Gründer-Inkubatoren Die schnellen Brüter für Startups boomen

In sogenannten Inkubatoren finden Gründer Nährboden und Nestwärme, um zu Unternehmern zu reifen. Betreiber dieser Brutkästen sind nicht nur Hochschulen, die findige Wissenschaftler fördern, sondern neuerdings auch immer mehr Unternehmer mit viel Geld und hohen Ansprüchen.

Benjamin Vahle, Sarik Weber (links) Quelle: Arne Weychardt für WirtschaftsWoche

Nicht weit von der alten Backfabrik, die jahrelang halb Berlin mit frischen Schrippen versorgte, geht das junge Unternehmen Plinga auf wie warmer Hefeteig. „Am Anfang stand die Idee, Online-Spiele in sozialen Netzwerken zu veröffentlichen“, sagt Gründer Johannes Kreibohm. Das hätten sie dann auch mit richtig Druck „umgesetzt“.

Kreibohm und Mitgründer Thorsten Lubinski tankten Risikokapital in siebenstelliger Höhe und nahmen rund 50 Mitarbeiter an Bord. Nur eineinhalb Jahre danach erreicht Plinga mehr als zwölf Millionen Online-Spieler im Monat – den „Brüdern“ sei Dank.

So nennt Kreibohm das Trio Marc, Oliver und Alexander Samwer, das den Start mit Kapital, Connections und Coaching befeuert hat.

Das Brüder-Trio hat um die Jahrtausendwende mehrere Internet-Unternehmen aufgebaut und für viele Millionen Euro versilbert. Genug Geld, um im Jahr 2007 die Serienproduktion neuer Startups aufzunehmen: Zusammen mit Christian Weiss gründeten sie Rocket Internet – einen Brutkasten, in dem Startups wie Plinga gepäppelt werden (Interview mit Christian Weiss).

Vorbild: Y Combinator

Als Mutter des Modells „Gewächshaus für Gründer“ gilt „Y Combinator“ aus dem kalifornischen Silicon Valley, der jüngst ein Startup für 212 Millionen Dollar verkaufen konnte (WirtschaftsWoche 1/2011). Solche Erfolgsgeschichten wecken Ideen und Begehrlichkeiten – und haben einen Boom der Business-Brüter ausgelöst.

Nicht nur in Berlin, wo neben Rocket Internet auch Rheingau Ventures oder Linden Ventures neue Firmen züchten.

In Köln hat Michael Schwetje, der 1998 OnVista gründete und 2007 verkaufte, mit Weggefährten die „Betafabrik“ aufgebaut. In Hamburg wiederum will Lars Hinrichs, Erfinder des Business-Netzwerks Xing, mit „HackFwd“ Computerfreaks mit guten Einfällen zu Unternehmern machen.

Auch im Ausland sind deutsche Unternehmer als Züchter unterwegs: In London hat Internet-Pionier Stefan Glänzer das Gewächshaus „White Bear Yard“ eröffnet.

Und selbst ausgewachsene Unternehmen des ersten Internet-Booms betreiben Inkubatoren, damit ihnen die innovativen Ideen nicht ausgehen. So lockt Immobilienscout24-Gründer mit einem „Startup-Paket im Wert von 500.000 Euro“ in seinen Inkubator „YouIsNow“.

Eine ähnliche Entwicklung hatte es schon zur Jahrtausendwende gegeben: Im ersten Internet-Boom schossen Inkubatoren wie Pilze aus dem Boden, um beim Crash genauso schnell einzugehen. Noch im Jahr 2001 warb „Gorilla Park“, einer der größten Brüter, mit dem Slogan: „Von der Idee zum Börsengang in 24 Monaten“. Zwei Jahre später war er pleite.

Dieses Mal, so die Hoffnung, soll der Boom der Inkubatoren nachhaltiger sein. Zum einen, weil sie von Menschen initiiert werden, die selbst Unternehmen gegründet haben. Zum anderen ist das Risiko geringer: „Es kostet heute nur noch ein paar Tausend Euro, ein Internet-Unternehmen zu gründen“, sagt etwa Florian Schweitzer vom Investorennetzwerk BrainsToVentures.

Alexander Hüsing vom Gründer-Nachrichtenportal Deutsche-Startups.de bewertet die zweite deutsche Brüterwelle daher positiv: „Die neuen Inkubatoren bieten Startups ein Fundament, das der Gründer-Szene lange gefehlt hat.“

Von der Uni auf den Chefsessel

Die Internet-Inkubatoren sind ohnehin nur die Spitze des Eisbergs. Selbst Freiberufler wie Tanzlehrer oder Musiker können in Inkubatoren in die Selbstständigkeit starten. Zum Beispiel in der Garage, einer Brüter-Kette in mehreren Städten Deutschlands, die Arbeitslosengeld-Empfängern den Weg in die Selbstständigkeit ebnet – für die Gründer kostenlos.

„Wir wollen unseren Garagees systematisch helfen“, sagt Peter Urselmann, der die Garage in Dortmund leitet. Ein mannsgroßes Schaubild in seinem Büro zeigt, wie aus den Arbeitslosen innerhalb von sechs Monaten Unternehmer gemacht werden: In der „Kickstartphase“  entwickeln sie ihre Idee und werden von Experten gecoacht. Danach fangen sie aus einem Großraumbüro heraus an, den Markt zu erobern.

Johannes Kreibohm, Christian Weiss (rechts) Quelle: Arne Weychardt für WirtschaftsWoche

Meist mit Erfolg: Von den mehr als 200 Menschen, die den Dortmunder Inkubator bisher durchlaufen haben, sind 80 Prozent selbstständig geblieben – nur jeder Zehnte wurde wieder arbeitslos.

Die meisten Brutkästen richten sich aber an Menschen, die man nicht vor der Arbeitslosigkeit bewahren muss, sondern davor, leichtfertig einen festen Job anzunehmen. Sie befinden sich dort, wo gute Ideen geboren, aber zu selten zu Unternehmen wurden: an Hochschulen.

Ohne ein solches Treibhaus hätten Marek Checinski und Alexander Kulesza ihre Geschäftsidee womöglich wieder beerdigt und sich einen Job in der Industrie gesucht. Stattdessen bezogen sie nach ihrem Chemie-Studium an der Berliner Humboldt-Universität ein Büro im Inkubator ihrer Uni. In der „Spin-Off-Zone“ stellten sie Schreibtische und PCs auf, besorgten sich ein EXIST-Gründerstipendium und holten zwei Mitstreiter an Bord.

Jetzt bauen sie Tür an Tür mit anderen Gründern ihr Startup Creative Quantum auf. Es entwickelt Software, mit der sich chemische Prozesse am PC simulieren lassen. Diese Software verkaufen sie nicht, sondern führen damit für Chemie-Unternehmen virtuelle Versuche durch und ersparen ihnen so den Einsatz von Chemikalien und Geräten – kurz: viel Geld.

Eine Idee mit Zukunft, da sind die beiden sicher.

Und eine Idee, die wie gemacht ist für den Inkubator. „Es gibt an der Uni so viele kluge Köpfe mit Gründerpotenzial“, sagt Volker Hofmann, der Leiter des Spin-Off-Bereichs der Humboldt-Universität, „wir müssen dieses Potenzial nur heben.“

Also helfen Hofmann und sein Team den Jungunternehmern auch dabei, einen Businessplan zu schreiben, ein Gründerstipendium zu bekommen und passende Mitstreiter zu finden. Im Gegenzug sollen sie den Gründergeist an der Uni verbreiten. Unternehmensanteile abgeben müssen sie nicht.

Unterstützung gegen Anteile

So generös geht es in Brutkästen, in denen Ex-Unternehmer wie die Samwer-Brüder Startups aufpäppeln, nicht zu. Sie statten die Gründer mit Startkapital aus, beanspruchen dafür aber auch Anteile am Unternehmen. Und das nicht zu knapp.

HackFwd gehört zu den wenigen Inkubatoren, die die Konditionen hinter diesen Deals öffentlich machen: Die Gründerschmiede von Lars Hinrichs finanziert IT-Tüftler im Frühstadium mit 91.000 bis 191.000 Euro und verlangt dafür einheitlich 27 Prozent der Anteile.

Andere Inkubatoren kassieren oft mehr – insbesondere dann, wenn die Geschäftsidee vor allem mithilfe des Inkubators und nicht allein in den Köpfen der Gründer entstanden ist. So gehören Johannes Kreibohm und Thorsten Lubinski laut der Beteiligungsdatenbank des  Gründerportals Gruenderszene.de nur acht Prozent ihres Unternehmens Plinga.

Die Gründer hätten noch immer die „volle unternehmerische Verantwortung“ und „sinifikante Anteile am Unternehmen“, wiegelt Mitgründer Kreibohm ab – und mit Rocket ja außerdem starke Partner und Investoren an der Seite.

Wer die Mehrheit der Anteile abgibt, riskiert aber seine unternehmerische Freiheit: Die Gesellschafter sitzen bei allen Entscheidungen mit am Tisch.

Beispiel Rocket Internet: Die Samwer-Brüder werden zwar nicht auf der Homepage des Inkubators erwähnt, sind aber an operativen Entscheidungen der Startups beteiligt. „Wir sprechen wichtige Entscheidungen eng ab“, gibt Kreibohm zu.

Gründen ohne eigene Idee

Gerade mal ein paar Schritte sind es vom Schreibtisch von Sarik Weber zu den Startups, die er seit Mitte 2010 gemeinsam mit Jochen Maaß bei Hanse Ventures ausbrütet. Auch hinter diesem jungen Internet-Inkubator stecken erfahrene Seriengründer: Weber zog das Mobilfunkunternehmen Cellity hoch, bevor er es im Jahr 2009 an Nokia verkaufte. Maaß baute unter anderem den Suchmaschinenoptimierer Artaxo auf. Jetzt logieren die beiden unter dem Dach eines Bürohauses am Hamburger Sandtorkai – in einem Großraumbüro.

Während draußen vor dem Fenster Baukräne die neue Hafencity hochziehen, wachsen hinter den Scheiben neue Unternehmen heran. Halbrunde Nierenschreibtische reihen sich aneinander wie die Boxen einer Legebatterie. An einer Tischgruppe sitzt Benjamin Vahle und lenkt die Geschicke eines Reiseportals namens 1000kreuzfahrten.de. Sieben Mitarbeiter beraten die Kunden telefonisch und vermitteln ihnen gegen Provision in dem unübersichtlichen Markt passende Schiffsreisen.

Marek Checinski (rechts), Volker Hofmann Quelle: Arne Weychardt für WirtschaftsWoche

Um sich als Gründer im Brutkasten von Hanse Ventures einzunisten, hat Vahle einiges geopfert: Nach dem Studium an der European Business School lehnte er zwei Angebote von Beratungsfirmen ab, auch wenn er dort das Dreifache hätte verdienen können: „Ich wollte nicht fremde Unternehmen analysieren“, sagt der 26-Jährige, „sondern ein eigenes aufbauen.“

Dass Vahle das kann, hatte er schon während des Studiums bewiesen: Mit Kommilitonen sammelte er Geld und gründete 2005 den Verein „Make a Difference“, der unter anderem in Armenvierteln einer amerikanischen Großstadt Häuser für benachteiligte Familien errichtet.

„Ein solches Engagement ist wichtiger als gute Noten“, sagt Gründerzüchter Weber, „es signalisiert Unternehmertalent.“

Anders als etwa HackFwd, das Computer-Tüftler mit guten Ideen zu Gründern machen will, sucht Weber nach Unternehmertypen, die auch eine fremde Idee in ein Unternehmen verwandeln können.

Menschen wie Benjamin Vahle eben. Weber und Maaß nahmen ihn in eine Art Trainee-Programm namens „Entrepreneur in Residence“ auf, das es in ähnlicher Form auch schon länger bei Rocket Internet gibt. Einige Monate lang lernen die Gründer in spe dabei Startups von innen kennen, bevor sie selber eines aufbauen.

Oder ein bestehendes übernehmen: Eigentlich entstand 1000Kreuzfahrten aus CaptainTravel, einem Startup, das mit den ursprünglichen Gründern keinen Erfolg hatte, bevor Vahle es quasi neu gründete.

Solche Wechsel sind in Inkubatoren nicht selten, wie das Beispiel Citydeal zeigt. Das Startup, das bei Rocket Internet entstand, verkauft Rabattgutscheine im Netz – eine Geschäftsidee, die leicht als Klon des US-Unternehmens Groupon zu erkennen ist. Dass die Idee abgekupfert war, ist für Startups in Inkubatoren nicht untypisch, schadet dem Erfolg aber nicht.

Im Gegenteil: Rocket katapultierte Citydeal mit Hochdruck in die Umlaufbahn, bevor es im Mai 2010 von Groupon übernommen wurde. Gerüchten zufolge für einen dreistelligen Millionenbetrag.

Damit sorgte Citydeal für Schlagzeilen – und wurde vom Portal Deutsche-Startups.de zusammen mit dem Sieger des vergangenen WirtschaftsWoche-Gründerwettbewerbs Avocado Store zum „Startup des Jahres“ gewählt.

Ein Erfolg mit Schattenseiten: Zwei der drei Gründer, die Citydeal mit aufgebaut hatten, verließen das Unternehmen schon einige Monate vor dem Verkauf an Groupon. Von dem Geldregen, der kurz darauf über dem Inkubator niederging, hatten sie leider nichts.

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