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Gründer Unternehmerinnen erobern die Start-Up-Szene

Der Bund will mehr Frauen als Unternehmensgründerinnen. Ein Blick in die Berliner Start-up-Szene zeigt, dass sich weibliche Firmeninhaber wirklich nicht zu verstecken brauchen.

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Anna Alex (links) und Julia Bösch, die beiden Gründerinnen des Herrenausstatters Outfittery, haben ihre Internet-Plattform Anfang 2012 eröffnet. Quelle: Presse

Outfittery zeigt Sinn für Tradition. Der Online-Bestellservice für Männerbekleidung residiert in einem für Berlin typischen Gebäudekomplex mit Hinterhöfen im Stadtteil Kreuzberg. Hier, in dem über 100 Jahre alten Gemäuer, saß einmal eine Nähfabrik, wo sich Outfittery nun auf zwei Etagen eingemietet hat.

Zugleich ist Outfittery supermodern. Das Start-up verkauft nach einem telefonischen Beratungsgespräch mit einer Style-Expertin eine Auswahl an Hosen, Hemden, Pullovern und Schuhen – zugeschnitten auf die Vorlieben des Kunden. Das Unternehmen ist jung und wächst schnell. Anna Alex und Julia Bösch haben Outfittery vor zwei Jahren gegründet, heute machen sie laut Wirtschaftsauskunftei Creditreform knapp sieben Millionen Euro Umsatz und beschäftigen 150 Mitarbeiter.

Die 29-jährige Volkswirtin Alex und die 30-jährige Betriebswirtin Bösch sind typische Vertreter der Berliner Start-up-Szene und doch Ausnahmen. Denn sie sind Frauen und damit noch Exoten in der deutschen Internet-Gründerszene. Laut einer Studie des Bundesverbandes Deutsche Start-ups waren im vergangenen Jahr gerade mal 13 Prozent aller Gründer weiblich.

"Frauen benötigen Vorbilder"

Doch es gibt sie mittlerweile, eine Gründerinnenszene in Berlin. Und Frauen wie die Outfittery-Chefinnen arbeiten daran, ihre Rolle zu stärken – durch ihr Vorbild, durch Vernetzung mit anderen Gründerinnen, kontinuierlichen Erfahrungsaustausch und die Veranstaltung spezieller Events, etwa sogenannte Ladies Dinner.

Die mächtigsten Frauen im Business
Nancy McKinstry Quelle: Presse
Platz 14: Ho Ching Quelle: REUTERS
Platz 13: Sandra Peterson Quelle: Bayer CropScience AG
Platz 12: Ornella Barra Quelle: Presse
Platz 11: Maria Ramos Quelle: World Economic Forum
Marjorie Scardino Quelle: REUTERS
Annika Falkengren Quelle: REUTERS

„Frauen benötigen Vorbilder, die anfassbar sind; amerikanische Beispiele wie die prominente Yahoo-Chefin Marissa Meyer sind schlicht zu weit weg“, sagt Alex. Sie glaubt, dass der Anteil Frauen unter den Gründern in Deutschland in den nächsten Jahren überproportional steigen wird. „Es ist schön, wenn wir dazu einen Teil beitragen können.“

Die beiden Gründerinnen wissen: Allein dass Frauen ein Unternehmen führen, verschafft ihnen gesteigerte Aufmerksamkeit und könnte deswegen Geschlechtsgenossinnen zum Nachahmen animieren. Doch betont Bösch, dass das Geschlecht am Ende zweitrangig ist: „Für mich zählt letztlich nur die unternehmerische Performance – im Alltag mache ich mir über mein Frausein wenig Gedanken.“

Kein Einzelfall

Der Erfolg gibt Alex und Bösch recht: Mehr als 100 000 Männer in Deutschland, Österreich, der Schweiz und den Niederlanden kaufen mittlerweile bei Outfittery. Noch in diesem Jahr soll das Unternehmen in zwei weiteren großen Ländern das Geschäft aufnehmen. Dabei sind die Chefinnen froh, dass sie zu zweit an der Unternehmensspitze stehen. So hätte jede von ihnen stets einen Sparringspartner, wenn es im Unternehmensalltag mal irgendwo rappelt oder hakt.

Die WirtschaftsWoche sah sich in Berlin nach weiteren Gründerinnen wie Alex und Bösch um und stieß auf eine Reihe von Vertreterinnen, die jeweils eine eigene Rolle in der kleinen, aber feinen Szene spielen.

Verena Delius legt sich ins Zeug, um Gründerinnen zu helfen, die bisher allein unterwegs sind. Die 35-jährige Mutter zweier Kinder ist seit mehreren Jahren in der Berliner Start-up-Szene unterwegs. So leitet sie seit 2010 den Internet-Spielehersteller Goodbeans im Prenzlauer Berg. Zudem hat die Betriebswirtin im vergangenen Jahr mit ihrem Geschäftspartner Moritz Hohl den Anbieter von Spiele-Apps für Kinder, Fox & Sheep, gegründet.

Delius lässt sich einiges einfallen, um Frauen der Berliner Start-up-Szene zu vernetzen und an einen Tisch zu bringen. Anfang 2013 rief sie mit Unterstützung der Unternehmensberatung KPMG ein Ladies Dinner ins Leben. Seitdem lädt sie vierteljährlich jeweils 40 Frauen in eine wechselnde coole Location zum Abendessen inklusive Kurzvorträgen und Debattieren ein. Sechs Ladies Dinner haben bisher stattgefunden. „Da entsteht gerade ein echtes Netzwerk“, sagt Delius. „Und es widerlegt das Klischee, Frauen könnten nicht netzwerken, würden untereinander nur Zickenkrieg führen oder bloß über Babys und Windeln sprechen.“

Anteil der Gründerinnen steigt stark

Anfangs reichte die Adressenkartei von Delius, um genügend Teilnehmerinnen für einen Abend zu finden. Heute hat sie 80 Frauen auf ihrer Liste. „Und es werden immer mehr“, sagt Delius. „Daher glaube ich auch, sagen zu können, dass der Anteil von Gründerinnen in der Berliner Szene gerade überproportional wächst.“

Dass Delius als Frau und Mutter Jüngeren zugleich als Vorbild dient, setzt sie bei ihrem Networking nebenbei gezielt ein. „Ich rede offen darüber, auch über die Probleme – und kann dadurch anderen Frauen Mut machen“, sagt die Unternehmerin. „Ich hätte es jedenfalls bestimmt leichter gehabt, wenn ich im Alter von 25 mehr derartige Vorbilder gehabt hätte.“

Corinna Powalla sieht sich im Gegensatz zu Delius nicht als klassische Netzwerkerin. „Es ist wichtig, sich mit anderen Gründern regelmäßig auszutauschen – aber ich komme kaum dazu“, sagt sie.

Die meiste Zeit kümmert sich die 32-Jährige um den Aufbau ihres Start-ups Modomoto. Das ist ein direkter Konkurrent von Outfittery und residiert ebenfalls in Kreuzberg, nur gut zwei Kilometer Luftlinie von den Rivalinnen Alex und Bösch entfernt.

Mit Stil zum Erfolg

Auch Powalla will Männer anziehen. Im Gegensatz zu Outfittery wickelt Modomoto aber den Großteil des Versandgeschäfts selbst ab – von der Warenannahme über die Verpackung bis zu den Retouren. „Unsere Style-Beraterinnen haben die Klamotten wirklich haptisch vor Ort, nicht nur virtuell am Bildschirm“, sagt Powalla.

Willkommen im Club
Patricia Gandji, 43Nordeuropa-Chefin von Cartier Quelle: SCHÖTTGER Photography
Foto von Eleonore Ogrinz Quelle: Presse
Foto von Sabine Scheunert Quelle: Presse
Foto von Britta Fünfstück Quelle: Presse
Foto von Edda Feisel Quelle: Presse
Foto von Helen Yuanyuan Cao Quelle: Claudia Larsen
Foto Stefanie Haberer Quelle: Presse

Und das Virtuelle wird auch sonst ganz schön real bei Modomoto. Es rappelt und rumpelt, wenn die Mitarbeiter in der Versandabteilung die Versandboxen packen. Stilberaterinnen sitzen am Tisch daneben und kritzeln jedem Kunden handschriftlich eine persönliche Botschaft auf ein Kärtchen, die den Boxen beigelegt werden. Auf diese Weise erläutern sie dem Kunden, warum sie für ihn gerade diese Klamotten ausgewählt haben.

Das Konzept aus E-Commerce und Beratung scheint auch bei Modomoto anzukommen. Das Ende 2011 gegründete Unternehmen hat bereits mehr als 150 000 Kunden in Deutschland und Österreich – und ist laut eigenen Angaben seit vergangenem Jahr profitabel. „Das sorgt für entspannte Nächte“, meint Powalla.

"Die Veränderungen müssen schon bei der Erziehung beginnen"

Die Unternehmerin sieht mehrere Gründe, weshalb es so wenig Frauen in der deutschen Start-up-Szene gibt. „Die Veränderungen müssen schon in der Erziehung beginnen, um Mädchen zu mehr Selbstständigkeit zu ermutigen“, sagt Powalla. Dieses Thema setze sich im Studium insbesondere der Betriebswirtschaftslehre fort: „Da wird immer nur vom Angestelltendasein gesprochen, fast nie über die Gründung von Unternehmen – obwohl das in der Betriebswirtschaft ja naheliegt.“

Powalla spricht aus Erfahrung. Sie hat BWL in Berlin studiert. Bevor sie ihr Unternehmen gründete, arbeitete sie in den Bereichen Finance und Online-Marketing beim Internet-Brillenversender Mr. Spex.

Wenn es ein weibliches Establishment der Berliner Start-up-Szene gibt, dann ist Claudia Helming sein Aushängeschild. Die 40-Jährige trat schon 2006 in der Hauptstadt als Entrepreneurin in Erscheinung, indem sie DaWanda gründete, ein Internet-Portal für selbst gemachte Produkte wie Schmuck, Kleidung oder Accessoires.

DaWanda sitzt nicht in den szenetypischen Quartieren Prenzlauer Berg, Berlin-Mitte oder Kreuzberg, sondern in einem Dachgeschoss im beschaulichen, gutbürgerlichen Charlottenburg. Direkt am Eingang begrüßt den Besucher eine alte rotbraune Couch im englischen Stil, gegenüber ein alter Röhrenfernseher aus den Fünfzigerjahren. Rippchen-Parkett und helle Gaubenfenster runden das gediegene Ambiente ab.

Dass Gründerinnen insbesondere im IT- und Internet-Geschäft in der Minderheit sind, wundert DaWanda-Chefin Helming nicht. „Auch wenn das nach Klischee klingt: Viele Frauen betrachten ihre Kenntnisse gerade in Gebieten wie IT und Technik als Hemmschwelle“, sagt sie. Daher würden Frauen eher Unternehmen in solchen Bereichen gründen, in denen sie sich zu Hause fühlten. „Und bei Produkten, zu denen sie eine emotionale Bindung haben“, sagt Helming.

Von Frauen für Frauen

Das gilt offenbar auch für DaWanda selber. Das Unternehmen beschäftigt rund 160 Mitarbeiter, von denen gut 70 Prozent Frauen sind. Auf der Online-Plattform sind vier Millionen Mitglieder und 250 000 Shops registriert – neun von zehn davon von Frauen. „Unsere Produkte sprechen Frauen besonders an, das haben wir bei der Gründung antizipiert“, sagt Helming.

Was Lea-Sophie Cramer macht, ist einzigartig in der Berliner Gründerszene: Jeden Montag und Freitag morgens um halb zehn vollführt sie in ihrem Unternehmen Amorelie, malerisch gelegen im Fabrikkomplex Erdmannshof in Kreuzberg direkt am Landwehrkanal, dasselbe Ritual: den sogenannten Wake-up-Dance. Die 40 Mitarbeiter und allen voran ihre Chefin bewegen sich dabei zu Popsongs von Macklemore oder Will.i.am in selbst konzipierten Tanzgesten. Die Moves heißen „Flexi Feli“, „We Vibe“ oder „Liebeskugeln“ und sind angelehnt an, nun ja, bestimmte Einstellungen der Vibratoren, die Amorelie verkauft.

Nicht nur Zahlen und Sexartikel

Das Ende 2012 gegründete Start-up ist spezialisiert auf den Online-Versand von sinnlichen Erotikartikeln. Die haben mit den Plastik- und Gummigeräten aus der Ära der Ehehygiene à la Beate Uhse wenig gemein. Vielmehr erinnern sie durch Farbe, Form und Design eher an iPhone-Zubehör denn an Sexspielzeuge. „Amorelie will aber noch mehr – und sich künftig als der zentrale Ansprechpartner im Liebesleben der Menschen positionieren“, sagt Gründerin Cramer.

Lea-Sophie Cramer, die Chefin von Amorelie, einem Online-Versender von Erotikartikeln, erwartet mehr Frauen in der Start-up-Szene, weil sich die aktuellen Gründerinnen gegenseitig unterstützen

Das Konzept weg vom Schmuddel-Sex hin zu Design-Toys scheint aufzugehen. Laut eigenen Aussagen wird Amorelie den Umsatz von einem siebenstelligen Betrag 2013 auf eine achtstellige Summe in diesem Jahr vervielfachen können.

Doch Amorelie-Vortänzerin Cramer interessieren nicht nur Zahlen und Sexartikel, sondern auch die Veränderungen in der Berliner Gründerszene. „Ich glaube, wir werden beim Frauenanteil in den kommenden Jahren eine starke Veränderung nach oben sehen“, sagt die 27-jährige Betriebswirtin. „Das bisherige Ungleichgewicht sorgt dafür, dass sich Frauen untereinander intensiver helfen, da nehme ich mich nicht aus.“ Damit würden auch so manche Vorurteile gegenüber Frauen im Beruf widerlegt. „Wichtiger Nebeneffekt: Das Zerrbild der Stutenbissigkeit kommt so aus den Köpfen.“

Frauen wollen Sicherheit

Auf dem Papier ist Philippa Pauen kein Mitglied der Berliner Szene mehr. Ende Juli hat sie die Geschäftsführung ihres Unternehmens Wummelkiste an den Marketing-Chef Gordon Thompson übergeben und sich aus dem operativen Geschäft des Spieleversenders zurückgezogen.

In Wirklichkeit bleibt Pauen der Internet-Gemeinde in der Hauptstadt vermutlich aber durchaus erhalten, nur eben nicht mehr mitten drin im Cyber-Getümmel. „Ich möchte wieder mehr strategisch und analytisch arbeiten“, sagt Pauen, die Kunst- und Kulturmanagement studiert hat.

In Arbeit
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Bisher trat Pauen mit ihrem Start-up Wummelkiste in Erscheinung, ein Unternehmen, bei dem das Erscheinungsbild am Firmensitz und der Name so gut wie deckungleich sind. Direkt an der Grenze zwischen den Stadtteilen Mitte und Kreuzberg gelegen, versendet Wummelkiste via Internet-Abo Boxen mit verschiedenen Bastelprojekten für Kinder zwischen drei und acht Jahren. Überall im Unternehmen wimmelt und wuselt es geschäftig. Quietschbuntes Kinderspielzeug und Bastelbögen liegen allenthalben herum, die bunten Boxen stapeln sich in einer Ecke. „Wir haben die Räumlichkeiten bewusst so gewählt“, sagt Wummelkiste-Gründerin Philippa Pauen. „Denn so können wir etwa unseren Geschäftspartnern ein konkretes Produkt zeigen, das macht’s einfacher.“

Auch wenn für die 31-Jährige die Gründung ihres Unternehmens im Jahr 2012 ein „folgerichtiger Schritt der eigenen Entwicklung“ war, wie sie selbst sagt, wundert sie sich über den niedrigen Frauenanteil nicht. „Tendenziell ist das Sicherheitsbewusstsein bei Frauen etwas ausgeprägter“, sagt Pauen. „Dabei ist vielen nicht bewusst: Trotz des mit einer Gründung verbundenen Drucks kann man in einem Start-up den Tagesrhythmus besser einteilen und so Freiräume schaffen als in einem Konzern.“

Diese Freiräume hat sich Pauen gerade selber geschaffen.

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