Kinderbuch von Carsten Maschmeyer „Wir arbeiten hart an dem nächsten heißen Scheiß“

Mit dem Buch Die Start-up Gang will Carsten Maschmeyer nach eigener Aussage den Gründergeist schon in der Schüle fördern. Quelle: Edel Verlagsgruppe GmbH/obs

Zum Start der neuen Staffel „Die Höhle der Löwen“ bringt Carsten Maschmeyer ein Kinderbuch auf den Markt, um schon im Schulalter Gründergeist zu wecken. Leider sorgt die Lektüre eher für das Gegenteil.

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Kicker in der Bundesliga? Davon lässt der Siebtklässler Mehmet schnell ab, nachdem er mit seinen Klassenkameraden Nele, Aliyah und Carl in einer Projektwoche die Start-up-Szene entdeckt hat. In nur 102 Tagen bringen es die Schüler zu Multimillionären, versilbern die Geschäftsanteile an ihrem Start-up #Three-De-Me beim Exit.

Ob Carsten Maschmeyer, Juror im TV-Format „Die Höhle der Löwen“, in so ein Start-up investieren würde? Eigentlich zweitrangig. Die Aufmerksamkeit für das Kinderbuch „Die Start-up Gang“, das er gemeinsam mit Google-Manager Axel Täubert geschrieben hat, ist ihm jedenfalls gewiss – pünktlich zum TV-Start der neuen Staffel „Die Höhle der Löwen“.

Maschmeyer will den Gründergeist schon im Schulalter fördern. Für sein Vorhaben gibt es gute Gründe, keine Frage. Das Land braucht ebenso kluge wie engagierte Unternehmer – wie nicht zuletzt die Firma Biontech gezeigt hat, die der deutschen Gesellschaft als Ganzes einen Impfstoff und der Region rund um den Firmenstandort Mainz im Besonderen mitten in der Coronakrise üppige Gewerbesteuereinnahmen beschert hat. Doch die Gründerquote sinkt hierzulande stetig.

Aber ob das Kinderbuch von Carsten Maschmeyer nun wirklich den Weg für einen Sinneswandel ebnet?

Dabei geht es ganz gut los: Zuerst sind die vier Schulkinder skeptisch, ob sie im Team funktionieren. Und stellen dann fest, dass gerade ihre unterschiedlichen Interessen, Herkünfte und Charaktereigenschaften sie zum idealen Gründerteam machen. Das Problem ist viel mehr das, was folgt: Das Buch vermittelt Schulkindern ein völlig befremdliches Bild von Unternehmertum.

Denn der Exit, der aus den Kindern mehrfache Millionäre macht, ist das Happy End des Buchs. Als ginge es im Leben von Unternehmerinnen und Unternehmern nur darum, möglichst schnell möglichst viel Geld zu verdienen. Und das dann beliebig oft zu wiederholen. Wer über Generationen ein mittelständisches Unternehmen behutsam zum Erfolg führt und Tausende Arbeitsplätze schafft, der muss wohl ziemlich „lost“ sein, um in der klischeebehafteten Jugendsprache des Buchs zu bleiben. Maschmeyer und Täubert inszenieren einen erfolgreichen Gründer und heutigen „Business Angel“ im „Hipster-Outfit“ als Vorbild der Schulkinder: Mischa Simons, der Leiter der Projektwoche. Mischa lässt sich in einem brandneuen, „perlmutt-weißen“ und autonomen Tesla umherfahren, brachte schon sein zweites Start-up direkt an die Börse.

Profit um jeden Preis

Für 200.000 Euro kauft der Seriengründer Mischa gegen Ende des Buchs 20 Prozent der Geschäftsanteile von #Three-De-Me, steigt zum größten Anteilseigner auf – und schlägt prompt vor, die Löhne der Kinder aus dem Mutter-Kind-Heim, die das Start-up beschäftigt, zu drücken. Die Jungunternehmer finden dann zwar doch noch eine andere Lösung. Aber die Botschaft an die jugendliche Leserschaft bleibt: Am Ende muss immer die Kasse klingeln. Und sei es auf Kosten der Arbeitnehmer. Was Betriebsräte oder Tarifverträge sind (und dass diese in der Arbeitswelt durchaus ihre Berechtigung haben), erklären die Autoren übrigens nicht.

Doch es zeigen sich auch abseits der Handlung einige Probleme. Maschmeyer und Co-Autor Täubert werfen schon auf den ersten Seiten mit diversen kryptischen Begriffen der Start-up-Welt um sich: Rapid Prototyping, Design Thinking, Business Model. Das Buch wirkt wie ein ausführliches Vokabelheft für Jungunternehmer. Die Kapitel widmen sich nämlich jeweils einem der englischen Start-up-Termini. Ob sich Schulkinder tatsächlich für Unternehmertum begeistern, wenn die gesamte Geschichte der vier Gründerkinder bloß als Erklärung für die sperrigen Anglizismen herhalten muss?

Die Start-up-Szene in den Alltag von Zehnjährigen zu übertragen, ist nicht einfach. Und wird an manchen Stellen des Buches allzu abenteuerlich: Eine der Gründerinnen, die vor zwölf Monaten aus Syrien nach Deutschland geflüchtete Aliyah, hat mal eben einen 3-D-Drucker zu Hause stehen, im Wert von Hunderten Euro. Und Nele, die in einem reichen Elternhaus aufwächst, schließt mit ihrem Vater einen „Kreditvertrag“ über gut 1000 Euro ab, um nach der Gründung einen noch leistungsfähigeren 3-D-Drucker zu kaufen. Bei der Lektüre fragt man sich, wann sich Maschmeyer und Täubert eigentlich zuletzt mal mit Siebtklässlern unterhalten haben.

Wirklich grotesk wird es, als der letzte Tag vor der Projektwoche ansteht. Nele sitzt noch um 01:31 Uhr an den Vorbereitungen. Nach guten vier Stunden Schlaf stellen die Kinder völlig übermüdet ihr Unternehmen #Three-De-Me vor. Die elfjährige Aliya schlägt sich später „die Nächte um die Ohren“, hat „dunkle Ringe“ unter den Augen und bestellt in der Eisdiele kurzerhand einen Eiskaffee gegen die Müdigkeit – „mit echtem Espresso“, versteht sich. Schließlich klingelt nachts alle drei Stunden ihr Wecker. Jeden Druckvorgang muss sie am 3-D-Drucker von Hand starten.

Copycats statt Erfindergeist

Vor allem die Parallelen des 13-jährigen Mitgründers Carl zu Maschmeyer selbst sind im Buch nicht zu überlesen – und Maschmeyer benennt sie später sogar klar. In seinem Nachwort heißt es: „Wie ihr vielleicht gemerkt habt, steckt eine Menge von mir in diesem Jungen, der trotz aller Widerstände nie aufgibt und es am Ende schafft.“ Maschmeyer machte eine schwere Kindheit durch, wuchs mit seiner Mutter in einem Mutter-Kind-Heim auf, lernte seinen leiblichen Vater nie kennen. Davon berichtete der Unternehmer erst Mitte Februar im WirtschaftsWoche-Podcast. Im Buch kam Carls Vater bei einem Autounfall ums Leben. Sein Lieblingsbuch ist „Die Millionärsformel“, Autor: Carsten Maschmeyer.

Maschmeyers Idee, seine eigene Biographie zu nutzen, um jungen Menschen aufzuzeigen, wie weit sie es selbst unter widrigen Startbedingungen schaffen können, ist nicht schlecht. Doch in seinem zehn Seiten langen Nachwort zieht Maschmeyer dann auch die üblichen Start-up-Geschichten heran, die Schulkindern hierzulande Mut machen sollen: Apple, Google und Hewlett-Packard wurden im Silicon Valley schließlich auch von Studenten in Garagen aufgebaut. In Deutschland hätten wir mit Hellofresh und Zalando laut Maschmeyer „tolle Start-ups“, die es in den Dax geschafft haben. Bloß: Es ist nur schwer vorstellbar, dass Maschmeyer heute in ein Start-up investieren würde, das einen Onlineshop für Mode aufbauen will. Wo ist da der USP? Bekannte deutsche Start-up-Gründer, die tatsächlich etwas erfinden und an Raketen (Isar Aerospace), Flugtaxis (Lilium und Volocopter) oder Quantencomputern (IQM) bauen, erwähnt der Fernsehinvestor indes nicht.

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Leider, so Maschmeyer in seinem Nachwort, gebe es für das „faszinierende Start-Upper-Leben“ bisher keine Kinderbücher. Er höchstselbst wollte das mit der „Start-up Gang“ ändern. Bloß: Dass es über das Gründerleben mit zig schlaflosen Nächten und Schuldenbergen, wie Maschmeyer es nun mal skizziert, keine Kinderbücher gibt, hat gute Gründe.

Lesen Sie auch: Carsten Maschmeyer spricht im Podcast über seine schwierige Kindheit, den umstrittenen Finanzvertrieb AWD und seinen größten persönlichen Fehler.

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