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„Mischung aus Euphorie und Verwunderung“ Görlitz ein Paradies für Start-ups? „Schwachsinn!“

Altstadt von Görlitz Quelle: imago images

Einer Studie zufolge wird in kaum einer Stadt so umtriebig gegründet wie in Görlitz. Das erstaunt vor allem die kleine Start-up-Szene vor Ort. Denn ein „Silicon Görli“ oder „Görlitz Valley“ ist die Stadt mitnichten.

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Bislang hatte Görlitz vor allem der Filmwelt eine Menge zu verdanken: Streifen wie „Inglourious Basterds“ und „Grand Budapest Hotel“ spielen in den vom Jugendstil geprägten Straßenzügen und der barocken Altstadt, die im Zweiten Weltkrieg verschont blieben und sich hervorragend als historische Kulissen eignen. Neben internationaler Bekanntheit brachte das der Stadt den mittlerweile geschützten Namen „Görliwood“ ein.

Womöglich spielen sie in diesen Tagen in Görlitz schon mit dem Gedanken, sich die Rechte an einem weiteren Namen nach US-amerikanischem Vorbild zu sichern: „Silicon Görli“ oder „Görlitz Valley“. Zumindest geben neue Studienergebnisse und der damit verbundene Medienrummel Anlass dazu.

Denn ausgerechnet hier, am östlichsten Zipfel Deutschlands, sollen die Gründer besonders umtriebig sein. Laut einer Untersuchung des Instituts für Mittelstandsforschung (IfM) haben die Existenzgründungen unter Menschen im erwerbsfähigen Alter (18 bis unter 65 Jahre) im Landkreis Görlitz in den Jahren 2003 bis 2019 in jedem Jahr um durchschnittlich zwei Prozent zugenommen. Nirgendwo in der Republik ist diese jährliche Wachstumsrate höher. Im Bundesschnitt liegt sie in derselben Zeit sogar bei minus 4,3 Prozent. Die Existenzgründungen sind in Deutschland seit vielen Jahren stark rückläufig.

Nicht im Landkreis Görlitz. Hier kommen auf 10.000 Erwerbsfähige 117,6 Existenzgründungen im Jahr 2019. Damit liegt der Landkreis bundesweit auf dem dritten Platz. Zum Vergleich: Im Bundesschnitt liegt dieser Wert bei 47, in der Start-up-Hauptstadt-Berlin bei 100,5

Das dürfte in einem Landkreis wie Görlitz, der mit dem Strukturwandel kämpft, in dem das Durchschnittsalter mit fast 50 Jahren deutlich über dem Durchschnitt liegt, für Freude sorgen. Doch Frank Großmann, der die Geschäftsstelle Görlitz der Industrie- und Handelskammer (IHK) Dresden leitet, gibt sich nüchtern: „Die Berichterstattung über die Studie haben wir hier bei uns in Görlitz mit einer Mischung aus Euphorie und Verwunderung aufgenommen.“ Großmann macht sich keine Illusionen: „Dass unser Landkreis im Bezug auf Start-ups an Berlin oder München vorbeizieht, ist natürlich Schwachsinn.“

Kleinunternehmen sind keine Start-ups

Denn mit dem Gründergeist im Sinne eines Start-up-Unternehmers, der seine anfängliche Idee in ein Produkt oder eine Dienstleistung presst, es mit dem Geld von Investoren zu rasantem Wachstum bringt, hat die Statistik kaum etwas zu tun. Das IfM nimmt Existenzgründungen als Maßstab. Und von Existenzgründern auf Start-ups zu schließen, sei „schlichtweg falsch“, heißt es bei dem Institut.

Als Grundlage der Statistik dienen dem IfM die Gewerbeanmeldungen, die das Statistische Bundesamt und die Statistikämter der Länder ausweisen. Unter Existenzgründungen versteht das IfM: „Betriebsgründungen einer Hauptniederlassung, sogenannte echte Kleingewerbegründungen sowie Übernahmen infolge von Erbfolge, Kauf oder Pacht“. Bei Studien zu Start-ups hingegen werden sämtliche Kleingewerbe in der Regel gar nicht betrachtet: Die Kleinunternehmer machen im Jahr weniger als 50.000 Euro Umsatz, benötigen keinen Eintrag in Handelsregister. Und genau das durchforstet etwa der Branchendienst Startupdetector, der für Auswertungen zu Start-up-Neugründungen eine eigene Definition des „Start-ups“ hat: „ein möglichst skalierbares, meist produktbasiertes Geschäftsmodell mit großem Wachstumspotential und möglicherweise auf die Finanzierung durch Risikokapital (bzw. Eigenkapital von Investoren) ausgerichtet“. Klassische Gründungen wie Handwerk und Einzelhandel schließt Startupdetector ebenso aus wie Holdinggesellschaften, Vermögensverwalter und Grundstücksgesellschaften.

Auf Anfrage der WirtschaftsWoche hat Startupdetector diese Definition in der Stadt Görlitz (nicht dem Landkreis) angelegt und lässt in den Ergebnissen ein völlig anderes Ergebnis erkennen: Demnach gründete sich im Jahr 2020 nur ein Start-up in Görlitz. Und in den ersten neun Monaten 2021? Nicht ein einziges.

Nach Startupdetector-Zahlen, die der WiWo exklusiv vorliegen, kommen in Berlin auf 10.000 Einwohner 1,5 Neugründungen von Start-ups allein in den ersten zehn Monaten 2021. Nur zum Vergleich: In Görlitz lag dieser Wert demnach im gesamten Jahr 2020 bei 0,18.

In den Zahlen von Startupdetector finden sich an der Spitze des Rankings für die ersten neun Monate 2021 ganz andere Zentren der „Gründerkultur“: Auf dem ersten Platz liegt mit neun neugegründeten Start-ups aber nur etwas mehr als 10.000 Einwohnern die kleine Gemeinde Grünwald nahe München in Bayern, die Gründer vor allem aufgrund des niedrigen Gewerbesteuerhebesatzes anlocken dürfte. Dahinter folgen Berlin, Heidelberg, München, Karlsruhe, Jena, Konstanz und Düsseldorf. In all den Städten kam bis Ende September auf 10.000 Einwohner mindestens mehr als ein neu gegründetes Start-up.

IHK-Mann Frank Großmann kennt noch eine Besonderheit der Stadt Görlitz, von der „überregional“ nicht viel bekannt sei. „Wir wissen, dass sich polnische Bürger als Bauhelfer, Schweißer, Trockenbauer, Gastronomen und auch Lkw-Fahrer in Görlitz und Umgebung selbstständig melden, manche weiterhin ihren Lebensmittelpunkt in Polen haben und dort von den niedrigen Lebenshaltungskosten profitieren“, erzählt er. Auch diese Fälle trieben die Zahl der Gewerbeanmeldungen in die Höhe: „Unternehmen, die womöglich gar nicht in Görlitz tätig sind, aber für die Zusammenarbeit mit anderen deutschen Firmen ihren Sitz hier haben“, so Großmann.

Dem IfM ist dieser Umstand durchaus bewusst. Die Studienautoren rechnen Görlitz eine „Sonderstellung“ zu. „Möglicherweise übt das Gründungsgeschehen im angrenzenden Teil Polens einen positiven Einfluss auf die deutsche Region aus“, heißt es in der Studie.

Stadt der kurzen Wege

Trotzdem lohnt der Blick nach Görlitz für viele andere Städte aus der Provinz. Zwar dürfte Berlin nicht mehr viel von der ostsächsischen Stadt lernen. Aber: Vieles läuft hier im Landkreis richtig und legt zumindest das Fundament für eine Zeit mit echtem Gründergeist. Tina Grüner kann das gut beurteilen. Sie wuchs nur zwanzig Kilometer von Görlitz entfernt auf und gründete in Görlitz ihr Start-up Theo turnt, eine App mit „kreativen Bewegungs- und Spielideen“ für Kinder im Alter von eins bis sechs. Die Idee kam ihr jedoch gut 18.000 Kilometer entfernt: Vor drei Jahren lebte Grüner als Au-Pair bei einer Familie in Neuseeland. Die Familie hatte zwei kleine Kinder, „die mehrere Stunden am Tag vor ihren Tablets hingen und entsprechend schwer zu motivieren waren“. Das brachte Grüner auf die Idee für ihr Start-up.



Heute schätzt sie an Görlitz einige Standortvorteile, mit denen sie nicht unbedingt gerechnet hatte. „Die Mieten“, sagt Grüner, „sind hier günstig, die Anzahl an Start-ups und politischen sowie behördlichen Akteuren sehr überschaubar“. Dadurch habe sie „sehr direkte Drähte“ zu der Industrie- und Handelskammer oder zur Gründerakademie der Hochschule. „Die Wege sind kurz und unbürokratisch“. 

Frank Großmann von der örtlichen IHK sieht noch einen anderen Vorteil, der vor allem bei Gründern aus München oder Berlin Neid auslösen dürfte: „Sie müssen als Unternehmer nicht so sehr scheinen, um aus der Masse hervorzustechen“, so Großmann. Und so lässt er letztlich durchaus Freude erkennen, wenn er über den Gründergeist in seiner Stadt spricht: „In den vergangenen Jahren zeigt sich, dass dank der Ansiedlung von Forschungsinstituten wie Fraunhofer und dem Deutschen Luft- und Raumfahrtzentrum sowie der Gründungsberatungen der Hochschule und der IHK einiges voran geht.“ Selbst Coworking-Spaces würden in Görlitz entstehen.

An der Hochschule Zittau/Görlitz ist David Sauer der erste Ansprechpartner für Jungunternehmer und all jene, die es noch werden wollen. Sauer leitet hier die Gründerakademie, berät seine Teilnehmer in der „Vorgründungsphase“ und beschreibt seine Arbeit als „Graswurzelbewegung“: „Wir beraten die Teilnehmer schon ab einer vagen, anfänglichen Idee. Unser Auftrag ist es, Gründungen zu fördern – meist endet die Arbeit, wenn der Business Plan steht“, sagt Sauer. Aktuell berät er hier bis zu 20 Teilnehmer gleichzeitig, über eine Dauer von einem bis zu drei Jahren. „Im Schnitt gründet ein Drittel davon nach der Gründungsbegleitung auch ein Unternehmen“, sagt Sauer. Davon würde jedes vierte am Markt auch bestehen.

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Voraussetzung ist dabei übrigens nicht, aus dem Landkreis Görlitz zu kommen. Hauptsache, der Wohnsitz der Teilnehmer liegt irgendwo in Sachsen. Und so zog es schon so manchen Gründer nach der intensiven Beratung wieder in einen anderen Landkreis. Sauer dürfte das verstehen, war er schließlich selbst schon Gründer: „Ich habe mit vier Kommilitonen im Studium ein Unternehmen mitgegründet, mit den Namen International Consultant. Wir haben die Firma mit einem Startkapital von fünf Mark angemeldet und Anfang 2000 den regionalen Weiterbildungsmarkt ganz schön aufgemischt“, erinnert sich Sauer. Dem Landkreis Görlitz ist er seither treu geblieben.

So wie Gründerin Tina Grüner. Doch um andere Gründer, Kunden oder mögliche Investoren kennenzulernen, muss auch sie mal raus aus Görlitz, auf Events nach Leipzig oder Berlin fahren. „Irgendwann sind die Kontakte in Görlitz nun mal erschöpft“, sagt sie.

Mehr zum Thema: Die neuen Gründer sind Deutschlands letzte Chance. Sie sichern mit avancierten Technologien die Industriejobs von morgen. Jetzt müssen nur noch Politik und Geldgeber mitspielen – sonst droht ihre Abwanderung.

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