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Gründerwettbewerb Außen retro, innen öko

Der Elektroroller Kumpan verbindet Lifestyle mit Nachhaltigkeit und hat seinen Entwicklern Patrik, Daniel und Philipp Tykesson zum Sieg beim WirtschaftsWoche-Gründerwettbewerb verholfen. Jetzt muss sich das Gründertrio gegen Konkurrenz behaupten – auch andere Startups umwerben Kunden und Kapitalgeber mit lautlosen Flitzern.

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Die Sieger des WirtschaftsWoche-Gründerwettbewerbs 2011: (von links) Philipp, Patrik und Daniel Tykesson Quelle: Frank Beer für WirtschaftsWoche

Auf den ersten Blick sieht er aus wie ein Relikt vergangener Zeiten, aber womöglich gehört ihm die Zukunft: der Elektromotorroller Kumpan electric 1954, den die drei Gründer Patrik, Philipp und Daniel Tykesson mit ihrem jungen Unternehmen e-bility herstellen. Unter seiner geschwungenen und mit Chrom verzierten Verkleidung verbirgt der Roller einen 2000-Watt-Elektromotor und einen Akku, mit dem er bis zu 60 Kilometer weit fährt – vollkommen knatter- und emissionsfrei.

Elektromotor statt Verbrennungsmotor, Batterie statt Tank: Das klingt modern, aber auch teuer. Tatsächlich kostet der Kumpan electric 2600 Euro und damit ein paar Hundert Euro mehr als vergleichbare Roller mit Verbrennungsmotor. Im Gebrauch aber ist er günstiger: Pro 100 Kilometer schlägt der Stromverbrauch mit etwa 70 Cent zu Buche – der Sprit für einen Benzin-Roller würde etwa fünf Mal so viel kosten. Wird der E-Roller mit Strom aus erneuerbaren Energiequellen angetrieben, ist er außerdem deutlich umweltfreundlicher und nachhaltiger als gewöhnliche Spritschlucker.

Außen retro, innen öko – damit wollen die Tykesson-Brüder eine sparsame und zugleich schicke Alternative zu gewöhnlichen Motorrollern und anderen Elektrofahrzeugen bieten. „Wir ziehen einem Ökoprodukt die Sandalen aus und machen es laufstegreif“, versprechen die Gründer. Ihre Vision: „Unseren emissionsfreien E-Roller langfristig europaweit zu etablieren.“

Damit haben die Jungunternehmer aus Remagen den WirtschaftsWoche-Gründerwettbewerb 2011 gewonnen: Das Trio stecke „voller Engagement und Leidenschaft“, urteilte die Jury (siehe Shortfacts). Ihr neuartiger Retro-Roller sei „ein sympathischer Weggefährte, der den Trend zu CO2-neutraler Mobilität aufgreift – zu bezahlbaren Preisen und mit liebevollem Design“.

Der Kumpan trifft den Zeitgeist gleich mehrfach. Seine Erfinder setzen auf die Retrowelle und wollen Menschen zwischen 35 und 60 an vergangene Sommertage erinnern. Aber auch die sogenannten Lohas sollen sich angesprochen fühlen: Konsumenten, die einen „Lifestyle of Health And Sustainability“ pflegen, sich also einen gesunden, nachhaltigen Lebensstil leisten. Von ihnen soll es Studien zufolge hierzulande bis zu acht Millionen geben.

Zukunft Elektromobilität

Vor allem wollen die Gründer aber von einem Megatrend profitieren, der die Fahrzeugbranche auf den Kopf stellen und das Verkehrsverhalten der Menschen gründlich umkrempeln dürfte: Elektromobilität.

Experten erwarten, dass auf Deutschlands Straßen in Zukunft immer mehr Fahrzeuge mit Elektromotor unterwegs sein werden – vom Elektrofahrrad, genannt Pedelec, bis hin zum Elektrotransporter.

Norbert Röttgen auf einem E-bility-Roller

Produziert werden sie nicht nur von Konzernen, sondern auch von zahlreichen Startups. EcoCraft Automotive aus Wunstorf etwa stellt einen Transporter namens EcoCarrier her; Mia Electric aus Essen produziert Elektroautos, deren Aussehen an kleine VW-Busse erinnert. In München tüfteln die Gründer von Trive an einem Zweisitzer, und das 2009 gegründete Unternehmen Third Element stellt leistungsstarke Elektroräder namens ESpire her. Ihre Antriebe stammen von Clean Mobile aus Unterhaching, in das Investoren wie der High-Tech-Gründerfonds bereits mehr als 14 Millionen Euro gepumpt haben.

Wer als Gründer auf Elektromobilität setzt, hat bei Geldgebern offenbar gute Karten. Das legen auch Umfragen wie das Business Angel Panel und das Venture-Capital-Panel nahe. Danach sind sowohl institutionelle Risikokapitalgeber als auch Privatinvestoren zurzeit besonders an Startups mit innovativen Umwelttechnologien und neuen Energiekonzepten interessiert. Wo Strom durch die Motoren fließt, da sprudelt offenbar auch das Geld.

Zumal Umfragen die Erwartungen von Gründern und Geldgebern befeuern: Einer aktuellen Studie des Bitkom zufolge können sich inzwischen sieben von zehn Deutschen vorstellen, ein Elektroauto zu kaufen – fast doppelt so viele wie noch im Februar 2010. Allerdings wäre nur jeder Zehnte bereit, dafür mehr zu zahlen als für ein Auto mit Verbrennungsmotor.

Das ist ein Problem – und eine Chance für die Elektroroller. Davon ist jedenfalls Sven Strube überzeugt. Strube lehrt Verkehrsökologie an der Ostfalia Hochschule und ist Mitgründer von Lautlos durch Deutschland, einem Unternehmen, das nicht nur Elektrofahrzeuge verkauft, sondern auch Mobilitätspakete anbieten will. Damit sollen sich Elektrofahrzeuge, öffentlicher Nahverkehr oder Carsharing-Wagen kombinieren lassen – je nach Bedarf.

„In Zukunft werden sich immer mehr Menschen Autos teilen“, sagt Strube, „und dank Elektrorädern und -rollern wird es eine Renaissance des Zweirads geben.“

Hinter der Prognose steckt eine simple Rechnung: Elektroautos seien mindestens doppelt, oft aber sogar dreimal so teuer wie gewöhnliche Autos, kalkuliert Strube. Elektroroller würden dagegen nur um die 1000 Euro mehr kosten, im Gebrauch aber nur ein Fünftel so viel Geld verschlingen wie herkömmliche Spritschlucker.

Logo des WirtschaftsWoche-Gründerwettbewerbs

„Wer ein Elektroauto kauft, macht das aus Idealismus“, sagt Strube, „wer dagegen einen Elektroroller kauft, kann nicht nur die Umwelt schonen, sondern damit auch sehr schnell Geld sparen.“

Gute Argumente, die den Elektroroller populär machen. Einer aktuellen Umfrage zufolge kann sich jeder zweite Deutsche vorstellen, einen Elektroroller im Alltag zu nutzen. 25 Prozent können mit Rollern per se nichts anfangen, 16 Prozent schließen die stromgetriebenen Zweiräder für sich aus, weil ihnen die Ladezeiten zu lang oder die Reichweiten zu kurz sind. Das ist ein Nachteil der geräuschlosen Gefährten: Wer auf dem Land wohnt, kommt mit einer Akkuladung womöglich nicht mal zur Arbeitsstelle.

Vorbild China

Wie gut Elektroroller dagegen bei Stadtmenschen ankommen, hat Carlo Kallen von den Stadtwerken Hannover beobachtet. Die Stadtwerke haben 40 Einwohnern jeweils einen Elektroroller für zehn Wochen überlassen. Die meisten Tester hätten ihren Roller vermutlich am liebsten behalten: Sie hatten Spaß am Fahren und fanden, dass er sich einfach aufladen und problemlos im Stadtverkehr einsetzen lasse. Von zehn seien nur ein bis zwei zu dem Schluss gekommen, dass ein Roller für sie nicht infrage komme, sagt Kallen.

Vieles spricht also dafür, dass die neuartigen Zweiräder in Kürze ihren Durchbruch erleben werden – zumal erste Kommunen den Kauf fördern. Die Grünen fordern sogar ein Verbot von Rollern mit Verbrennungsmotor, um die Luftqualität in den Städten zu verbessern. Als Vorbild dient China: Dort sind Zweitakter in den Innenstädten verboten und schon mehr als 60 Millionen Elektroroller unterwegs.

„Im Frühjahr wird sich der Trend hin zu flüsterleisen Elektrorollern auch in Deutschland so richtig bemerkbar machen“, erwartet Martin Jendrischik, Chefredakteur des Online-Magazins „Clean-Thinking.de“. Es fragt sich nur, wer das Rennen macht. Denn wo die Nachfrage wächst, wächst auch das Angebot. Mehr als 30 E-Roller sind bereits auf dem deutschen Markt erhältlich.

Doch der Kumpan sticht sofort hervor – auch dank seines nostalgischen Designs. Auf den Retro-Trend setzt allerdings auch EFW-Suhl: Das junge Unternehmen tüftelt an der e-Schwalbe – einem Roller mit herausnehmbarem Lithium-Ionen-Akku für 4700 Euro. Name und Aussehen erinnern an den DDR-Kleinroller Schwalbe, der im Osten der Republik bis heute Kultstatus hat. Zu haben ist die e-Schwalbe aber erst ab Frühjahr 2012, weil Lieferprobleme die Entwicklung verzögert haben.

Die Gründer von e-bility sind deutlich weiter: Seit vergangenem Jahr laufen ihre Kumpane vom Band – nicht etwa am Firmensitz in Remagen, sondern in China, wo die Gründer ihre Roller unter Aufsicht des TÜV Süd montieren lassen. Im kommenden Jahr sollen dort zwei Nachfolgemodelle des 1954ers in Serie gehen. Wenn alles nach Plan läuft, wollen die Gründer ihre Entwicklung bereits aus ihren Umsätzen finanzieren.

Die drei Brüder wollen mit ihren strombetriebenen Retro-Rollern Europas Straßen erobern. Das erste Modell ist bereits erhältlich, im kommenden Jahr soll ein Roller mit herausnehmbarem Akku folgen. Hergestellt werden die lautlosen Flitzer in China, wo Elektroroller herkömmliche Spritschlucker bereits aus dem Stadtbild verdrängt haben. 

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