Karriereleiter

Wie wir mit Krisen und Veränderungen umgehen

Simone Janson Freie Autorin

Flüchtlingskrise, Digitalisierung, VW-Skandal: Die Welt um uns herum verändert sich rasant. Gefragt sind neue Strategien und mehr Improvisationstalent. Klingt einfach – wären da nur nicht die eigenen Ängste.

"Genau solche Leute suchen wir doch"
Frank Appel, Deutsche Post"Auf dem deutschen Arbeitsmarkt gibt es rund eine halbe Million offener Stellen. Wenn Flüchtlinge rasch Arbeitsbewilligungen erhalten, dann können deutsche Unternehmen dieses Potenzial nutzen", sagte der Deutsche-Post-Chef Frank Appel dem "Handelsblatt". Quelle: dpa
Dieter Zetsche, Daimler"Ich könnte mir vorstellen, dass wir in den Aufnahmezentren die Flüchtlinge über Möglichkeiten und Voraussetzungen informieren, in Deutschland oder bei Daimler Arbeit zu finden. Die meisten Flüchtlinge sind jung, gut ausgebildet und hoch motiviert. Genau solche Leute suchen wir doch. Sie können uns – ähnlich wie vor Jahrzehnten die Gastarbeiter – helfen, unseren Wohlstand zu erhalten beziehungsweise zu vermehren. Deutschland kann doch die freien Arbeitsplätze gar nicht mehr allein mit Deutschen besetzen", sagte der Daimler-Chef der "Bild am Sonntag". Quelle: dpa
Christian Illek, Deutsche Telekom„Die Deutsche Telekom hat viele Liegenschaften, die durch den technischen Wandel längst nicht mehr in dem Maße genutzt werden wie früher“, sagte Personalvorstand Illek der WirtschaftsWoche. „Nicht jede ist für die Unterbringung von Flüchtlingen geeignet, aber dort wo wir helfen können, sind wir gerne bereit, das zu tun.“ Sofern technisch möglich, will die Deutsche Telekom alle Flüchtlingsunterkünfte mit WLAN versorgen. Die meist kostenlosen Hotspots sind für die Flüchtlinge die einzige Möglichkeit, per E-Mail oder Messenger-Dienste mit ihren Verwandten in Kontakt zu treten. „Deswegen unterstützen wir die Hilfsorganisationen und die öffentliche Hand beim Aufbau einer entsprechenden Infrastruktur“, sagt Illek. Quelle: PR
Matthias Müller, Porsche"Es ist an der Zeit, dass Wirtschaftslenker zu bestimmten Dingen ihre Meinung sagen. Wir müssen uns Extremismus entgegenstellen und Haltung zeigen. Die Industrie darf sich nicht aus Angst um den Aktienkurs oder vor persönlichen Angriffen zurückhalten. Das darf die Wirtschaft nicht, wir sind schließlich Teil der Gesellschaft. Ich wünsche jedem Menschen auf der Welt, dass er einmal am Tag warm essen und ruhig schlafen kann. Kein Mensch gibt doch freiwillig und leichten Herzens seine Heimat auf", sagte Müller der "Süddeutschen Zeitung". Quelle: dpa
Klaus Engel, Evonik"Wir können nicht so tun, als ginge es uns nichts an, wenn ertrunkene Kinder an die Küsten des Mittelmeeres gespült werden und verzweifelte Menschen durch Europa ziehen, auf der Suche nach einer friedlichen Zukunftsperspektive. Viele der Menschen, die jetzt zu uns kommen, werden bleiben", sagte der Chef des Essener Chemiekonzerns Evonik, Klaus Engel, dem "Handelsblatt". Quelle: dapd
Beiersdorf"Wir bauen derzeit ein Projekt auf, das den qualifizierten Flüchtlingen den Einstieg in den deutschen Arbeitsmarkt erleichtert", teilte der Kosmetik-Konzern mit. Quelle: dpa
Kik"Wegen der fehlenden Arbeitserlaubnis besteht derzeit keine legale Möglichkeit, Flüchtlinge oder Asylsuchende zu beschäftigen", teilte der Textildiscounter mit. Quelle: dpa
Ingo Kramer, Bundesvereinigung der Deutschen Arbeitgeberverbände"Die Politik muss dafür sorgen, dass Asylbewerber nicht viele Monate vom Arbeitsmarkt ferngehalten werden. Wir brauchen in den nächsten 20 Jahren viel mehr Arbeitskräfte, als dieses Land hervorbringen wird", sagte Kramer der "Süddeutschen Zeitung". Quelle: dpa
Rupert Stadler, Audi„Das große Leid der Flüchtlinge in Europa erschüttert uns“, sagt Audi-Chef Rupert Stadler. „Menschen vor unserer eigenen Haustür sind in Not – deswegen wollen wir kurzfristig und unbürokratisch helfen.“ Das Unternehmen spendet eine Million Euro, die in lokale Hilfsprojekte an den Audi-Produktionsstandorten fließen soll. „Uns ist bewusst, wie dramatisch sich die Situation der Flüchtlinge vor Ort entwickelt hat“, sagt Thomas Sigi, Vorstand Personal und Sozialwesen, und fügt hinzu: „Mit der Soforthilfe wollen wir an unseren Unternehmensstandorten ein Zeichen der Verbundenheit und sozialen Verantwortung setzen.“ Quelle: dpa

Als vergangene Woche in Düsseldorf Sascha Lobo mit der deutsche Facebook-PR-Chefin Tina Kulow über Hassbotschaften im Netz und über die neue EU-Verordnung zur Netzneutralität diskutierten, waren sich die beiden eigentlich nur in einem Punkt einig: In Deutschland fehlt vor allem die Fähigkeit, mit Fehlern und Scheitern adäquat umzugehen und im Trial-and-Error-Verfahren innovative Ideen zu entwickeln. Das macht sich z.B. auch in der aktuellen Flüchtlingskrise bemerkbar, in der panikartig reagiert wird, wo ein klarer Verstand gefragt wäre. Erst kürzlich skizzierte Jens-Uwe Meyer im Manager Magazin, wie man im Silicon Valley mit dem aktuellen Flüchtlingsproblem umgehen würde: Blick nach vorne, Krise als Chance sehen und daraus Innovationen entwickeln. Und neuerdings liest man immer häufiger (auch in der WirtschaftsWoche), dass mehr Improvisation und weniger Bürokratie gefragt sind. Doch so einfach ist das nicht.

Woher Startups ihr Kapital erhalten

Wer sich in den Büros deutscher Großkonzerne umhört, wird feststellen, wie groß dort die Angst vor Veränderung ist und wie schwer sich die erfolgsverwöhnten Riesen mit plötzliche auftretenden Schwierigkeiten tun: Statt nach vorne zu blicken, versuchen Sie, Risiken um jeden Preis zu vermeiden. Geld sparen heißt die Devise, Einstellungsstopps und Entlassungen sind die Folge. Der Grundgedanke dabei: Wer weniger ausgibt, kann auch Umsatzeinbrüche besser auffangen. Problematisch wird das allerdings, wenn unter den  Sparmaßnahmen die Qualität von Produkten und Service leidet und damit auch die Kundenzufriedenheit. Stagnation statt Entwicklung also, oder Konservation statt Innovation. Dadurch kann die Vermeidungsstrategie sogar zum Scheitern des Unternehmens führen wie eine sich selbst erfüllende Prophezeiung. Ein Teufelskreis also, der da aus der Verbindung von fehlender Unternehmenskultur, der daraus entstehenden Angst vor dem Scheitern und übertriebenem Perfektionismus als Kompensationsstrategie erwächst. Besser als sich derart von der Angst lähmen zu lassen, wäre es, sich ganz auf die Entwicklung neuer Produkte und Dienstleistungen zu konzentrieren - eine Strategie, die auch langfristig Erfolg verspricht. Dazu gehört aber auch, ein gewisses Risiko einzugehen und gegebenenfalls zu scheitern. Das macht natürlich Angst.

Hohe Markteintrittsbarrieren

Und so viel gerade über die Start-Up-Kultur geredet wird: Auch in punkto Unternehmensgründung sind die Deutschen eher ängstlich: Der Global Entrepreneurship Monitor, eine Studie, die jährlich die Gründungsbedingungen in 42 Ländern weltweit untersucht, zeigt: Die Gründungskultur in Deutschland ist alles andere als optimal. Zwar bietet Deutschland eine sehr gute öffentliche Förderinfrastruktur, es stehen ausreichend Büro- und Gewerbeflächen sowie Verkehrs- und Kommunikationsmittel zur Verfügung, der Schutz des geistigen Eigentums durch Patente ist gewährleistet und Gründer können über zahlreiche Beratungsangebote und Zulieferfirmen verfügen.

Die teuersten Städte für Unternehmer
Spasskaya tower im Kreml Quelle: dpa
Oper in Sydney Quelle: dpa
Ein Mann schaut vom 124. Stockwerk des Burj Dubai auf die Hochhäuser der Stadt. Quelle: dpa
Skyline von Tokio Quelle: AP
Boat Quay nahe der Wolkenkratzer an der Marina Bay in Singapur Quelle: Blumenbüro Holland/dpa/gms
Market Street in San Francisco Quelle: REUTERS
Als Napoleon und seine Garde verkleidete Reiter vor dem Pariser Louvre Quelle: Reuters
Freiheitsstatue Quelle: dpa
Passanten gehen in Hongkong an Postern eines Hochhauses vorbei Quelle: REUTERS
Eine der typisch roten Telefonzellen in London, im Hintergrund Big Ben Quelle: dpa

Doch auf der anderen Seite schneidet Deutschland bei zahlreiche Rahmenbedingungen im internationalen Vergleich deutlich schlechter ab als andere Länder: So werden Gründer hierzulande durch höhere Markteintrittsbarrieren und schlechtere Finanzierungsbedingungen ausgebremst. Vor allem aber kritisieren die durch GEM befragten Experten die übermäßige Regulierungswut des Staates, die schlechte gründungsbezogene Ausbildung und schließlich die negative gesamtgesellschaftliche Haltung zur Gründung. Dementsprechend erstaunt es auch nicht, dass gut 40 Prozent der befragten 18-bis 64-Jährigen den Schritt in die Selbstständigkeit gleich ganz sein lassen würden - aus Angst, es könnte schief gehen.

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