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Kaltes Plasma Ein Wunder für Wunden

Kaltes Pflaster: Coldplasmatech-Gründer Carsten Mahrenholz heilt Wunden mit kaltem Plasma Quelle: Werner Schuering für WirtschaftsWoche

Das Start-up Coldplasmatech hat ein Medizingerät erfunden, das chronische Wunden kuriert. Nicht nur das Militär zeigt bereits Interesse.

Das Gerät, mit dem Carsten Mahrenholz Millionen Menschen heilen will, sieht fast aus wie ein kleiner Schreibtischcomputer: ein Würfel aus Kunststoff, daran ein Knopf zum Anschalten. Doch per Kabel mit dem Kasten verbunden ist weder Maus noch Tastatur – sondern ein durchsichtiges Stück Silikon, etwa so groß wie ein Schulheft. Schaltet man das Gerät ein, beginnt die Silikonmatte von unten blau zu leuchten.

Das ist elektrisch geladenes Gas – Plasma, eine Art vierter Aggregatzustand der Materie, neben fest, flüssig und gasförmig. Und mit diesem Plasma will Carsten Mahrenholz, Gründer von Coldplasmatech, einem Medizintechnik-Start-up aus Greifswald, die Behandlung von chronischen Wunden beschleunigen. Wunden, unter denen allein in Deutschland drei bis vier Millionen Menschen leiden.

Seit Längerem ist bekannt, dass kaltes Plasma eine erstaunliche Heilwirkung entfalten kann. Es versetzt die Zellen im Körper in einen Stresszustand: Sie senden dann Botenstoffe aus, die Wundheilung wird angekurbelt. Gleichzeitig hat das geladene Gas eine stark sterilisierende Wirkung. Sogar Keime, gegen die Antibiotika nicht mehr helfen, werden damit sehr zuverlässig getötet. „Wir lösen ein Massaker unter multiresistenten Keimen aus“, sagt Mahrenholz.

Nun haben die Greifswalder den Deutschen Innovationspreis in der Kategorie Start-up gewonnen. Die eigentliche Erfindung liegt weniger darin, Plasma für die Medizin zu nutzen – sondern vielmehr in der Entwicklung eines Geräts, das sich im Krankenhausalltag einfach einsetzen lässt. „Wir haben mit Ärzten, Patienten, Pflegern und denen gesprochen, die in Krankenhäusern für den Einkauf zuständig sind“, sagt Mahrenholz. Das neue Produkt sollte sich schließlich an den Bedürfnissen derer orientieren, denen es helfen soll.
Herausgekommen ist ein Gerät, das nur einen Knopf hat – und die Behandlung nahezu von selbst durchführt. Das Pflegepersonal muss das Pflaster nur auf die betroffene Körperstelle legen. „Knopf drücken, ein paar Minuten warten – fertig“, sagt Mahrenholz. Nach mehreren Wochen und wiederholten Behandlungen sei die Wunde verheilt. Dank der großflächigen Silikonauflage kann das Gerät meist eine ganze Wunde komplett behandeln. Bisherige Geräte, die kaltes Plasma erzeugen, sind dagegen nur so klein wie ein dicker Stift – und Pfleger müssen in minutiöser Arbeit nach und nach die betroffene Haut behandeln.

Die Sieger des Innovationspreises 2018
In der Münchener In-Location Kesselhaus trafen sich Deutschlands innovativste Unternehmen am Freitag zur 9. Verleihung des Deutschen Innovationspreises. Geladen hatten neben der WirtschaftsWoche auch Accenture, Daimler und EnBW. Quelle: Stefan Obermeier
Die TV-Journalistin Dunja Hayali moderierte die Veranstaltung vor rund 250 geladenen Gästen aus Wirtschaft, Politik und Wissenschaft. Quelle: Stefan Obermeier
WirtschaftsWoche-Herausgeberin Miriam Meckel beschrieb den enormen Wissens- und Innovationsschub der vergangenen Dekaden und verglich die Kreativität der Menschen mit der digitaler Hirne. Künstliche Intelligenz sei keine Bedrohung, sondern schaffe Freiräume für menschliche Innovationskraft. Quelle: Stefan Obermeier
Bundeswirtschaftsminister Peter Altmaier (CDU) unterstrich die Bedeutung staatlicher Innovationsförderung für die Leistungsstärke der deutschen Wirtschaft. Er hatte zudem einen persönlichen Wunsch für eine bahnbrechende Erfindung: Spaghetti Carbonara, die nicht dick machen, sondern dafür sorgen, dass man nach dem Verzehr Italienisch sprechen kann. Quelle: Stefan Obermeier
Obi Felten, Chefstrategin bei Google X (Mitte), wurde von WirtschaftsWoche-Innovationschefin Léa Steinacker (links) und Herausgeberin Miriam Meckel (rechts) als „Future Thinker“ geehrt. Felten gab den Gästen einen Crashkurs in Innovationsmanagement. „Wenn Sie einen Affen wollen, der auf einer Säule steht und Goethe rezitiert, dann suchen Sie zuerst den Affen. Wie man eine Säule baut, wissen wir alle.“ Quelle: Stefan Obermeier
Scheinwerfer an: In der ehemaligen Industrieanlage im Münchner Norden wurden die Sieger des diesjährigen Innovationspreises ordentlich gefeiert. Quelle: Stefan Obermeier
Frank Riemensperger, Vorsitzender der Accenture-Ländergruppe Deutschland, Österreich und Schweiz, präsentierte die Sieger der Kategorie „Großunternehmen“. Quelle: Stefan Obermeier

Vision aus "Star Trek"-Filmen

Krankenhäusern soll das Gerät aus Greifswald Zeit und Arbeit sparen – und Patienten schneller die Heilung bringen. Es wäre die Lösung für ein Problem, das das Gesundheitssystem heute sechs Milliarden Euro kostet, allein in Deutschland. Weltweit haben 36 Millionen Patienten chronische Wunden, die behandelt werden müssen.

Die Bundeswehr hat bereits Interesse an einer Kooperation: Verletzte Soldaten könnten im Einsatz schneller und besser versorgt werden. Zusammen mit Krankenhäusern bereitet Mahrenholz derzeit eine klinische Studie vor, um den Nutzen der Technologie noch genauer nachweisen zu können.

Die Produktion in großen Stückzahlen könnte in diesem Jahr anlaufen. Die Wundauflagen lassen sich aus hygienischen Gründen nur einmal verwenden, darum dürften Kunden sie in großer Zahl bestellen. Dann wird in Krankenhäusern eine alte Vision aus „Star Trek“-Filmen wahr: Auf dem Raumschiff Enterprise kurieren Ärzte verletzte Crewmitglieder per Dermal-Regenerator. Aus Science-Fiction wird nun beinahe Wirklichkeit.

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