WiWo App 1 Monat für nur 0,99 €
Anzeigen

Gründer-Mütter „Er hat viel Mist fabriziert“

Seite 3/4

Hochbegabung und Rebellion

Gab es Krisen?
Ingrid Krauss: Ja, die gab es. Da war Daniel 15. Mein Mann und ich haben uns zu der Zeit getrennt. Ich bin dann kurz darauf mit meinen beiden Kindern aus der Region nach Nürnberg in die Stadt gezogen. Das hat er mir so ein halbes Jahr lang nicht verziehen. Er hat mich damit bestraft, dass er tagsüber oben in seinem Zimmer geblieben ist und mich nicht beachtet hat. Ich habe aber nicht nachgegeben. Für mich war wichtig: Morgens und abends kommen meine Kinder zum Essen. Da bin ich stur geblieben. Er hat mir dann auch böse Briefe geschrieben, die er mir unters Kopfkissen gelegt hat. Das war echt eine Krise. Kannst Du Dich noch erinnern?
Daniel Krauss: Ich kann mich erinnern, dass die Zeit für mich extrem schlimm war. An die Briefe erinnere ich mich nicht.
Ingrid Krauss: Ich habe die noch (lacht).
Daniel Krauss: Das war eine schlimme Phase für mich. Ich habe in den Sommerferien damals wieder Urlaub in der alten Heimat gemacht. Ich war der Gegend sehr verbunden – und ich war mit 15 in der Region sogar eine Partylegende (lacht).

Wie bitte?
Daniel Krauss: Hinter meinem Kindheitshaus gab es eine Lagerhalle, die im Prinzip verwaist war. Da haben wir Sofas rausgestellt und in die Weite geguckt. Nach der Schule habe ich mich dort mit Freunden getroffen und Musik gemacht. Dann sind immer mehr Menschen gekommen und dann haben wir freitags und samstags Partys gefeiert – bekannt als das Popsofa. Es gab regelmäßig Besuch von Feuerwehr und Polizei. Meine Mutter hat das alles ertragen.

Haben Sie sich Vorwürfe gemacht, dass Sie nach Nürnberg gezogen sind und Ihren Sohn aus seiner Heimat gerissen haben?
Ingrid Krauss: Nein. Es gab für mich keine Alternative. Und das war eigentlich auch die einzige Krise. Sonst vielleicht mal hier und da ein paar Stunden. Aber wir sind beide nicht nachtragend.

Sie sprachen Daniels Hochbegabung an. Es ist ja ein bekanntes Muster, dass sehr intelligente Menschen in der Schule mitunter Probleme haben. Bei Daniel auch?
Ingrid Krauss: Daniel war ein Überflieger in den ersten Jahren, bis er Latein dazu bekam. Da musste er dann was leisten und lernen. Er hatte aber nie gelernt, zu lernen.
Daniel Krauss: Man sagt Informatikern nach, dass sie generell sehr faul sind…
Ingrid Krauss: Ja, er war faul. Das war der erste Bruch, wo mein Bruder, dem viel an Daniel gelegen war, und ich überlegt haben, was wir machen können. Wir haben gedacht, dass ein kleines Internat weit entfernt sinnvoll wäre. Aber er hat dort rebelliert. Nach acht Wochen musste ich ihn wieder zurückholen.

Was heißt rebelliert?
Daniel Krauss: Die Baufirma meines Stiefvaters ist insolvent gegangen. Ihr hattet Euch zu dem Zeitpunkt getrennt. Ich hatte keinen Bock mehr auf Latein. Ich wollte nie Latein lernen und wäre am liebsten auf die Realschule gewechselt. Ich bin dann aber auf das Gymnasium gegangen…
Ingrid Krauss: …gegangen worden.
Daniel Krauss: Statt zur Schule bin ich in die umliegenden Elektronikmärkte Saturn und Mediamarkt gegangen und habe Computer gespielt. Irgendwann ist es eskaliert und ich durfte auf die Realschule in Fürth. Für mich waren Schulabschlüsse, Noten oder Karriere damals nicht so wichtig. Mir war das soziale Umfeld wichtiger.

Und Sie sind dann in der Zeit auch umgezogen?
Daniel Krauss: Ja, der Umzug nach Nürnberg war sehr entscheidend für mein Leben. Wir sind in eine Reihenhaussiedlung gezogen. Der Nachbar war bei Siemens, ein ziemlicher Nerd. Cooler Typ. Der war Informatiker, hat mich kurz bevor ich 16 wurde zu Siemens mitgenommen und hat mir 1999 einen Ferienjob in der IT-Abteilung vermittelt.
Ingrid Krauss: Du hättest eigentlich in dem Alter noch gar nicht arbeiten dürfen.
Daniel Krauss: Das war ein ziemlicher Aufwand. Und die Voraussetzung war, dass ich die ganzen sechs Ferienwochen durcharbeite. Als 15-Jähriger nicht selbstverständlich. Und das war der Wendepunkt.

Inwiefern?
Daniel Krauss: Ich habe in dem Moment verstanden, dass ich das, was ich sonst immer nur spielerisch gemacht habe oder teilweise sogar aus Protest, im IT-Umfeld einsetzen kann. Mit einem echten Ziel. Und ich habe auch verstanden, dass es Sinn macht, nach der Realschule noch die Fachoberschule zu besuchen und dann Wirtschaftsinformatik zu studieren. Der Nachbar und der Umzug nach Nürnberg waren ein echter Wendepunkt in meinem Leben.
Ingrid Krauss: Wobei ich glaube, dass auch Daniels Onkel viel Einfluss auf seine Entwicklung hatte. Er hatte in Bonn ein Übersetzungsbüro und hat sehr früh erkannt, wo die Stärken von Daniel liegen. In den Ferien war es das größte für Daniel, vor Ort in dem Büro zu sein.
Daniel Krauss: Die Firma war damals der größte Software-Lokalisator in Europa. Das heißt alle Produkte von 1993 bis 2000, die wir microsoft-seitig in unserer Muttersprache benutzt haben, wurden von dem Unternehmen übersetzt. Und damals gab es auch multimediale Titel wie Spiele und Lexika. Da konnte ich rumklicken und testen. Das habe ich in den Ferien gemacht. Fand ich immer spannend.
Ingrid Krauss: Dein Onkel war ein Vorbild. Er hat Dich durchaus inspiriert, irgendwann mal selbstständig zu sein und eine eigene Firma zu haben.

Inhalt
Artikel auf einer Seite lesen
Diesen Artikel teilen:
  • Artikel teilen per:
  • Artikel teilen per:
© Handelsblatt GmbH – Alle Rechte vorbehalten. Nutzungsrechte erwerben?
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%