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Lufthansa gründet Start-up aus Grün mit zwei Zeilen Code

Vor allem bei Flügen, aber längst nicht nur, fällt eine Menge Kohlendioxid an. Nun will die Lufthansa auch anderen Unternehmen helfen, ein bisschen grüner zu werden. Quelle: dpa

Klimaschutz auch jenseits des eigenen Jets: Die Lufthansa will mit der Software Squake auch anderen Firmen aus dem Mobilitätssektor helfen, Emissionen zu kompensieren. Aber kann sie auch zügig Gewinne für die kriselnde Fluggesellschaft einspielen?

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Ein Klick bis zum Ticket, ein Haken für das gute Gewissen: Geschäftsreisende, die ihren Trip über das Webportal BizAway planen, sehen kurz vor der Buchung, wie viel klimaschädliches Kohlendioxid (CO2) dabei anfällt, unabhängig vom gewählten Verkehrsmittel. Wer angesichts des nächsten Kurzstreckenflugs oder der anstehenden Langstreckenfahrt ein schlechtes Gewissen kriegt, kann sich direkt für eine Kompensation entscheiden – und zahlt den kleinen Aufschlag bei der Buchung.

Die technische Lösung dahinter stammt von der Lufthansa. Das Team des Innovation Hubs, eines konzerneigenen Company Builders, hat in den vergangenen Monaten eine Schnittstelle entwickelt, mit denen Unternehmen nicht nur die Emissionen berechnen können. Zugleich können die Kunden auf einem Marktplatz auswählen, welche Klimaschutzprojekte sie als Kompensation unterstützen wollen. „Wir helfen Unternehmen dabei, grüne Produkte anzubieten“, sagt Dan Kreibich, Projektleiter des Lufthansa Innovation Hubs.

Jetzt soll das interne Projekt Flügel kriegen. An diesem Mittwoch geht die Softwarelösung unter dem Namen „Squake“ offiziell an den Markt, wie die WirtschaftsWoche vorab erfahren hat. Der Anspruch ist groß, wie die Produktbezeichnung zeigt: Die setzt sich zusammen aus den englischen Wörtern für Nachhaltigkeit und Erdbeben, Sustainability und Earthquake. Doch ob das digitale Tool tatsächlich die Mobilitätsbranche aufrütteln wird, muss sich noch zeigen.

Gute Zeiten für Greentechs

Klar ist, dass die digitalen Lufthanseaten auf einen Trend setzen: Die Nachfrage nach grüneren Produkten nimmt in allen Branchen zu. Bei Reisen, Transporten oder Lieferketten lassen sich die Emissionen noch vergleichsweise einfach nachvollziehen. Gleichzeitig spüren die Start-ups einen großen Aufwind, die mit technischen Lösungen dabei helfen, Ressourcen zu schonen – oder zumindest auszugleichen. Investoren richten eigene Fonds ein, die sich ausschließlich auf sogenannte Green- oder Climatetech-Start-ups fokussieren. Auch die Gründer von Signavio, die ihr Unternehmen kürzlich an SAP verkauft haben, wollen ihre Millionen nun in nachhaltige Geschäftsmodelle investieren.



Klar ist jedoch auch: Squake ist nicht das erste Produkt, dass auf digitalem Weg Klarheit über Emissionen verschafft. Die gemeinnützige Klimaschutzorganisation Atmosfair bietet etwa eine Schnittstelle, über die Unternehmen einfach Nachhaltigkeitsreports über Geschäftsreisen oder Produktionsstätten erstellen können. Start-ups wie Klima Metrix oder Planetly bieten ebenfalls Software an, die den CO2-Fußabdruck von Unternehmen transparenter machen.

Schneller zur Nachhaltigkeitsoption

Der Lufthansa Innovation Hub hat für Flüge innerhalb des Konzerns die Plattform Compensaid entwickelt, über die Passagiere den Ausstoß für ihre Strecken ausgleichen können. Squake umfasst nun alle Verkehrsmittel. Und will sich zudem dadurch von anderen Tools abheben, dass es sich klar an Unternehmen richtet. Denen will es die Lufthansa mithilfe der Software erleichtern, selbst Produkte mit einer Nachhaltigkeitsoption zu entwickeln. „Viele Unternehmen bauen zum ersten Mal ein solches Produkt, wir kennen diese Themen gut“, sagt Projektleiter Kreibich. Über Schnittstellen sollen die relevanten Programme an den Squake-Marktplatz angeschlossen werden. „Die Unternehmen können so gewissermaßen mit zwei Zeilen Code grün werden“, sagt Kreibich.

Mit möglichst wenig Aufwand könnten Reisebüros so neben Economy auch den Tarif „Economy Green“ anbieten. Oder eben wie das Geschäftsreiseportal BizAway eine Kompensationsmöglichkeit bei der Buchung aufzeigen. Dieses Feature sei in nur zwei Wochen entstanden, lobt sich Squake selbst. Zu den ersten Kunden gehören der auf die Logistikbranche spezialisierte Rechenzentrumsbetreiber Logistics.Cloud und die Mobilitätsplattform Rydes – die ebenfalls eine Ausgründung des Lufthansa Innovation Hubs ist.

Gemeinsam haben viele der neu entstehenden Green- oder Climatetech-Start-ups: Das Produkt soll die Welt ein bisschen grüner machen – aber auch Gewinne einspielen. Die Idee bei Squake: Die Kalkulation der CO2-Emissionen bietet das Start-up kostenlos an, um Unternehmen auf sich aufmerksam zu machen. Zusätzlich baut das Team einen Marktplatz auf, auf dem sich aktuell 70 Projekte befinden, die eine Klimakompensation ermöglichen. Die Spanne reicht von der Aufforstung in Tansania bis zu einer niederländischen Organisation, die Biokraftstoffe für Schiffe entwickelt. „Ziel ist es, das Thema schnell groß zu machen und Barrieren für Unternehmen zu minimieren“, sagt Kreibich.

Die Unternehmen können sich selbst entscheiden, wohin die Ausgleichszahlungen fließen sollen – oder sie reichen die Auswahl wiederum an ihre Kunden weiter. Pro Produkt, das mit einer solchen Option verkauft wird, erhält Squake dann aber eine Gebühr von knapp zehn Prozent – die letztendlich also der Endkunde bezahlt.

Für einen Flug von Frankfurt nach Barcelona fallen insgesamt 1,43 Euro an, um den CO2-Ausstoß auszugleichen, 13 Cent davon fließen an das Start-up, rechnet Squake auf der Webseite vor. Bei einem 400-Kilogramm-Paket auf dem Containerschiff von Rotterdam nach Schanghai sind es 5,37 Euro, knapp 50 Cent verdient das Start-up. Daher gilt: Je mehr Endkunden sich also für eine Kompensation entscheiden, desto besser für Squake.

Profit für Umwelt und Bilanz

Denn das Projekt soll nicht den Nachhaltigkeitsbericht der Lufthansa schmücken. Sondern die Bilanz. „Wir schauen auf den Teil des Geschäfts, der wegbricht – oder bald wegbrechen wird“, erläutert Christine Wang, Geschäftsführerin des Lufthansa Innovation Hubs, ihre Mission innerhalb des Luftfahrtkonzerns. Auch wenn aktuell die Zahlen der Geschäftsreisenden wieder steigen, geht Wang davon aus, dass langfristig mehr als 20 Prozent der lukrativen Passagiere nicht zurückkommen werden. Zum einen wegen häufigerer Zoom-Konferenzen, zum anderen auch wegen Nachhaltigkeitsbemühungen von Unternehmen. „Da bleiben Milliarden auf dem Tisch liegen“, sagt Wang, „und das ist eine große Möglichkeit für uns“.

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Um wachsen zu können, könnte Squake bald auch als eigene Firma ausgegründet werden. „Start-ups von Konzernen funktionieren nur, wenn sie richtig aufgestellt sind“, sagt Wang, „es muss eine Anschlussinvestition möglich sein und die Unternehmensstrukturen start-up-gerecht sein, sprich: mit wenig Corporate Governance“. Bei der Mobilitätsplattform Rydes stieg so zum Beispiel im Februar der Autobauer Porsche mit ein. Auch für die Kompensationsplattform glaubt Wang an das Potenzial für eine solche Kooperation: „Wir können nur grün werden, wenn wir als Sektor grün werden.“.

Mehr zum Thema: Bis 2030 sollen Flugzeuge, die in Deutschland starten, 200.000 Tonnen synthetischen Kraftstoff pro Jahr beimischen. Das ist das Ziel der Luftfahrtindustrie. Um es umzusetzen, muss sie aber schnell einige Probleme lösen.

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