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Gründerinnen von Ooia Pinkygate: „Wir hätten die Woche nur vor Instagram verbringen können“

Kati Ernst und Kristine Zeller verkaufen mit ihrem Start-up Ooia seit drei Jahren Periodenunterwäsche. Doch in dieser Woche erhielten sie plötzlich besonders viel Aufmerksamkeit. Quelle: PR

Hinter Kati Ernst und Kristine Zeller liegt eine besondere Woche. Die beiden Frauen befeuerten in den sozialen Netzwerken den Shitstorm um „Pinky Gloves“. Von der Kontroverse profitiert jetzt ihr eigenes Geschäft.

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So eine stressige Woche hatten Kati Ernst und Kristine Zeller nicht erwartet: Die beiden Gründerinnen von Ooia verkaufen Periodenunterwäsche. In den vergangenen Tagen sind sie zu den zentralen Figuren in einem Skandal geworden, der unter #pinkygate im Netz für Wirbel sorgt. Am Montag hatten die beiden Gründer des Start-ups „Pinky Gloves“, Eugen Raimkulow und André Ritterswürden, in der Show „Die Höhle der Löwen“ ihr Produkt vorgestellt: pinke Handschuhe, mit dem Frauen hygienisch Tampons entsorgen können. Ralf Dümmel investierte. Drei begeisterte Männer und ein Plastikhandschuh also - Ernst und Zeller reagierten sofort auf ihrem Instagram-Channel: Das Produkt sei an den Frauen vorbei entwickelt, nicht nachhaltig und helfe nicht, die Periode als völlig normal zu verstehen. Im Interview berichten die Gründerinnen, wie sie vom Shitstorm profitieren - und warum sie hoffen, dass der Fall auch unter Wagniskapitalgebern etwas bewegt.

Frau Ernst, Frau Zeller: Haben Sie am Montag Fernsehen geschaut?
Kati Ernst: Nur nebenbei. Bei mir lief einen Raum weiter „Die Höhle der Löwen“. Als uns dann eine Followerin bei Instagram fragte, ob wir den Pitch gerade gesehen hätten, habe ich mir den gesamten Auftritt noch mal mit voller Aufmerksamkeit angeschaut.

Löwe Ralf Dümmel investierte in Pinky Gloves. Sie selbst haben damals mit einer weitaus nützlicheren und nachhaltigeren Idee, nämlich Periodenunterwäsche, in der Sendung eine Abfuhr kassiert. Auch deshalb war die Aufregung im Netz nun groß. Wie stressig war die vergangene Woche für Sie?
Kati Ernst: Tatsächlich haben wir gerade so viel zu tun wie selten zu vor.
Kristine Zeller: Aber unser Marktstart mit einer Crowdfunding-Kampagne für die Periodenunterwäsche damals war ähnlich aufregend. Da haben wir unser Finanzierungsziel schon in sieben Stunden erreicht. Eigentlich war es auf einen Monat ausgelegt.

Klingt so, als seien Sie einiges gewohnt?
Ernst: Schon am Dienstagmorgen merkten wir aufgrund der zahlreichen Benachrichtigungen bei Instagram: Okay, heute ist wieder so ein Tag. Und dieses Gefühl hält bis jetzt an.

Auf Instagram haben Sie dem Thema etliche Stories und ein Video gewidmet, das mehr als drei Millionen Mal geklickt wurde. Haben Sie noch Zeit für das Alltagsgeschäft?
Zeller: Gerade so. Unsere Tage sind bereits im Normalfall total durchgetaktet von morgens bis abends. Und dann kamen auf einmal Tausende Nachrichten on top. Wir hätten die Woche nur vor Instagram verbringen können.
Ernst: Wir sind unfassbar dankbar, dass unser Team uns gerade den Rücken freihält. Unsere 18 Mitarbeiterinnen haben Verständnis dafür, dass wir viele „normale“ Termine jetzt gerade halt nicht wahrnehmen können.
Zeller: Uns geht es im gesamten Team nicht nur darum, Produkte zu verkaufen. Wir wollen auch gesellschaftlichen Wandel vorantreiben. Und da müssen wir bei Pinkygate natürlich Stellung beziehen.

Mittlerweile haben Investor Ralf Dümmel und auch die beiden Gründer von Pinky Gloves entschuldigt. Sie hätten unterschätzt, wie politisch das Thema ist und hätten der Periode nicht die angemessene Aufmerksamkeit gewidmet. Hat sich die Sache für Sie damit?
Zeller: Wir finden die Entschuldigungen gut und richtig. Sie kamen auch authentisch rüber. Und beweisen gerade Größe: Negative Kommentare, von denen es einige gibt, löschen die Gründer nicht. Mit Herrn Dümmel haben wir uns auch direkt ausgetauscht. Doch all das ändert nichts an dem Produkt und dem Investment. Bisher ist noch nicht klar, ob der Shitstorm neben vielen Gedanken, die sich drei Männer machen wollen, irgendwelche spürbaren Konsequenzen haben wird. Niemand ist vom Deal zurückgetreten, das Produkt wird wohl nun in immer mehr Läden kommen. Wir sind gespannt, wie sich das entwickelt.
Ernst: Die Aufregung ist viel grundsätzlicher. Die beiden Gründer kriegen gerade sehr viel Wut ab – stellvertretend für eine Gesellschaft, in der sich noch immer manche Männer und ganze Konzerne einbilden am besten entscheiden zu können, was Frauen brauchen.
Zeller: Aber die Beleidigungen sind überhaupt nicht vertretbar. Die Gründer von Pinky Gloves sind nur ein Ventil. Die Wut vieler Frauen über zahlreiche systemische Probleme, von Seximus bis Body-Shaming, entlädt sich gerade an Pinky Gloves.



Im Gegenzug bekommen Sie umso mehr Zuspruch. Viele Influencerinnen haben Ihr Video auf Instagram geteilt. Löst der Zuspruch auch mehr Bestellungen bei Ooia aus?
Zeller: Ja, tatsächlich. Es sind viel mehr Menschen auf unserer Webseite und bestellen unsere Produkte.
Ernst: Auch bei Instagram ist unsere Followerschaft stark gewachsen. Am Montag standen wir noch bei 38.000, heute folgen uns dort 70.000 Menschen. Das ist ein geniales Sprachrohr, um gesellschaftlichen Wandel zu gestalten. Schon vor Pinkygate haben wir in diese Arbeit mehrere Stunden am Tag investiert.

Und Sie führen nebenbei ihr Start-up. Sie haben im Zuge des Shitstorms beklagt, dass ein Großteil des Risikokapitals an männliche Gründer fließt. Hier steht Pinky Gloves also auch nur stellvertretend für ein größeres Problem?
Ernst: So ist es. Die Fragen vieler Investoren drehten sich bei uns häufig um Bedenken: „Ist das überhaupt ein Markt?“. Das ist die beliebteste Frage. Viele Investoren wollten sich auch erstmal mit ihrer Frau austauschen, ob Periodenunterwäsche wirklich relevant ist. Obwohl viele von ihnen natürlich munter in Produkte aus dem Deep- oder MedTech-Bereich investieren, von denen sie noch nie gehört haben und oft nicht selbst erleben, wie sie funktionieren. Frauen wird Gründungskompetenz oft abgesprochen.

Spricht da aus Ihnen auch die eigene Höhle-der-Löwen-Erfahrung? Sie sind ohne Deal nach Hause gegangen.
Zeller: Ja, tatsächlich. In beiden Fällen gehen Menschen in eine Sendung und präsentieren ihre Lösung für ein Frauenthema. Und dennoch wird es den Männern eher zugetraut, ein erfolgreiches Unternehmen aufzubauen. Dabei hatten wir etwa schon Management-Erfahrung, die beiden Pinky-Gloves-Gründer nicht. Und trotzdem waren zwei männliche Investoren begeistert.

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Wie sieht die Situation heute, anderthalb Jahre nach Ihrem Auftritt aus?
Ernst: Wir spüren eine Goldgräberstimmung: Für Unternehmerinnen war der Zeitpunkt für eine Gründung noch nie so gut wie aktuell. Immer mehr Investoren und Investorinnen wollen ihr Portfolio anders ausrichten und auch in von Frauen gegründete Unternehmen investieren. Wir kriegen auch gerade im Zusammenhang mit Pinkygate viele Nachrichten von Investoren, die gerne einsteigen würden.

Mehr zum Thema: Die Lebensumstände beeinflussen die Entscheidung für oder gegen ein eigenes Start-up – und erklären, warum es so wenige Gründerinnen gibt.

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