WiWo App 1 Monat für nur 0,99 €
Anzeigen

Gründerpreis Gründlich aufgemöbelt

Möbel nach Maß für die Masse: Mit diesem Konzept haben Sebastian Schips und Birgit Gröger den WirtschaftsWoche-Gründerwettbewerb 2012 gewonnen. Das Duo setzt auf den wachsenden Online-Handel mit Schränken und Tischen und hilft so einem Traditionsunternehmen, den Sprung ins Internet-Zeitalter zu meistern.

  • Artikel teilen per:
  • Artikel teilen per:
MEINE MÖBELMANUFAKTUR

Der Kunde aus Karlsruhe hatte exakt ausgemessen: 2,23 Meter hoch, 2,05 Meter breit und 35 Zentimeter tief sollte seine neue Schrankwand werden. Unten vier Fächer von 51,2 Zentimetern mit hüfthohen Türen, darüber rechts und links jeweils zwei Schubladen à 16,5 Zentimeter, dazwischen ein Regalfach, darüber zwei weitere Türen – die Front in amerikanischem Kirschbaum geölt, die Türen mit Schließdämpfung. Im Möbelhaus hätte er einen solchen Schrank wohl nie bekommen, und ein Schreiner hätte Stunden für die Zeichnung gebraucht. Dem jungen Karlsruher genügten dagegen nur ein paar Klicks, dann stand sein Schrank – zumindest virtuell: zusammengestellt auf der Online-Plattform des Startups Meine Möbelmanufaktur. Preis: 2.089 Euro.

Virtuelles Möbel-Basteln

„Es ist beeindruckend, welche Designs sich unsere Kunden einfallen lassen“, sagt Sebastian Schips. Zusammen mit Birgit Gröger hat der 31-Jährige das Startup vor einem Jahr gegründet und den Konfigurator programmiert, mit dem Kunden Möbel gestalten können – Schränke mit maßgefertigten Türen und Klappen, Spiegeln und Schubladen, in Walnussdekor oder Echtholzfurnier. Ein Zeichenprogramm übersetzt ihre Wünsche in einen Bauplan. Den leitet Schips an jene Werkstatt weiter, in der seine Familie seit drei Generationen Möbel herstellt. Bisher musste Schips’ Vater Reinhard mit Block und Bleistift zum Kunden, wenn der einen Schrank wollte – jetzt kommen die Kunden übers Netz zu ihm.

Die Idee kommt an: Kunden aus ganz Deutschland haben bei dem Startup bereits Möbel nach Maß bestellt, rund 100 individuelle Schränke konnte die Schreinerei dank dem Startup von Schips und Gröger schon verkaufen.

Eine Erfolgsgeschichte, die auch die Jury des WirtschaftsWoche-Gründerwettbewerbs beeindruckte: Mit seinem Konzept konnte sich das schwäbische Gründer-Duo gegen mehr als 100 Bewerber durchsetzen und im Finale vier andere aussichtsreiche Kandidaten überflügeln.

Die Jury hinter dem Gründerwettbewerb
Konstantin Ewald - Osborne Clarke"Meine Möbelmanufaktur hat mit großer Liebe zum Detail eine überzeugende Online-Vision für ein traditionelles Unternehmen geschaffen. Schreinerhandwerk 2.0 - verkörpert durch zwei sympathische Grüner!" Quelle: Dominik Pietsch für WirtschaftsWoche
Karen Heumann - Thjnk"Die Gründer bringen die Qualität eines deutschen Familienbetriebs ins Internet-Zeitalter: eine ideale Kombination aus Unternehmertum, Handwerkskunst und den Möglichkeiten der digitalen Welt" Quelle: Nathan Beck für WirtschaftsWoche
Christine Stimpel - Heidrick & Struggles "Im Gründerteam ergänzen sich Finanzkenntnisse, Kommunikationstalent und fachliche Expertise ideal. Zudem ist die Kombination aus Gründung und elterlichem Unternehmen sehr befruchtend." Quelle: Frank Schemmann für WirtschaftsWoche
Julia Derndinger - Entrepreneurs' Organisation"Ich habe mir schon häufiger Möbel vom Tischler bauen lassen. Jetzt kann ich endlich die Planung selber übernehmen und so auch den Preis bestimmen - das ist Tischler 2.0." Quelle: Berthold Steinhilber für WirtschaftsWoche
Florian Schweitzer - b-to-v Partners"Die Gründer machen aus einem Traditionsbetrieb mit Nachfolgeproblem und einem zunehmend schwierigem Geschäft ein Startup mit Zukunftsperspektive." Quelle: Presse
Franz Rother - WirtschaftsWoche"Das Startup denkt ein traditionelles Geschäft neu, ohne die alten Werte aus den Augen zu verlieren, und katapultiert dabei einen Familienbetrieb vom Neckar ins 21. Jahrhundert." Quelle: Presse

„Schips und Gröger bringen die Innovationskraft und Qualität eines mittelständischen deutschen Familienbetriebs ins Internet-Zeitalter“, fasst Karen Heumann, Partnerin der Werbeagentur Thjnk, das Urteil der Jury zusammen. „Eine ideale Kombination aus Unternehmertum, echter Handwerkskunst und den Möglichkeiten der digitalen Welt.“

Seit 1925 gibt es die Möbelschreinerei der Familie in Köngen bei Stuttgart – und in Zukunft fertigen die 25 Mitarbeiter und Lehrlinge auch jene Möbel, die Kunden mit Schips’ Konfigurator gestalten. Für das Traditionsunternehmen des Seniors ist die neue Firma des Juniors damit der Hoffnungsträger schlechthin.

Neue Firma, neues Glück

Die Nacht der jungen Unternehmer
Der Raum Quelle: Falk Heller für WirtschaftsWoche
Tony Trian-Mai (links), Gründer des Startups Tibuga, im Gespräch mit Carsten Rudolph von Evobis (Mitte) und Nicolas Gabrysch (rechts) Quelle: Falk Heller für WirtschaftsWoche
Sebastian Schips und Birgit Gröger Quelle: Falk Heller für WirtschaftsWoche
Die Sieger und die Jury Quelle: Falk Heller für WirtschaftsWoche
Finalteilnehmer und Juroren Quelle: Falk Heller für WirtschaftsWoche
Ansprache an die Finalteilnehmer Quelle: Falk Heller für WirtschaftsWoche
Roland Tichy und die Sieger Quelle: Falk Heller für WirtschaftsWoche

Die beiden stellen sich so einer Herausforderung, mit der jedes Jahr rund 22.000 Unternehmer mit etwa 300.000 Beschäftigten in Deutschland konfrontiert sind. So viele Unternehmensnachfolgen gibt es nach Angaben des Instituts für Mittelstandsforschung Bonn derzeit. Nicht selten sind die Übergänge holprig.

Das jedenfalls hat Ralf Neise beobachtet. Der Ökonom lehrt am Institut für Unternehmer- und Unternehmensentwicklung an der Universität Witten/Herdecke und berät mittelständische Unternehmer in der Frage, wer als Nachfolger infrage kommt. Häufig tun sich die Vorgänger und Unternehmenseigner schwer, loszulassen, hat Neise festgestellt – und die Nachfolger damit, selbstständig zu werden.

Das größte Problem ist aus seiner Sicht aber ein anderes: „Viele Nachfolger halten an den Konzepten ihres Vorgängers fest, auch wenn ein Produkt oder ein Geschäftsmodell an das Ende seines Lebenszyklus kommt“, sagt Neise. „In solchen Situationen braucht es einen qualitativen Sprung: Die Nachfolger stehen vor der Aufgabe, das Unternehmen quasi neu zu gründen, damit es auch in Zukunft erfolgreich bleibt.“

Gründer stellen sich vor: Meine Möbelmanufaktur

Genau das hat Sebastian Schips getan. Seit vier Jahren arbeitet er im Betrieb seines Vaters mit – als „Mädchen für alles“, wie er sagt. Er koordiniert Aufträge, kauft Geräte ein, baut Schränke zusammen. Und wenn zwischendurch die Säge kaputt geht, dann streift er sich eben Handschuhe über und repariert sie. So hat Sebastian Schips den Familienbetrieb kennengelernt und bemerkt, dass die Zahl der Privatkunden langsam, aber stetig sinkt – heute dominieren Möbelhäuser die Branche.

Jetzt oder nie!

„Ich wusste, dass wir mit einer jungen Marke und einem neuen Unternehmen den Sprung ins Netz wagen müssen“, sagt Schips. Weil sich keine Agentur fand, die den Konfigurator programmieren wollte, machte der gelernte Schreiner und diplomierte Holztechniker es halt selbst – und schlug sich dabei ungezählte Nächte um die Ohren. Schips: „Mir war klar: Jetzt oder nie.“

Womöglich war es genau der richtige Zeitpunkt, denn der Handel mit Möbeln im Netz geht gerade erst richtig los. Wie eine Bitkom-Studie zeigt, hat zwar jeder dritte Deutsche schon einmal Bücher, Kleidung oder Elektronikartikel im Netz gekauft, aber nur jeder sechste Möbel.

Das spiegelt sich in den Umsatzzahlen der Anbieter wider: Im Jahr 2011 etwa setzten Online-Händler mit Textilprodukten mehr als sechs Milliarden Euro und mit Elektroartikeln knapp 2,6 Milliarden Euro um – mit Möbeln und Dekoartikeln dagegen nur 780 Millionen Euro. Zum Vergleich: Jahr für Jahr werden in Deutschland neue Möbel im Wert von 30 Milliarden Euro verkauft – der Online-Handel macht also nicht einmal drei Prozent aus.

Doch das ändert sich rasant. Wie eine E-Commerce-Studie der Wirtschaftsberatung KPMG zeigt, sind 46 Prozent der Verbraucher davon überzeugt, dass Möbelkäufe via Internet attraktiver werden. Jeder Dritte informiert sich bereits online. „Möbel sind zurzeit ein Riesentrend im Online-Handel“, sagt deswegen Jochen Krisch vom Branchenblog „Exciting Commerce“.

In der Gründerszene herrscht Goldgräberstimmung, seit Seriengründer Oliver Samwer vor gut einem Jahr zu einem „Blitzkrieg“ im Netz aufrief. Möbel seien der letzte Bereich des Online-Handels, in dem man noch ein „Billion Dollar Business“ aufbauen könne, schrieb Samwer seinen Mitstreitern. Später entschuldigte er sich zwar für seine Wortwahl – die Strategie aber änderte er nicht.

Revolution des Möbelkaufs

Die größten deutschen Küchenhersteller
Platz 11: Bulthaup GmbHNobelhersteller Bulthaup aus Bodenkirchen, nordöstlich von München folgt mit 110 Millionen Euro Umsatz. Quelle: Creditreform 2011 in statista Branchenreport Herstellung von Möbeln Quelle: PR-Bulthaup
Platz 10: Impuls KüchenDer sauerländische Küchenhersteller Impuls aus Brilon kam auf rund 114 Millionen Euro Umsatz. Die Marke gehört inzwischen zur Alno AG. Quelle: Presse
Platz 9: Burger KüchenmöbelDer Küchenhersteller aus Burg bei Magdeburg setzt rund 120 Millionen Euro um. Quelle: Screenshot
Platz 8: Pino KüchenPino Küchen kommen ausnahmsweise nicht aus Ostwestfalen, sondern aus Coswig bei Dresden. Die Küchenhersteller machen 126 Millionen Euro Umsatz. Pino Küchen gehören zur Alno AG. Quelle: Presse
Platz 7:  PoggenpohlDer Nobelküchenhersteller folgt mit einem Umsatz von 128 Millionen Euro dicht und hat seinen Sitz ebenfalls im ostwestfälischen Herford. Quelle: Poggenpohl
Platz 6: Gustav WellmannDie Gustav Wellmann GmbH aus Enger bei Herford erzielt 143 Millionen Euro Umsatz. Der Küchenhersteller gehört zur Alno AG. Quelle: Presse
Platz 5: Schüller MöbelwerkSchüller hat seinen Sitz rund eine Stunde westlich von Nürnberg in Herrieden und macht rund 230 Millionen Euro Umsatz. Quelle: Screenshot

So ist er über den Inkubator Rocket Internet beispielsweise an Westwing beteiligt, einem Shoppingclub für „edle Möbel und Wohnaccessoires“, der seit dem Start im Jahr 2011 bereits 82 Millionen Dollar Startkapital einsammeln konnte. Auf den Möbel-Shop Home24 setzt Samwer besonders große Hoffnungen – das Unternehmen will nicht weniger als den „Möbelkauf im Netz revolutionieren“ und den Samstag „zum möbelhausfreien Tag“ machen.

Aber auch kleinere Startups wittern das große Geschäft. MyRoomStyle aus München etwa bietet Kunden die Möglichkeit, Möbel und Dekoartikel mit ein paar Klicks zu einer persönlichen Wohnidee zu kombinieren. „Es gibt eine Vielzahl von Geschäftsmodellen“, sagt Experte Krisch, „der Stein der Weisen ist noch nicht gefunden.“

Nach Mass für die Masse

Experten prophezeien sogenannten „Multi-Channel-Konzepten“ den größten Erfolg – also Anbietern, die sowohl online verkaufen als auch Beratung vor Ort anbieten. Zudem werde die „rechnergestützte Simulation einen immer größeren Einfluss auf den Kaufprozess erhalten“, schreiben etwa die Autoren der KPMG-Studie. Heißt: Wer einen Schrank virtuell gestalten kann, ist eher bereit, ihn auch zu kaufen.

Sebastian Schips und Birgit Gröger haben also den richtigen Weg gewählt. Zumal sie auf einen Trend setzen, der die Gründerszene seit einigen Jahren in Atem hält: Mass Customization – individualisierte Massenproduktion. Ob Schokolade, Parfüm oder Müsli: Inzwischen gibt es nach Angaben des Portals Egoo.de fast 400 Unternehmen, die übers Netz individualisierbare Produkte anbieten, anstatt sich auf wenige Bestseller zu konzentrieren.

In Arbeit
Bitte entschuldigen Sie. Dieses Element gibt es nicht mehr.

Diese Strategie verfolgen auch Schips und Gröger. Um ihren Kunden noch mehr Möglichkeiten zu eröffnen, hat Schips deswegen in den vergangenen Wochen wieder die Nacht zum Tag gemacht. Stundenlang saß er am PC, dann klappte es: Von nun an können die Kunden des neuen Unternehmens auch Tische online konfigurieren und bestellen – in der Schreinerei des Vaters liegt das Holz für die ersten Exemplare schon bereit.

© Handelsblatt GmbH – Alle Rechte vorbehalten. Nutzungsrechte erwerben?
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%