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„Knappheit hilft, solide zu wirtschaften“ Lieber ohne Investoren

Martin Menz Quelle: PR

Gründer Martin Menz hatte in der Coronakrise zwar Probleme, aber eines nicht: dass Investoren ihr Geld abziehen. Er hat nie solches Geld gebraucht. Mehr Start-ups sollten so wirtschaften, glaubt der Relaxdays-Chef.

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WirtschaftsWoche: Herr Menz, Ihr Unternehmen Relaxdays in Halle an der Saale wächst und wächst – ganz ohne Investorengeld. Sie haben es 2006 gegründet, damals mit geliehenen 2000 Euro von Ihrem Bruder und Erspartem. Haben Sie danach wirklich nie wieder Fremdkapital gebraucht?
Martin Menz: Die Anfänge waren tatsächlich so. Ich habe natürlich später auch Fremdkapital aufgenommen, aber von klassischen Banken. Ich habe in den ganzen 14 Jahren kein Geld von externen Investoren aufgenommen.

Was macht für Sie den Unterschied aus zwischen Investoren und Kapitalgebern?
Wenn man in einer Branche bei null anfängt, die sich noch ein Stück entwickelt, ist es vernünftiger, klein anzufangen. Dazu zählte 2006 der Online-Handel. Einer der großen Vorteile: Heute habe ich eine hohe Kontrolle über mein eigenes Unternehmen. Meine Gespräche finden mit meinen Bankern statt und ich bin der einzige, der mit ihnen verhandelt. Hätte ich Investoren ins Boot geholt, stünde im Kleingedruckten, dass ich zum Beispiel nur in bestimmten Märkten agieren, Niederlassungen nur an bestimmten Orten aufmachen dürfte. Das engt einen Unternehmer ein. Der Investor will sein Geld eben zu einem bestimmten Zweck reingeben und nicht die Kontrolle verlieren.

So erging es jetzt auch in der Coronakrise vielen Start-ups, deren Investoren sogar im Nachhinein den Geldfluss an neue Bedingungen knüpften.
Das ist typisch. Wenn man 25 oder 49 Prozent vom eigenen Unternehmen abgibt, ist das eine Sache. Aber da gibt es wahnsinnig viele kleine Klauseln. Die Auswirkungen davon können gerade Anfänger kaum überblicken. Für mich war das immer eine Unbekannte, und ich fürchtete, meine Unterschrift zu bereuen. Manche sehen das oft auch nur als strategische Investition – und verkaufen ihre Anteile dann womöglich weiter. Dann kann es sein, dass der neue Geschäftspartner einem gar nicht liegt. Diese Risiken sollte man nicht vergessen.

Ist das nicht etwas sehr pauschal?
Investoren können sich natürlich auch mal positiv einmischen. Aber der Unternehmer ist die Person, die das ganze lebt und nach vorne treiben will. Beide sitzen zwar im selben Boot. Aber der Investor hat noch einen anderen Antrieb, der will seine Anteile zu einem höheren Preis wieder verkaufen.

Es gibt durchaus auch Gründer, die ein Start-up nur für den schnellen Exit hochziehen.
Ich persönlich möchte ein nachhaltig wachsendes und wirtschaftendes Unternehmen aufbauen. Und ich denke, dass das für die meisten Unternehmer gilt. Wenn der Investor wiederum seinen Anteil verkaufen will, kann es sein, dass er den Zustand des Unternehmens beschönigt. Siehe Home24, wo für den Börsengang gute Quartalszahlen präsentiert wurden, danach krachte es.

Durch die Coronakrise haben viele Start-ups auch Probleme, überhaupt noch an Geld zu kommen. Sie hatten schon Zusagen, nun bleibt das Geld aus. Was wäre Ihr Tipp für eine solche Situation?
Man sollte sich alles schriftlich geben lassen. Vorher darf kein Champagnerkorken knallen. Es gibt viel mehr Leute, die etwas versprechen, als welche, die das auch halten. Ich habe Jahre gebraucht, bis ich verlässliche Partner gefunden hatte, denen ich voll vertraue, wo auf Worte entsprechende Taten folgen. Mein Tipp für junge Unternehmen: Geld sammeln, wenn man kann. Auch bevor man es braucht, um ordentlich durchfinanziert zu sein. Und das Produkt immer besser machen. Die Methode nennt sich Bootstrapping. Und gerade, wenn man ganz wenig hat, konzentriert man sich und setzt das Geld so effizient wie möglich ein. Das musste ich jahrelang machen, deshalb bin ich ein Überlebenskünstler. Andere, die 20 Millionen auf dem Tisch haben, geben das Geld ganz anders aus. Knappheit hilft, solide zu wirtschaften. Werden Unternehmen mit Geld zugeschüttet, kaufen sie schnell zu überhöhten Preisen ein, justieren ihr Produkt und Geschäft nicht nach, und werden nicht wettbewerbsfähig.

Wäre es für alle Start-ups sinnvoll, auf Investoren zu verzichten? Viele sind ja dadurch groß geworden.
Nein. Ein Beispiel sind die E-Roller, wo eine Gesetzesänderung den Startschuss gab. Da muss es schnell gehen, wenn viele Roller gleichzeitig auf die Straße sollen. Wenn man ein großes Unternehmen bauen will, muss man schauen, wie man zügig ordentlich Kapital aufnimmt.

Investoren sehen es doch sicher auch gerne, wenn mit ihrem Geld gut gehaushaltet wird.
Klar. Man braucht Investoren, solange man nicht solide wirtschaftet – und das ist auch normal am Anfang. Wenn man einmal etabliert ist – nicht mehr unbedingt. Relaxdays wächst jetzt das vierte Jahr in Folge um 50 Prozent.

Aber auch weil sie Glück hatten: Der Onlinehandel ist ja eher ein Profiteur in der Pandemie.
Mag sein. Aber wir sind wahnsinnig schnell unterwegs: Wir schaffen das fünffache Wachstum des jährlichen E-Commerce-Marktes, weil wir seit Jahren aus wenig viel machen. Wenn jetzt ein Investor bei mir stünde und sagte: „Hier hast du noch 50 Millionen“, würde ich sagen: „Was soll ich damit?“ Noch schnelleres Wachstum wäre dann auch für uns unnatürlich.

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