Null-Energie-Häuser Fassaden vom Fließband gegen den Sanierungsstau

Das Start-up Ecoworks rüstet schlecht gedämmte Häuser mit maßgefertigten Einzelteilen vom Fließband auf. Quelle: Ecoworks

Ecoworks will schlecht gedämmte Mehrfamilienhäuser klimaneutral machen – und setzt dabei auf Fertigelemente. Wohnungsunternehmen fremdelten zunächst mit dem Ansatz – doch nun hat das Start-up einen Großauftrag erhalten.

  • Teilen per:
  • Teilen per:

Der Auftrag aus Erlangen ist mehr als 40 Millionen Euro schwer – und bestärkt Ecoworks-Chef Emanuel Heisenberg in seiner Mission. „Wir wollen die energetische Sanierung sehr viel schneller und kostengünstiger machen“, sagt der Gründer. Lange wurde er in der Immobilienbranche dafür belächelt.

Doch nun hat das kommunale Wohnungsunternehmen Gewobau Erlangen das Start-up beauftragt, gleich 276 Wohnungen im Süden der Stadt umzubauen. Die schlecht gedämmten Gebäude, die rund 60 Jahre alt sind, sollen klimaneutral werden – und zwar ohne dass Mieter monatelang unter Baulärm und Staub leiden.

Das Konzept des Start-ups ist ungewöhnlich: Statt die Außenwände vor Ort Schritt für Schritt zu dämmen, lässt Ecoworks Fassaden- und Dachelemente fernab der Immobilien vorproduzieren. Die Grundkonstruktion ist aus Holz, als Dämmmaterial kommt Zellulose zum Einsatz. Auch neue Fenster, Türen und Versorgungsleitungen sind in den bis zu drei mal zwölf Meter großen Modulen enthalten. Angeliefert per Lkw, müssen die Elemente dann nur noch an die alte Außenwand geschraubt werden. „Die eigentlichen Bauarbeiten sind nach wenigen Tagen abgeschlossen“, verspricht Heisenberg.

Online-Dossier

Der Leitfaden zur energetischen Sanierung

Die energetische Sanierung alter Häuser und Wohnungen drängt. Dieses WiWo Online-Dossier erklärt Ihnen alles, worauf Eigentümer achten sollten, welche Sanierung wirklich lohnt – und welches Heizsystem zukunftsfest ist.
Andreas Toller
Andreas Toller

Damit die Module passgenau gebaut werden können, misst das Start-up die zu sanierenden Objekte zu Projektbeginn millimetergenau aus. Dazu laufen unter anderem Mitarbeiter mit speziellen Kamerarucksäcken um und durch die Gebäude. Am digitalen Modell gleich mitgeplant werden Fotovoltaikanlagen und Wärmepumpen. Denn als „Null-Energie-Häuser“ sollen die sanierten Gebäude über das Jahr gerechnet den Energiebedarf für Heizung, Warmwasser und Strom selbst decken.

Niederlande sind Vorreiter beim „Energiesprung“

Abgeguckt hat sich der Seriengründer, der zuvor Chef eines Geothermie-Unternehmens war, die Idee in den Niederlanden. Unter dem Schlagwort „Energiesprong“ (Energiesprung) werden dort schon länger Häuser mit vorgefertigten Elementen klimaneutral gemacht. Seit dem vergangenen Jahr fördert auch das deutsche Bundeswirtschaftsministerium das sogenannte serielle Sanieren. Abgeleitet ist der Begriff von der Serienfertigung aus der Industrieproduktion.

Das Interesse der Wohnungswirtschaft wächst. Die Gewobau Erlangen etwa will in den kommenden Jahren bis zu 6000 Wohnungen seriell sanieren. „Jede andere Sanierung würde ein Vielfaches an Zeitaufwand benötigen“, teilt das Unternehmen mit. Der Wohnungsriese Vonovia hat im März ein Pilotprojekt mit drei Gebäuden in Bochum angekündigt. Konkurrent LEG will in Mönchengladbach 110 Wohnungen nach dem Energiesprong-Prinzip sanieren – neben Ecoworks sind damit drei weitere Unternehmen beauftragt.

Die Pilotprojekte zeugen vom steigenden Sanierungsdruck in Deutschland. Will das Land sein großes Ziel erreichen, bis zum Jahr 2045 CO2-neutral zu sein, müssen nach Angaben der Deutschen Energie-Agentur (dena) drei Viertel der 22 Millionen Gebäude besser gedämmt werden. Doch bisher passiert nur wenig. Im vergangenen Jahr hat der Gebäudesektor – ebenso wie der Verkehrssektor – wiederholt Klimavorgaben verfehlt.

Typische Baumängel in Altbauten

Druck auf die Wohnungswirtschaft macht auch die EU-Kommission. Sie will für Gebäude mit besonders mieser Energieeffizienz eine Sanierungspflicht durchsetzen. Konkret sollen bis 2033 die 15 Prozent energetisch schlechtesten Wohngebäude auf einen höheren Standard gebracht worden sein. Kommen Eigentümer der Pflicht nicht nach, dürfen sie die Gebäude möglichweise nicht mehr vermieten.

Neben politischen Vorgaben haben die rekordhohen Energiepreise schnellere Sanierungen auf die Agenda von Wohnungsunternehmen gesetzt. Zunehmend sorgen sie sich, dass die Warmmieten unbezahlbar werden. „Dauerhaft möglichst niedrige Nebenkosten“ seien neben der Klimaneutralität das wichtigste Ziel der Sanierungsmaßnahmen, heißt es bei der Gewobau Erlangen.

Mittel gegen den Handwerkermangel

Mit herkömmlichen Methoden lässt sich der Sanierungsstau nach Überzeugung von Branchenexperten kaum auflösen. Das Hautproblem: „Es fehlen auf dem Bau allerorten Handwerker“, sagt Alexander Fuchs, Niederlassungsleiter NRW der B&O-Gruppe. „Eine teilautomatisierte Vorfertigung kann da Abhilfe schaffen.“ Das auf Sanierungen spezialisierte Bauunternehmen mit Hauptsitz in Bad Aibling nutzt das Prinzip schon länger, um Gebäude aufzustocken. Nun positioniert sich B&O als Energiesprong-Komplettanbieter – erwartet werde eine stark steigende Nachfrage, erzählt Fuchs.

Auch andere etablierte Branchenunternehmen tasten sich in dem Segment vor, darunter etwa die Gelsenkirchener Fischbach Gruppe. Mit Saint-Gobain bewirbt sich neuerdings zudem ein großer Baustoffhersteller um Energiesprong-Projekte. Und der Immobilienkonzern LEG hat Anfang des Jahres mit dem österreichischen Bauunternehmen Rhomberg ein Gemeinschaftsunternehmen für serielle Sanierungen gegründet.

Wenn man Heisenberg auf die neuen Wettbewerber anspricht, klingt er fast belustigt. „Es ist schon interessant, dass nun so viele auf den Zug aufspringen“, sagt er. „Als wir 2018 angefangen haben, haben uns die meisten Leute aus der Baubranche nicht einmal auf einen Kaffee treffen wollen.“ Das serielle Sanieren, so der Vorbehalt, sei noch nicht ausreichend erprobt. Und so richtig ernst nahm man ein Start-up mit einem branchenfremden Gründer nicht – studiert hatte Heisenberg Geschichte und Volkswirtschaft.

Geändert hat sich das Anfang des vergangenen Jahres: Im niedersächsischen Hameln hat das Start-up drei Wohngebäude modernisiert – nach eigenen Angaben war es die erste Energiesprong-Sanierung überhaupt in Deutschland. So reibungslos wie von Heisenberg erhofft ging das Projekt indes nicht über die Bühne: Die Arbeiten dauerten viel länger als geplant, Ecoworks verbrannte einen Millionenbetrag. „Wir sind mit schlechten Beratern und Partnern in das Projekt reingegangen“, sagt Heisenberg. „Das war sehr schmerzhaft.“

Im Nachhinein war das Lehrgeld gut investiert – kann das Start-up doch nun eine Referenz vorweisen. Die Hälfte der 20 größten Wohnungsunternehmen planten inzwischen Projekte mit Ecoworks, berichtet der Gründer. Knapp 100 Mitarbeiter beschäftigt das Unternehmen aktuell, jeden Monat kommt ein Dutzend hinzu. Im Sommer hat Ecoworks 7,7 Millionen Euro von Investoren erhalten. Unter den Geldgebern waren der Markisenhersteller Warema und ein Investmentarm des Immobiliendienstleisters Jones Lang LaSalle (JLL).

Heisenberg will das Geld in eine schnelle Expansion stecken. Das Ziel: Im Jahr 2027 soll das Unternehmen mehr als eine Milliarde Euro Umsatz erwirtschaften – in diesem Jahr werden es rund acht Millionen Euro sein. „Der Markt ist definitiv da“, sagt Heisenberg. Dena-Schätzungen zufolge sind Energiesprong-Sanierungen für eine halbe Million kleinere und mittlere Mehrfamilienhäuser aus den 1950er bis 1970er Jahren prädestiniert. Vor allem Wohnblöcke mit vielen baugleichen Gebäuden bieten sich an.

Roboter sollen die Fertigung übernehmen

Allerdings: Noch ist die serielle Sanierung nur dank staatlicher Zuschüsse wirtschaftlich konkurrenzfähig. Für Eigentümer rechnen sich die Projekte aktuell vor allem dann, wenn im Zuge der Sanierung die Gebäude auch aufgestockt werden. So ist es etwa in Erlangen geplant. „Die Kosten einer herkömmlichen Vollmodernisierung werden deutlich unterschritten“, gibt die Wohnungsbaugesellschaft Gewobau an.

Großes Potenzial für Kostensenkungen schlummert in der Modulherstellung. Denn vieles ist noch Handarbeit. In einer hochautomatisierten Fabrik könnten die Preise für Fassaden- und Dachelemente um die Hälfte sinken, ergab eine Berechnung im Rahmen des europäischen Forschungsprojekts Indu-Zero. Konzipiert wurde dort eine „Smart Factory“, in der Styropor-basierte Module für die Sanierung von jährlich 15.000 Wohnungen gefertigt werden könnten. Noch existiert die zweistöckige Fabrik aber nur im Computer. Für die Umsetzung müssten nun Investoren gefunden werden, teilten die Forscher beim Projektabschluss Mitte Juli mit.

Immobilienverwalter So funktioniert die Mietverwaltung in Eigenregie

Gute Hausverwalter sind schwer zu finden. Eigentümer und Vermieter können alternativ digitale Angebote nutzen. Die aber haben auch ihre Tücken.

Chinesische Billiganbieter So knöpft sich die Bundesregierung jetzt Temu und Co. vor

Chinesische Billig-Plattformen werben aggressiv um Kunden. Oft  verkaufen sie Waren, die hierzulande eigentlich verboten sind und außerdem nicht verzollt werden. Nun wollen Berlin und Brüssel Gegenmaßnahmen ergreifen.

Finanzen in der Beziehung Wenn das Gemeinschaftskonto zur Steuerfalle wird

Ein gemeinsames Konto wirkt wie der ultimative Vertrauensbeweis in einer Paarbeziehung. Doch steuerlich kann dieses Modell sehr riskant sein.

 Weitere Plus-Artikel lesen Sie hier

Eine höhere Schlagzahl der Modulherstellung streben auch die Energiesprong-Generalunternehmen an. So baut B&O gerade eine eigene Produktion in Frankfurt an der Oder auf – bislang hatte das Unternehmen lokale Zimmermannsbetriebe beauftragt. Ecoworks arbeitet aktuell mit drei Holzbaubetrieben zusammen. Doch der Gründer ist skeptisch, ob die Partner mit dem schnellen Wachstum des Start-ups Schritt halten können. Zur Not müsse man eben eigene Fabriken aufbauen, meint Heisenberg: „Wir müssen wegkommen von handwerklich hergestellten Unikaten hin zu einer echten Massenfertigung.“

Lesen Sie auch: 14,7 Millionen Tonnen weniger CO2 – allein dank Digitaltechnik?

© Handelsblatt GmbH – Alle Rechte vorbehalten. Nutzungsrechte erwerben?
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%