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Gründerszene in Mecklenburg-Vorpommern Sonne, Strand - und nun auch Start-ups

So einsam wie am Ostseestrand von Binz ist es bislang auch für Gründer in Mecklenburg-Vorpommern. Doch ein paar Start-ups wollen das nun ändern - und das Unternehmertum auch im Nordosten der Republik anschieben. Quelle: dpa

Tech und Tourismus, Start-ups statt Schiffbau: Junge Unternehmer wollen die Gründerszene im Nordosten auf die deutsche Landkarte bringen. Doch wird dieser kühne Plan aufgehen?

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Es gab gut acht Millionen Euro - und jede Menge Applaus: Als das Rostocker Versicherungs-Start-up Hepster im März seine Finanzierungsrunde abschloss, war die Resonanz in der Region riesig. „Mit solch einer Runde ist man hier schon fast so etwas wie ein Einhorn“, sagt Gründerin Hanna Bachmann. Zwar steigt die Zahl der Investoren, die bereits in frühen Phasen zweistellige Millionensummen in Start-ups pumpen. Doch bis in den Nordosten der Republik gelangt dieser Wind trotzdem nur selten: „Wenn man in Mecklenburg-Vorpommern erfolgreich ist, dann wird man sofort gesehen.“

Es hat sich inzwischen rumgesprochen, dass Start-ups auch jenseits von Berliner Hinterhöfen blühen können. Gerade jenseits der großen Metropolen haben viele deutsche Regionen mittlerweile erkannt, welches Potenzial eine starke lokale Gründerszene haben kann: Start-ups locken häufig nicht nur gut ausgebildete junge Leute an, sondern können zudem etablierten Unternehmen vor Ort helfen, mit ihren Impulsen helfen. Niedersachsen hat im vergangenen Jahr beispielsweise alle seine Start-up-Strategien unter einem Dach gebündelt. Und rund um Bielefeld oder Heilbronn investierten Stiftungen hohe Millionensummen, um ein attraktives Umfeld für Gründer zu schaffen.

Aufholjagd im Nordosten

In Mecklenburg-Vorpommern aber ticken die Uhren etwas langsamer. Schon Bismarck soll den Menschen einst empfohlen haben, sich im Falle eines Weltuntergangs auf nach Mecklenburg zu machen, weil die Welt dort 100 Jahre später untergehe. In dem Flächenland im Nordosten gibt man dieses Bonmot heute mit einer gewissen Portion Stolz zum Besten – und so lebt dort auch der Gründergeist mit etwas Verspätung auf. Die Politik hat die Start-up-Szene erst in den vergangenen Jahren für sich entdeckt. Im Koalitionsvertrag – 2016 zwischen SPD und CDU geschlossen – taucht auf 77 Seiten kein einziges Mal das Wort „Start-up“ auf. Nur vorsichtig formuliert findet sich eine Unterstützung für regional verteilte Gründerzentren. Mittlerweile gibt es im Bundesland jedoch sechs digitale Innovationszentren, häufig wie in Neubrandenburg oder Rostock eng mit einer Hochschule verbunden.

Für Hepster-Gründerin Bachmann hat der Status als Exotin durchaus seine Vorzüge: „In einer Start-up-Metropole wären wir total untergegangen – da wirbt man unter Tausenden um dieselben Mitarbeiter, Berater, Förderer und Flächen“, sagt sie. Aber sie weiß auch, wie mühsam es ist, neue Geschäftsmodelle und alternative Finanzierungswege immer wieder erklären zu müssen. Und auch anderen Mut zu machen, sich auf das Abenteuer einzulassen. Immerhin, allein ist sie mit ihren Ambitionen, auch das Bundesland im Nordosten auf die Start-up-Landkarte zu bringen, nicht mehr. „Mecklenburg-Vorpommern wird vor allem mit Tourismus, Landwirtschaft und Schiffbau assoziiert“, sagt auch Tobias Gebhardt, Gründer von GWA Hygiene in Stralsund, „das Bundesland muss sich aber ein Stück weit neu erfinden.“

Bachmann und Gebhardt loben das Engagement des zuständigen Ministers Christian Pegel (SPD). Als Beiräte und Botschafter für Digitalisierung hat er Start-up-Gründer ernannt. Immer wieder nimmt er die jungen Techunternehmer mit auf Delegationsreisen, etwa in die Schweiz oder zur angesagten Gründermesse „Slush“ in Helsinki. Und auf der landeseigenen Konferenz NØrd soll Anfang Juni wieder eine – digitale – Brücke zwischen Start-ups und etablierten Unternehmen geschlagen werden.

Kurze Wege trotz weiter Strecken

Noch ist in Mecklenburg-Vorpommern jede Menge Platz für neue Ideen, sind die Gründer Bachmann und Gebhardt überzeugt, die sich mit anderen in der Initiative „5_Scales“ zusammengeschlossen haben. Dazu gehören auch die Köpfe hinter dem Legaltech Advocado, dem Feedback-System Tweedback oder dem Navigationshelfer Koopango. Trotz größerer Distanzen zwischen den Städten seien die Wege in der Gründerszene kurz, beteuern Bachmann und Gebhardt: „Wenn es hier irgendwo ein neues Start-up gibt, dann erfahren wir das“, sagt Bachmann – und zieht einen Vergleich zu einem berühmten Coworking-Café in Berlin-Mitte: „Im St. Oberholz gründet sich jeden Tag ein neues Unternehmen.“ Auf dem platten Land, wo man zu solch einem zentralen Treffpunkt, wenn es ihn denn geben würde, eine Weile unterwegs wäre, soll nun ihre Initiative den neuen Gründern dann schnell zur Seite stehen – und ihnen helfen, klassische Anfängerfehler zu vermeiden. Immerhin, in der überschaubaren Szene in MV kann man sich schnell vernetzen.



Bei ihrer ersten Bestandsaufnahme haben sie knapp 40 Start-ups gezählt, zwischen Schwerin und Greifswald, zwischen Stralsund und Neubrandenburg. Die Spanne ist breit: Einige stammen aus dem Bereich der Bio- oder Gesundheitswissenschaft, dazu kommen 3D-Druck-Spezialisten oder Experten für Künstliche Intelligenz. Gerne verweisen die „5_Scales“-Macher auf das Potenzial der Region: Rostock wurde beispielsweise kürzlich vom Meinungsforschungsinstitut Prognos zu der Stadt mit dem größten Wachstumspotenzial in Deutschland bis 2030 erkoren. Zur Wahrheit gehört jedoch auch: Die allermeisten anderen Kreise in Mecklenburg-Vorpommern schneiden in dieser Erhebung nicht ganz so rosig ab. Und das Potenzial, das wäre die weniger wohlwollende Auslegung, ist vor allem dort groß, wo bislang wenig ist.

Für frühe Tüfteleien kann die Lage fernab von täglichen Start-up-Partys helfen. „In Metropolen kann man sich leicht von der Arbeit ablenken lassen“, sagt Gebhardt. „Hier liegt der Fokus der Start-ups häufig klar auf der Produktentwicklung.“ Sein Unternehmen stattet Desinfektionsspender mit Sensoren aus und koppelt sie mit Transpondern des Personals – um so die Hygiene in Krankenhäusern oder Pflegeeinrichtungen besser kontrollieren und dokumentieren zu können. Hervorgegangen ist die Idee aus der Hochschule Stralsund.

Gerade von den wissenschaftlichen Einrichtungen versprechen sich Politik und Wirtschaft Impulse: Große Hoffnungen liegen etwa auf dem „Ocean Technology Campus“ in Rostock – ein Verbund aus Universitäten, Fraunhofer-Instituten und der privaten Wirtschaft. Auch Start-ups wie der Tauchroboter-Entwickler Frameworks Robotic siedeln sich hier an.

Luft nach oben bei der Finanzierungslage

Doch für den entscheidenden Wachstumssprung muss der Blick der regionalen Start-ups schnell über die Landesgrenzen hinaus gehen. Das gilt besonders für die Suche nach Investoren. Die landeseigene Mittelständische Beteiligungsgesellschaft Mecklenburg-Vorpommern (MBMV) schöpft seit 2018 aus einem 15-Millionen-Euro-Topf, um junge Gründungen zu unterstützen. Dazu kommt die ebenfalls mit Landesmitteln ausgestattete Risikokapitalgesellschaft Genius Venture Capital, die über zwei Fonds mit insgesamt 20 Millionen Euro investiert. Wichtige Helfer für die ersten ein bis zwei Jahre nach der Gründung.

Doch danach wird es mit lokalen Investoren knapp. Auf knapp 70 Millionen Euro summiert sich das Risikokapital, das in den vergangenen Jahren an Start-ups aus Mecklenburg-Vorpommern geflossen ist, hat „5_Scales“ gezählt. Zum Vergleich: Allein im Krisenjahr 2020 wurden deutschlandweit laut den Beratern von EY knapp 5,3 Milliarden Euro investiert. Nur ein Bruchteil davon floss also in den Nordosten. Bei Hepster, die Spezialversicherungen beispielsweise für Fahrräder oder Elektrogeräte auflegen, stieg in diesem Frühjahr Element Ventures ein, ein Risikokapitalgeber mit Hauptsitz in London. Daneben beteiligte sich Seventure Partners aus Paris.

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„Für unsere Investoren war lange Zeit Berlin die nördlichste Grenze der deutschen Start-up-Szene“ berichtet Gebhardt. Beteiligt bei GWA Hygiene sind unter anderem der halbstaatliche Frühphaseninvestor High-Tech Gründerfonds sowie der Münchener Risikokapitalgeber MIG AG. „Nach den ersten Finanzierungsrunden wird es schwierig“, räumt der Gründer aus Stralsund ein, „auch was den Vertrieb und die Kundenakquise angeht, müssen wir über die Landesgrenze schauen.“

Heimkehrer sind heiß begehrt

Das gilt genauso für die Suche nach Mitarbeitern. Advocado beispielsweise hat neben Stralsund und Greifswald ein Büro in Berlin – und sucht aktuell in der Hauptstadt nach IT-Fachkräften. Hepster wiederum hält am Standort Rostock fest. Für die ersten Stellen hätten sich schnell und unkompliziert Bewerber gefunden, berichtet Mitgründerin Bachmann. „Als die Ausschreibungen spezialisierter wurden, wurde es sehr viel schwieriger.“ Knapp 60 Angestellte hat das Techunternehmen heute. Gesucht werden aktuell Versicherungsmathematiker genauso wie Entwickler.



„Die größte Chance für uns sind die Rückkehrer“, berichtet die Gründerin: Einige Mecklenburger ziehen nach dem Studium in die weite Wirtschaftswelt – und sehnen sich dann irgendwann nach dem Ostseestrand. Parallel intensiviert Hepster die Nachwuchsförderung. Über Praktikumsstellen und Studentenjobs will das Start-up früh enge Kontakte knüpfen. „So kommen die jungen Mitarbeiter gar nicht auf die Idee, woanders hinzugehen“. Willkommen im Nordosten sind zudem die, die bislang in München, Hamburg oder Berlin programmieren oder Geschäftsmodelle entwickeln – aber keine Lust mehr auf das laute Großstadtleben haben: „Der Standort ist für die attraktiv, die morgens mit ihrem Hund nicht eine Stunde durch eine Betonlandschaft laufen wollen“, sagt Bachmann.

Mehr zum Thema: Nicht jeder gute Gründer ist auch ein guter Manager. Und so fragen sich viele erfolgreiche Start-up-Unternehmer irgendwann: Wie komme ich hier raus, ohne alles kaputt zu machen?

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