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IT-Startups im Ruhrgebiet Zu angerostet, um sexy zu sein?

Das Ruhrgebiet hat alle Zutaten für Startups: Freiraum, Universitäten, günstige Mieten und Infrastruktur. Neue Unternehmen gründen will dort trotzdem niemand.

Foto Werksschwimmbad Zollverein Quelle: AP

Wenn man die kalifornische Küste hoch fährt und sich von der szenischen Route One löst und den Highway 101 nimmt, dann fährt man nach San Jose durch eins der spannendsten Experimente der vergangenen Jahrzehnte: das Silicon Valley. Hier, wo Unternehmen wie Apple, Google, Facebook ihren Sitz haben, ist – wenn man so will – der Ort für Träume.

Derzeit wird Berlin von einem ähnlichen Gründergeist erfasst. Nach einer Studie der Investitionsbank Berlin-Brandenburg (IBB) liegt der Anteil der digitalen Wirtschaft an der gesamten Berliner Wirtschaftsleistung bereits vor der Baubranche (3,7 Prozent) und fast gleichauf mit dem Tourismus (4,3 Prozent). Sie erreicht bei einer Bruttowertschöpfung von 3,9 Milliarden Euro jährlich einen Anteil von 4,2 Prozent an der gesamten Berliner Wirtschaftsleistung.

Berühmte deutsche Gründer
Andreas von Bechtolsheim Quelle: Presse
Ibrahim Evsan Quelle: dpa
Stephan Uhrenbacher Quelle: Arne Weychardt für WirtschaftsWoche
Lukasz Gadowski Quelle: Presse
Lars Hinrichs Quelle: Presse
Gerrit Schumann Quelle: Frank Beer für WirtschaftsWoche
Oliver, Marc und Alexander SamwerDie drei Brüder (im Bild: Oliver Samwer) gelten als Bad Boys der Gründerszene. Dabei halten sie sich nur an eine simple Erfolgsregel, die viele Serienunternehmer zu ihrem Motto erklärt haben: Lieber gut kopiert als schlecht selbst gemacht. Der Erfolg gibt ihnen Recht. So gründeten sie die deutsche Kopie des US-Auktionshauses Ebay, riefen danach den Klingeltonriesen Jamba ins Leben und hatten auch beim Facebook-Klon StudiVZ ihre Finger mit im Spiel. Quelle: Armin Brosch für WirtschaftsWoche

Im Gegensatz zu Berlin ist das Silicon Valley aber keine Stadt, sondern ein urbanes Ballungsgebiet mit vier Millionen Einwohnern – mit Industrie, mit Universitäten, mit einer guten Infrastruktur und Heimatverbundenheit. In Europa erfüllt vor allem das Ruhrgebiet als Metropolregion diese Voraussetzungen. Eine Gründerszene gibt es hier jedoch nicht. In Berlin kommen in der Digitalen Wirtschaft 2,8 neu gegründete Betrieben auf 10.000 Erwerbstätige. In Köln und Düsseldorf sind es immerhin 1,7, beziehungsweise 1,6 – in Dortmund nur 0,8. Was ist das Problem?

Sebastian Deutsch ist Gründer der Bochumer Software-Schmiede 9elements. Das Unternehmen bedient hauptsächlich Kundenprojekte. Ausgründungen – wie meinpraktikum.de oder watchlaterapp.com - sind eher die Ausnahme. Aus Deutsch’s Sicht gibt es im Ruhrgebiet nur eine sehr kleine Gründerszene.

Er glaubt, ein Problem sind die Stadtgrenzen. Er musste die Gründer von meinpraktikum.de erst überzeugen, von Witten/Herdecke nach Bochum zu ziehen. „Es ist noch ein Riesenweg hin zu einem regionalen Denken“, so Deutsch. Hinzu kommt die mangelnde Interdisziplinarität. Ein Beispiel: Design-Studenten der Folkwang-Universität in Essen treffen selten auf Entwickler aus Dortmund.

Manuel Schoebel ist selbstständiger Webentwickler und coacht Studenten mit Unternehmergeist im startUP-Büro am Campus der Universität Duisburg-Essen. Er vermisst für ein wachsendes Startup-Ökosystem elementare Dinge wie Tech-Konferenzen, bei denen es einen Austausch zwischen den Disziplinen geben könnte.

Das Ruhrgebiet als Wiege des Maker-Movements

Foto Badeschiff in Berlin Quelle: dpa

Man muss sich aber auch nicht organisieren und gründen. In der Gegend gibt es diverse DAX- und Großunternehmen, denen man als Entwickler seine Dienste anbieten kann. Eine Risikokultur wurde und wird durch die sicheren Karrieren in Großunternehmen nicht gefördert. Der Aufbau einer Gründerkultur- und Szene ist schwierig. In Berlin wurde hingegen die Not zur Tugend gemacht, bejubelt und unterstützt durch diverse Artikel der internationalen Tech-Presse.

Das so entstandene Image spielt eine Rolle. 9elements hat Büros in Berlin und Bochum. Und oft ist Enttäuschung bei den Bewerbern spürbar, die einen Job im Pott angeboten bekommen. “Das ändert sich dann, wenn man die Leute einmal nach Bochum oder ins Ruhrgebiet einlädt, um es zu erleben”, so Deutsch. Vielen sei das Ausmaß des ökonomischen und kulturellen Angebots nicht bewusst.

Tatsächlich kostete der Quadratmeter zur Miete im Winterquartal 2012 in Essen und Dortmund 6,24 Euro. In Berlin ist es mittlerweile ein Euro mehr. Dafür hat die Hauptstadt mittlerweile weltweit den Ruf einer grenzenlosen Stadt. Ein Image, das der Regierende Bürgermeister, Klaus Wowereit, seit dem “arm, aber sexy”-Interview im Jahr 2003 kultiviert. Das Ruhrgebiet wirkt – trotz seiner großartigen Gründerhistorie - eher leicht angerostet.

Dabei ist hier eine in Europa unvergleichbare Infrastruktur vorhanden. Tobias Schiwek hat das Kölner Startup endore.me gegründet. Zugegeben: Köln ist nicht das Ruhrgebiet. Aber auch Köln und Düsseldorf sind an das Verkehrsnetz angebunden, das die deutschen Ballungsgebiete und Benelux verbindet.

Hier studieren die Unternehmer von morgen
Universität Magdeburg Quelle: dpa
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Aktienprognose Team.jpg
Platz 7: FU Berlin Seit 2006 sind aus der Gründungsförderung der Freien Universität Berlin, die sich „Profund“ nennt, über 70 Kapitalgesellschaften hervorgegangen. Jährlich führt sie zwischen 150 und 200 Beratungsgespräche und bietet in fünf sogenannten Gründerhäusern auf dem Campus 120 Arbeitsplätze für studentische Start-Ups. Außerdem veranstaltet die FU etwa ihren „Entrepreneurship Summit“, der rund 1.500 Teilnehmer pro Jahr anlockt. Auf den mehrmals jährlichen „Business & Beer“-Abenden können Gründer ihre Konzepte vorstellen und den Vorträgen etablierter Unternehmer oder Experten lauschen. ePortrait soll den Gang zur Fotokabine für Passbilder überflüssig machen. Die im März 2012 gestartete Ausgründung der FU Berlin bietet die Möglichkeit, per Webcam biometrische Passbilder am PC zu machen und sie zu bestellen. Das Unternehmen setzt auch auf Geschäftskunden. So ist das Programm seit Mai in der Website einer Krankenkasse integriert und kann für die Fotos auf elektronischen Gesundheitskarten genutzt werden.
Platz 6: Universität Rostock Mit Wettbewerben will die Universität Rostock den Unternehmergeist ihrer Studenten wecken. 2009 organisierte das Gründerbüro erstmals „Idee sucht Mentor“. Dabei stellen die Teilnehmer bei einer Art Speed-Dating verschiedenen Experten aus Wirtschaft und Wissenschaft ihre Geschäftsidee vor. Haben Studenten und Mentoren zusammengefunden, erarbeiten sie ein Geschäftskonzept und messen sich dabei mit anderen Gruppen. In der zweiten Jahreshälfte organisiert das Gründerbüro außerdem den Jungunternehmerpreis der Universität Rostock. Seit 2006 wurden laut Uni dort 130 Firmen gegründet. Berührungslose Messtechnik für die Industrie verkauft die Astech Angewandte Sensortechnik GmbH in Warnemünde. Zum Portofolio der Ausgründung der Uni Rostock gehören Sensoren, um Geschwindigkeit, Länge, Abstand, Position, Breite und Farbe zu bestimmen. Quelle: ZB
Platz 5: RWTH Aachen Im Jahr 2000 hat die Rheinisch-Westfälische Technische Hochschule Aachen gemeinsam mit der örtlichen IHK und den Sparkassen ihr Gründerzentrum ins Leben gerufen. 2003 folgte der Entrepreneurship-Lehrstuhl „Wirtschaftswissenschaften für Ingenieure und Naturwissenschaftler“ (WIN). Die Uni begleitet ihre Jungunternehmer nicht nur während der Gründung, sondern auch in den ersten fünf Jahren danach. Auf Pursenal.de können sich Nutzer ihre eigene Handtasche gestalten. Dabei lassen sich   unter anderem  Größe, Lederfarbe, Fadenfarbe, Futter, Innenausstattung, Verschluss und Riemenlänge variieren. Quelle: dpa
Platz 4: Universität Lüneburg Auch die Leuphana Universität Lüneburg setzt auf Beratung, Gründungslehre, Wettbewerbe und Netzwerke. Zusätzlich bietet sie jedem Gründer ein sogenanntes Starter-Set an, genauer gesagt einen 50-Euro-Gutschein, der unter anderem für kostenpflichtige Gründungsveranstaltungen gilt.  Mit der Ticcats GmbH hat der ehemalige Leuphana-Student 2010 Deutschlands erstes Online-Preisvergleichs-Portal für Live-Unterhaltungs-Tickets gegründet.

Schiwek sieht viele Gründer im traditionellen Denken verhaftet. Statt Startup firmiere man lieber als KMU. Auch Software-Schmieden würden eher im Schatten der Industrie programmieren und nicht verstehen, „was sie da eigentlich in den Händen halten“.

Vielleicht liegt die Zukunft des Ruhrgebietes aber nicht in der klassischen digitalen Wirtschaft. Als industrielle Herzkammer Deutschlands könnte es zum Web 3.0-Zentrum und zur Wiege des Maker-Movements werden. Coder treffen hier auf Schrauber. 9elements organisiert alle zwei Monate ein lokales JavaScript Meetup, das jedes Mal rund 50 Entwickler anzieht.

Die Veranstaltung findet im Hackerspace Das-Labor statt. Hier wird gelötet, gebastelt und gelasert. Ein weiterer Ort für solche Treffen ist das Unperfekthaus in Essen. Vielleicht entspringt hier der Funken, der für eine Startup-Story sorgt.

Prinzipiell steht das Ruhrgebiet für "hands on"

Die Billion-Dollar-Start-ups
Foursquare auf dem iPhone Quelle: dapd
airbnb Quelle: Screenshot
Das undatierte Firmenhandout des Internet-Musik-Diensts Spotify zeigt den Firmengründer einen Screenshot der Plattform Quelle: dpa
Bleacher ReportDie Sportseite Bleacher Report gibt es erst seit 2007. Mittlerweile besuchen rund 25 Millionen Nutzer pro Monat die Homepage, um sich Videos, Analysen und Hintergrundberichte zu verschiedensten Sportthemen anzusehen. Die Zahl der sogenannten unique user macht den bleacher report zur viertgrößten Sport-Website im Netz. Für Nachrichtendienste ohne Sportberichterstattung wäre der Kauf von br also eine Überlegung wert. Quelle: Screenshot
FabBei der Shopping-Community Fab macht pro Tag rund 300.000 Dollar Umsatz. Die mehr als drei Millionen Nutzer können über Fab nach ihren Lieblings-Designer-Stücken suchen und beim Einkauf bis zu 70 Prozent sparen. Das Unternhemen hinter der Community hat bereits 50 Millionen Dollar Investorengelder einsammeln können und ist derzeit um die 200 Millionen Dollar wert. Für Groupon oder andere Schnäppchen-Anbieter wäre Fab eine gute Ergänzung. Quelle: Screenshot
A visitor tries on the new game "Angry Birds Space" during a launching ceremony in Hong Kong Quelle: dapd
PathMit der App Path können Nutzer private Momente, Bilder und Videos mit ihren Freunden teilen. Path funktioniert quasi wie ein Tagebuch, das ein bestimmter Kreis von Menschen lesen darf und von dem bestimmte Einträge auch bei Twitter, Foursquare, Facebook oder Tumblr veröffentlicht werden können. Rund drei Millionen Menschen nutzen das soziale Netzwerk für unterwegs. Google hatte schon einmal bei Erfinder Dave Morin angeklopft und ein 100 Millionen Dollar für Path geboten. Morin lehnte jedoch ab. Quelle: Screenshot

Prinzipiell steht das Ruhrgebiet ja für “hands on”, so Deutsch: “Wenn man etwas im Ruhrgebiet machen will, dann muss man es halt tun. Platz ist da.” Die Industriebrachen haben Potenzial, um attraktive Stadträume zu entwickeln, meinen Forscher des Instituts Arbeit und Technik der Westfälischen Hochschule. Im Gebiet des Regionalverbands Ruhr (RVR) gibt es 12.662 Hektar ehemaliger und noch aktiver Übertagebetriebsflächen des Ruhrbergbaus - drei Prozent der RVR-Gesamtfläche von 436.000 ha

Schwächephasen der Industrie sowie Freisetzungen bei Elektronikern und Mechatronikern könnten hier einen Gründerboom auslösen, erklärt Schoebel. Jede Startup-Geschichte braucht ein kreatives Fundament, das andere Kreative anzieht. Was die Musiker und Designer für Berlin waren, könnten die Schrauber und Techniker für das Ruhrgebiet sein. 

Die besten Standorte für Startups
Platz 17: Berlin Quelle: dpa
Platz 10: Moskau Quelle: dpa
Platz 9: Bangalore Quelle: Reuters
Platz 8: Sao Paulo Quelle: Reuters
Platz 7: Singapur
Platz 6: Los Angeles Quelle: AP
Platz 5: Tel Aviv Quelle: Reuters

Auch andere Faktoren stimmen. Rechnet man die Fernuniversität Hagen mit, dann sitzen sechs der zehn größten Universitäten Deutschlands in Nordrhein-Westfalen. Die RWTH Aachen, die Uni Köln, die Uni Bonn, die Uni Bochum, die Uni Münster sowie die Uni Bielefeld sind zudem Teil der Exzellenzinitiative der Bundesregierung.

Und auch wenn es nicht so klingen mag: mit einem Durchschnittsalter von 43,3 Jahren gehört NRW zu den fünf jüngsten Bundesländern Deutschlands. Bei den Unter 18-Jährigen haben nur Niedersachsen und Baden-Württemberg einen höheren Anteil.

Till Ohrmann ist CEO des in Köln stattfindenden Tech-Events European Pirate Summit. Er kennt viele Gründer in NRW, die sagen, dass sie genug haben von der Digitalwirtschaft. Es ist alles zu wenig greifbar geworden. „Die wollen wieder physische Dinge auf dem Schreibtisch liegen haben“, so Ohrmann. Dann käme ihnen einen Markt von mehreren Millionen Abnehmern in der Nachbarschaft sehr entgegen.

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Das ist ganz im Sinne des Tech-Visionärs Chris Anderson, der in seinem Buch “Makers” schreibt, dass die klügsten Köpfe einer ganzen Generation „von Software und den unendlichen Welten verführt, die online ihrer Erschaffung harrten. Jetzt gebe es wieder „gute Gründe, sich die Hände dreckig zu machen“.

Das Bruttoinlandsprodukt von NRW ist mit 582 Milliarden Euro auf einem Höchststand. Und auch die Anzahl der Beschäftigten im Verarbeitenden Gewerbe stieg in den letzten Jahren auf zuletzt 1,21 Millionen in 2012. Zukunftssorgen hat NRW eigentlich nicht. Die Marschrichtung ist aber klar: In immer stärkerem Maße müssen Unternehmer den Wandel hin zu global agierenden Unternehmen vollziehen, hieß es beim Petersberger Industriedialog 2013 der IHK NRW – eine kreative Maker-Kultur könnte den Kulturwandel anführen.

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