. Wer fährt gerade schon mit dem Drahtesel zur Grillparty? Zu Beginn der Pandemie dachten sich Kunert und ihr Team nämlich: „Mist, jetzt macht unser Produkt gar keinen Sinn mehr.“ Die schnelle Umstellung zahlt sich aus. Eine „fünfstellige Anzahl Grills und Zubehör“ verkauft das Unternehmen nach eigener Aussage im Jahr.



Noch funktioniert der Knister Grill mit Holzkohle. Eine Gas-Variante lässt sich auf der Webseite bereits vorbestellen. Wie umweltfreundlich, Holzkohle sein kann, ist in der Branche höchst umstritten. Und um die Frage, wie viel besser Gas tatsächlich ist, tobt ebenfalls ein Glaubenskrieg. Zwar bleibt beim Gas keine Asche übrig und bei der Holzkohle entstehen während des Grillens Schadstoffe. Allerdings sind Butan und Propan, die in den Gaskartuschen stecken, Nebenprodukte der Erdölproduktion. Dafür besteht Holzkohle häufig aus Tropenholz, das Tausende Kilometer von den deutschen Terrassen entfernt abgebaut wird. Im Zweifel nicht mal legal. „Verwenden Sie einen Gas- oder Elektrogrill“, empfiehlt das Umweltbundesamt. Langfristig will Knister-Gründerin Kunert selbst an nachhaltiger Holzkohle arbeiten. In einem Jahr soll es losgehen.

Matthias Otto tut das schon. Mit seinem Unternehmen Monolith verkauft er nämlich nicht nur hochwertige und hochpreisige Keramikgrills in viele Länder. „Wir bieten auch eine qualitativ hochwertige Holzkohle aus nachhaltiger Waldwirtschaft an“, sagt der Gründer. Nach viel Recherche sei er auf einen deutschen Partner aus der Futtermittelindustrie gestoßen, der die Kohle nun produziert.

Modernste Technik trifft Tradition

Otto kommt aus einer Branche, die ähnlich stark mit ihrem Image als Ressourcenverschwender zu kämpfen hat. In verschiedensten Ländern hat er vor der Gründung von Monolith Kleidung produzieren lassen. Und schon immer stand er begeistert am Grill. Bevor Otto vor 15 Jahren zum ersten Mal von Keramikgrills aus Japan, sogenannten Kamados, hörte, stellte er den heimischen Garten mit den unterschiedlichsten Grills voll und tüftelte an ihnen herum. Nicht unbedingt zur Freude seiner Frau, wie er erzählt. Mittlerweile stehen nur noch zwei seiner eigenen Grills im Garten: ein großer und ein kleiner. Ein Modell hat Otto schon gemeinsam mit Starkoch Tim Mälzer entwickelt. Die Grills verkauft Monolith ausschließlich über den Fachhandel. Und anders als bei Skotti und Knister handelt es sich bei den Monolith-Grills tatsächlich um massive Standgrills für die Terrasse. Mit einem Gewicht von 85 Kilogramm ist der „Monolith Classic“ wirklich nichts für den Rucksack oder das Fahrrad. Viel mehr tritt Gründer Otto, der seit bald zwölf Jahren am Markt ist, damit in Konkurrenz zu US-Unternehmen wie Kamado Joe. Doch auch Branchenprimus Weber bietet einen Keramikgrill an.

Die Grills funktionieren mit Holzkohle - im besten Fall mit der eigenen, etwas klimaschonenderen von Monolith. Den Grillvorgang selbst möchte Otto zusammen mit seinem US-Partner BBQ Guru auf Nachhaltigkeit und Effizienz trimmen: Eine elektronische Steuerung, die sich am Monolith anbringen lässt, kann selbstständig einen integrierten Lüfter regeln: Die Grillmeisterinnen und Grillmeister stellen am Gerät nur eine gewünschte Temperatur ein, der BBQ Guru reguliert die Luftzufuhr und sorgt so für eine konstante Temperatur. Die lässt sich von Hand nämlich nie wirklich halten. Der technische Helfer soll Holzkohle besonders beim sehr langen Grillen und Garen, dem Slow-Cooking, effizienter machen: „Dank der Regulierung der Luftzufuhr können unsere Kunden mit 2,5 Kilogramm Holzkohle bis zu 30 Stunden am Stück grillen, ohne etwas nachlegen zu müssen“, verspricht Otto. So will er die vielen Vorurteile gegenüber Holzkohle aus der Welt schaffen.

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Das probieren nicht nur Grillhersteller. Das Augsburger Start-up Nero etwa produziert nachhaltige Grillkohle, Briketts, Anzünder und auch Bio-Saucen. Und begab ich schon bei der „Höhle der Löwen“ auf Investorensuche. Die Gründer fuhren allerdings ohne Deal nach Hause. Das ist beinahe typisch für Start-ups, die sich an Grills, Kohle oder Zubehör versuchen. Auch das Unternehmen Wilhelm Grill, das von Sachsen-Anhalt aus smarte Grills verkauft, erhielt bei den Investoren eine Absage. Ralf Dümmel würde sich zumindest freuen, wenn wieder „mehr Grill-Start-ups künftig die Löwenhöhle betreten“. Und aktuell „befinden wir uns tatsächlich mitten in den Dreharbeiten für die neue Staffel 'Die Höhle der Löwen' und vielleicht ist ja etwas dabei?“, sagt Dümmel.

Selbst Otto Wilde konnte bei seinem Auftritt bei der „Höhle der Löwen“ keinen der Geldgeber von einem Deal überzeugen. Aber dann kam ja Miele. Und vielleicht inspiriert diese Übernahme auch noch das ein oder andere Traditionsunternehmen, jetzt einen Blick auf den Grillmarkt und die jungen Unternehmen zu werfen.

Mehr zum Thema: Der traditionsreiche Haushaltskonzern Miele übernimmt die Mehrheit an den Düsseldorfer Grillbauern Otto Wilde Grillers. Das Start-up möchte trotzdem „wild“ bleiben. Und das könnte sogar funktionieren. Zumindest vorerst.

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