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Mehrfachgründer Josef Brunner „Schmerz ist ein zentraler Antrieb“

Nur ein Bruchteil aller Start-ups hat Erfolg Quelle: imago images

Josef Brunner hat zahlreiche Start-ups aufgebaut und verkauft. Dennoch verbindet er mit dieser Zeit nicht nur positive Erinnerungen – und warnt andere vor leichtfertigen Gründungen.

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Finanzielle Unabhängigkeit hat Josef Brunner schon lange erreicht – nicht zuletzt durch den Verkauf des Industrie-Digitalisierers Relayr an die Munich Re. Dort ist Brunner Anfang Oktober als CEO abgetreten und arbeitet jetzt mit dem ehemaligen Klöckner-Chef Gisbert Rühl an einem SPAC-Vehikel, das nachhaltige Geschäftsmodelle an die Börse bringen will. Eine glatte Erfolgsgeschichte? Nicht ganz, findet Brunner, der mit seiner Zeit als Start-up-Unternehmer viele negative Erfahrungen verbindet – und angehende Gründer vor einem naiven Start in das Unternehmerleben warnt.


Sie haben zahlreiche Unternehmen gegründet und verkauft - und dabei auch einiges an Wohlstand angehäuft. Trotzdem veröffentlichen Sie jetzt ein Buch, in dem diese Zeit vor allem als „schmerzhaft“ bezeichnet wird. Wieso das?
Schmerz ist für mich schon immer ein zentraler Antrieb. Das fing für mich damit an, miterleben zu müssen, wie meine Eltern als Unternehmer gescheitert sind. Das war zum einen schwer, den Traum der Eltern implodieren zu sehen. Und zum anderen erlebte ich dadurch eine Häme, die mich getroffen hat – aber am Ende auch angetrieben hat.

Wäre die logische Konsequenz nicht eine Flucht in einen sicheren Job gewesen?
Davon habe ich geträumt, ich wollte eigentlich Forscher für Quantenmechanik werden und habe mich als Professor gesehen. Doch der schnellste Weg zum finanziellen Erfolg war das Unternehmertum.

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    Und welchen Anteil hatte der Schmerz an Ihren Erfolgen?
    Schmerz erzeugt Resilienz. Unternehmertum ist an sich simpel: Man hat eine klare Vision und folgt der, egal wie viele Niederschläge kommen. Irgendwann gibt die Realität auf.

    Josef Brunner hat mehrere Start-Ups gegründet Quelle: PR

    Schmerz ist aber eigentlich ein körperliches Schutzsignal, um uns zu signalisieren, dass wir die aktuelle Situation dringend verlassen sollten.
    Das ist die andere Seite der Medaille. Es besteht die Gefahr, dass man ein totes Pferd zu lange reitet. Es ist unglaublich wichtig, das Ego aus der Gleichung herauszunehmen. Das steht so vielen Unternehmern im Weg. Wenn man zu lange zu viele externe Signale ignoriert, stumpfen die Antennen ab. Selbstreflexion ist da entscheidend.

    Ist Ihnen das gelungen?
    Ich hatte früher ein sehr, sehr großes Ego. Das musste ich mir abtrainieren. Die ersten Erfolge haben dabei geholfen. Und der Austausch mit Mentoren, die wesentlich erfolgreicher als ich sind – und trotzdem unglaublich bodenständig geblieben sind.

    Und jetzt ist alles prima?
    Irgendwann habe ich mir die Frage gestellt: Dir geht’s doch gut, warum bist du noch so rastlos. Die Getriebenheit war nicht gesund für die eigene Seele. Als ich mich dann mehr mit mir auseinandergesetzt habe, wurde mir klar, wer ich bin. Heute bin ich nicht selbstzufrieden, aber mit mir selbst zufrieden. Das habe ich vielleicht vor drei Jahren erreicht, allzu lange ist das leider noch nicht her. Der Schmerz hat mir erlaubt, dahin zu kommen.

    Geht erfolgreiches Gründen überhaupt ohne Schmerz?
    Man muss zäh sein oder zäh werden. Ich habe eine Grundallergie gegen die Überromantisierung des Gründerlebens. Das kann brutal und hart sein. Das Unternehmerleben besteht nicht nur aus Sonnenschein. Es geht vor allem darum, wie man mit den schwierigen Momenten umgeht: Man hat sehr wenig Zeit für mein soziales Umfeld. Man lebt ein Leben, das viele nicht nachvollziehen können. Man muss mit Enttäuschungen von Mitarbeitern, Kollegen oder Investoren umgehen.

    Das ist alles kein Werbeprogramm für das Unternehmerleben.
    Auch wenn die Idee gegen den Mainstream ist: Vielleicht schicken wir zu viele Leute auf die unternehmerische Reise. Man muss sich fragen, ob man bereit ist, alle Herausforderungen auch auf sich zu nehmen. Man muss offen und transparent über diese Reise sprechen. Ich schicke auch niemanden auf das Matterhorn hoch und sage, das ist ein Waldspaziergang. Es kommt auf die richtige Vorbereitung und Ausrüstung an.

    Viele junge Gründer bereiten sich heute bereits an den Hochschulen auf den Start als Unternehmer vor. Hilft das nicht, zahlreiche Herausforderungen, die Sie erlebt haben, auszuschalten?
    Die ganze Branche ist signifikant professioneller geworden. Ich weiß aber nicht, ob das uneingeschränkt gut ist – oder ob man dadurch nicht den Pragmatismus verliert. Es ist auch eine Herausforderung, dass es so viele Leitfäden gibt. Man will etwas nachmachen, was andere erfolgreiche Gründer geschafft haben. Aber ein Elon Musk trifft seine Entscheidungen aus seinem eigenen, ganz persönlichen Kontext heraus. Jeder startet mit einer anderen Grundposition. Mein Rat: Finde erst einmal heraus, wer du selbst bist – wie stressresistent, wie eloquent, wie technisch versiert? Dann beschreite diesen Weg.

    Sie selbst investieren seit vielen Jahren auch selbst. Wie testen Sie die Resilienz der Gründerteams?
    Ehrlich gesagt fehlt mir dafür noch ein eindeutiges Rezept. Mittlerweile höre ich nur noch auf meine Intuition und versuche, den Kopf abzuschalten. Wenn mir jemand zu selbstbewusst daherkommt, dann fühlt es sich nicht richtig an. Ich brauche eine gewisse Ehrlichkeit und Bodenständigkeit. Dann weiß ich, dass wir auch schwierige Phasen gemeinsam gut überstehen können. Immer wenn ich das ignoriert habe und mich aufgrund eines Lebenslaufes oder einer Ausbildung auf jemanden eingelassen habe, obwohl es im Bauch bereits gegrummelt hat, ist es schief gegangen.

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