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Selbstständigkeit in der Krise „Wir müssen über Entschädigung reden – und nicht über Rettung“

In der Coronakrise bangen unzählige selbstständige Unternehmer um ihre Existenz. Quelle: REUTERS

Catharina Bruns von der Kontist Stiftung ist das Sprachrohr der Selbstständigen. Im Interview erklärt sie, warum die staatlichen Finanzspritzen wenig bringen – und was stattdessen helfen würde.

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In der Coronakrise bangen unzählige selbstständige Unternehmer um ihre Existenz. Bund und Länder stellen Milliarden bereit, um ein Massensterben zu verhindern. Doch die Maßnahmen gehen an den Bedürfnissen der Selbstständigen vorbei, sagt Catharina Bruns. Als Gründerin und Vorsitzende der Berliner Kontist Stiftung vertritt sie die Interessen der Gruppe. Die Krise offenbare ein fehlendes Verständnis des Arbeitsmodells Selbstständigkeit, moniert sie.

WirtschaftsWoche: Frau Bruns, Sie vertreten mit Ihrer Stiftung selbstständige Unternehmer in Deutschland. Wie ist die Stimmung?
Catharina Bruns: Wir waren zunächst sehr zuversichtlich, weil innerhalb kürzester Zeit auch für die vergleichbar kleine Gruppe der Selbstständigen ohne Beschäftigte Geld zur Verfügung gestellt wurde. Mittlerweile ist die Zuversicht der Frustration gewichen.

Warum?
Rhetorik und Praxis passen nicht zusammen. Wenn die Hilfen nicht ankommen, kann von Rettung keine Rede sein. Und wenn eine Behörde verspricht, dass etwas schnell und unbürokratisch abläuft...

Catharina Bruns vertritt als Gründerin und Vorsitzende der Berliner Kontist Stiftung die Interessen der Selbstständigen. Quelle: PR

Wie sieht denn die Praxis aus?
Es ist nicht klar, wer überhaupt ein Recht auf die Hilfen hat und unter welchen Bedingungen Selbstständige die Gelder beantragen dürfen. Und zum Teil dauert die Auszahlung viel zu lange. Manche Unternehmer, die im März ihren Antrag auf Soforthilfe eingereicht haben, warten immer noch.

Für die Soforthilfen wenden Bund und Länder doch Milliarden auf. Und Sie sagen, dass das den Selbstständigen gar nichts bringt?
An sich sind die Zuschüsse kein schlechtes Instrument, doch sie führen an der Lebensrealität vieler Selbstständiger vorbei. Sie dürfen die Soforthilfen nicht nutzen, um ihren Lebensunterhalt zu bestreiten. Ein Zuschuss, der nur die laufenden Betriebskosten deckt, bringt aber vielen nichts. Dass den Politikern dafür das Verständnis fehlt, zeigt, dass wir noch lange nicht in der neuen Arbeitswelt angekommen sind.

Was hätten Sie stattdessen von der Politik erwartet?
Der Staat schwingt sich zum großen Retter auf, der er nicht ist. De facto ist eine staatliche Zwangspause verordnet worden, die für viele in den wirtschaftlichen Bankrott führt. Wir müssen über Entschädigung reden – und nicht über Rettung.

Wie soll die denn aussehen?
Sinnvoll wäre es, wenn die Finanzämter den betroffenen Selbstständigen zumindest die Steuern aus dem vergangenen Jahr zurückzahlen würden. Damit wäre das Chaos in der Antragstellung vermieden worden und die Möglichkeiten für Betrugsfälle minimiert. Für Gründer, die bislang kaum Steuern gezahlt haben, wären Gründer-Zuschüsse weiterhin eine gute Lösung.

Die Umsatzeinbrüche gäbe es aber trotz dieser Steuererstattungen.
Das ist richtig, aber Selbstständige wären zumindest liquide. Viele haben massive Steuervorauszahlungen geleistet. Die Steuerlast eines gesunden Unternehmens ist groß – und eine Rückzahlung würde jetzt helfen.

Im Moment ist für viele Selbstständige eher Hartz IV der letzte Ausweg.
Das zeigt: Der selbstständige Lebensentwurf erhält keine Wertschätzung. Selbstständige wollen nicht in Arbeit vermittelt werden, sondern ihr eigener Chef sein. Während für Arbeitnehmer das Kurzarbeitergeld im Eilverfahren erhöht wurde, werden Selbstständige zum Jobcenter geschickt. Selbstständigkeit darf nicht Arbeit zweiter Klasse sein!

Was hat es für Folgen, wenn Selbstständige nun um Grundsicherung bitten müssen?
Diese Krise ist total demoralisierend. Für Arbeitnehmer mag das Sicherungssystem gut funktionieren, nicht aber für Selbstständige. Für sie ist es umso schwerer, aus der Maschinerie wieder herauszukommen. Selbstständige haben sich etwas aufgebaut, das womöglich so nicht mehr funktionieren wird. Für sie steht ein Lebenskonzept auf dem Spiel.

Was muss die Politik jetzt machen?
Bislang ist die Ausgestaltung der Zuschüsse der reinste Flickenteppich. Wir brauchen stattdessen ein flächendeckendes System – unter Einbeziehung des Unternehmerlohns, damit Selbstständige ihren Lebensunterhalt überbrücken können.

Aber müssten sich Selbstständige in der Krise nicht auch selbst helfen?
Nicht der Staat, sondern nur Unternehmergeist kann uns wirklich retten. Auf keinen Fall dürfen Selbstständige ihren Unternehmergeist verlieren. Sie dürfen sich jetzt nicht an alten Konzepten festkrallen, sondern müssen ihre Kompetenzen und ihr Netzwerk anders einbringen. Das machen ja auch viele: Restaurants zum Beispiel, die ihre Geschäfte kurzerhand in kleine Spezialitätenhändler umbauen.



Wie viele Selbstständige werden die Krise nicht überleben?
Eine Prognose kann man noch nicht stellen. Es ist zu befürchten, dass es gerade für frische Gründer schwierig ist, da sie sich erst ein Netzwerk aufbauen. Klar ist nur: Je unternehmerischer wir der Krise begegnen, desto besser werden wir sie überstehen.

Was bedeutet die jetzige Situation für das Arbeitsmodell Selbstständigkeit?
Zumindest wird die Krise Selbstständige nicht zurück in Arbeitnehmerverhältnisse drängen. Selbstständigkeit ist für die allermeisten ein Lebensentwurf. Diese Krisenzeit kann gar auch eine Gründerzeit werden für diejenigen, die jetzt flexibel reagieren können, Probleme lösen und Bedürfnisse stillen.

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