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Softbank-Einstieg Ritterschlag für Tier, Grund zur Sorge für die Konkurrenz

Softbank steigt bei Tier ein Quelle: imago images

Während manche Anbieter im harten Wettbewerb schon unter die Räder gekommen sind, wächst das Berliner Start-up Tier weiter. Nun gibt es eine kräftige Finanzspritze vom japanischen Investor Softbank. Die Konkurrenz dürfte nervös werden.

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Um die Mikromobilität tobt eine riesige Materialschlacht: Seit der Legalisierung von „Elektrokleinstfahrzeugen“ im Frühjahr 2019 fluten Start-ups Bürgersteige deutscher Großstädte mit elektrischen Tretrollern zum Verleih. Bird, Lime, Voi, Wind, Dott, Spin, Tier: Alle Anbieter sind mit demselben Geschäftsmodell unterwegs – und setzen auf eine möglichst flächendeckende Präsenz. Sie wollen immer dort zur Stelle sein, wo gerade jemand nach einem wendigen Transportmittel für den Großstadtdschungel sucht.

In das erbitterte Rennen um die Vorherrschaft in Europa schaltet sich nun ein berüchtigter Wagniskapitalgeber aus Asien ein. Wie Tier Mobility am Dienstag bekannt gab, konnte das Berliner Start-up den vom japanischen Softbank-Konzern gesteuerten Vision Fund 2 für sich gewinnen. Die Investmentsumme, an der auch Bestandsinvestoren wie der in Abu Dhabi ansässige Vermögensverwalter Mubadala Capital einen Anteil haben, ist beträchtlich: 250 Millionen Dollar fließen in den Scooter-Dienst – die bislang größte Finanzierungsrunde eines europäischen Anbieters in diesem Segment.

„Das Angebot der Investoren rund um Softbank war sehr gut, wir haben uns sehr professionell mit ihnen verstanden. Sie denken fünf bis zehn Jahre in die Zukunft – so wie wir auch“, sagte Tier-Chef Lawrence Leuschner gegenüber der WirtschaftsWoche. Zwar hat Softbank in jüngster Zeit nicht immer ein glückliches Händchen bewiesen: So mussten auf Beteiligungen am Bürovermieter Wework und den Fahrtendienst Uber Milliarden abgeschrieben werden. Doch noch immer eilt dem Investor der Ruf voraus, schnell wachsende Unternehmen zu Marktführern aufbauen zu können. In Deutschland hatte Softbank unter anderem dem Reise-Start-up Getyourguide und der Gebrauchtwagenplattform Auto1 zu neuer Größe verholfen.

Branche auf Konsolidierungs-Kurs

Dass Softbank auf dem umkämpften Scooter-Markt Tier Mobility auswählt, können die Gründer als Ritterschlag verbuchen. Denn der prominente Investor investiert immer dann, wenn sich das Geschäftsmodell bewiesen hat und hohe Margen verspricht.

Gerade letzteres war lange fraglich – die Verleihdienste galten zunächst als wenig ertragreich. Zudem kommt Softbank ungewöhnlich früh an Bord: Leuschner und seine beiden Mitgründer Julian Blessin und Matthias Laug hatten das Start-up erst im August 2018 ins Handelsregister eingetragen.

Offenbar trauen die Geldgeber dem Trio zu, auf Dauer gegen die mächtigen US-Konkurrenten Bird und Lime zu bestehen. Gestärkt durch Kapitalspritzen in dreistelliger Millionenhöhe drängen diese schon länger mit Nachdruck nach Europa. Im Sommer war mit der Ford-Tochter Spin zudem ein weiterer Scooter-Dienst aus Amerika in Deutschland an den Start gegangen – und stellte in Aussicht, auch in Corona-Zeiten einen langen Atem zu haben.

Ein anderes Berliner Start-up ist in dem harten Wettbewerb bereits unter die Räder gekommen: Anfang des Jahres ließ sich Circ von Bird aufkaufen, nachdem es Gründer Lukasz Gadowski nicht gelungen war, neue Investoren zu finden. Seither gelten in der Branche weitere Übernahmen als wahrscheinlich. Auf internationaler Ebene hatte Uber bereits sein Verleihgeschäft mit Rollern aufgegeben – und das Geschäft bei Lime eingebracht. Mit der guten Kapitalausstattung und einer Firmenbewertung, die Richtung einer Milliarde Dollar geht, gilt Tier nun eher als Kandidat für Zukäufe denn als Übernahmeziel.



In Europa dürften vor allem kleinere Anbieter wie Dott aus den Niederlanden nervös werden. Die letzte öffentlich verkündete Finanzierungsrunde in Höhe von 30 Millionen Euro liegt weit über ein Jahr zurück. Und die Expansion stockt: In Deutschland sind die bunten Roller bisher nur in Köln, Bonn, München und Augsburg zu finden – während Tier alleine in der Bundesrepublik in 40 Städten zu finden ist. Unter Druck ist auch Wind Mobility: Nach Pannen bei der Zulassung konnte das ebenfalls in Berlin ansässige Unternehmen erst in diesem Jahr in Deutschland starten.

Sparen mit Wechselakkus

Tier Mobility ist es bisher gelungen, sich mit vergleichbar wenig Kapital rasant in Europa auszubreiten. Insgesamt ist das knapp 1000 Mitarbeiter große Unternehmen aktuell mit 60.000 E-Scootern in Europa unterwegs, verteilt auf 80 Städte. Wichtiger noch: Eigenen Angaben zufolge ist das Start-up seit dem Sommer profitabel und erwartet für das durch die Coronakrise geprägte Jahr nur einen kleinen Jahresverlust. Der Lohn dafür: Das Start-up muss die Expansion nicht mehr alleine aus dem wertvollen Eigenkapital finanzieren. „Tier ist derzeit dabei, sich eine signifikante Kreditlinie für die Erweiterung der Flotte zu sichern“, heißt es dazu vom Unternehmen.

Das Start-up betont seither, besonders „kapitaleffizient“ zu arbeiten. Ein Schlüssel dafür: Der E-Scooter-Verleihdienst ist in den meisten Städten nicht mehr darauf angewiesen, Roller einzusammeln, um sie über Nacht zu laden. Stattdessen verfügen bereits 95 Prozent der aktuellen Fahrzeuge über austauschbare Akkus. „Die Kosten können wir so signifikant reduzieren“, sagte Tier-Chef Leuschner. Sein Mitgründer Julian Blessin erklärte schon vor einem Jahr gegenüber WirtschaftsWoche Gründer: „Wir werden nicht mehr auf große Depots angewiesen sein und müssen nachts keine Transporter durch die Stadt schicken.“ Stattdessen genüge es, die Wechsel-Akkus mit Lastenrädern zu verteilen – was auch der CO2-Bilanz zugute kommt.

Eine ähnliche Entwicklung gibt es beim Konkurrenten Voi, dem Markbeobachter zutrauen, sich neben Tier Mobility als zweiter großer europäischer Player durchzusetzen. Auch das schwedische Unternehmen setzt auf selbstentwickelte Scooter mit Wechselakkus. Lade-, Logistik- und Wartungskosten seien dadurch um mehr als die Hälfte reduziert worden, teilte Voi im Sommer mit. Wie schon Tier finanziert das Start-up den Austausch der Fahrzeuge teilweise dadurch, dass es gebrauchte E-Scooter wieder flott macht und an Privatkunden verkauft.

Kioske werden zur Ladestation

Tier steht nun vor dem nächsten Schritt: Künftig sollen die noch immer personalintensiven Fahrten zum Austausch der Batterien komplett überflüssig werden. Stattdessen sollen die Kunden zu Ladehelfern werden. Bei der jüngsten Generation der Scooter sind die Batterien in einer Halterung an der Lenkerstange angebracht. Nutzer können die Vorrichtung über die App entsperren können, wenn der Strom zu Neige geht. Der leere Akku kann in Kiosken, Bäckereien oder Cafés an einer Ladestation gegen einen vollen Akku ausgetauscht werden. Belohnt werden die Nutzer dafür mit Freifahrten. „Der Händler hat auch etwas davon, wenn der Nutzer den Laden betritt und vielleicht noch etwas einkauft“, erklärt CEO Leuschner.


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Im August hat das Start-up die neuen Roller in der finnischen Großstadt Tampere eingeführt. Bis Ende 2021 sollen Ladestationen in allen weiteren Ländern, in denen Tier vertreten ist, folgen. Anders als der Aufbau von Docking-Stationen am Straßenrand, wie sie Spin vorantreibt, sind die die Investitionskosten überschaubar – die Nutzer können die Scooter zudem weiterhin überall am Straßenrand abstellen. „Wir bauen ein europaweites Ladenetzwerk an“, kündigte Firmenchef Leuschner an. Das System will das Start-up explizit auch für andere Fahrzeugtypen nutzen. „Wir schauen uns neue Fahrzeugkategorien und auch neue Märkte an. Ich kann allerdings nicht sagen, welche das sind“, sagt der Tier-CEO im Gespräch mit der WirtschaftWoche.

Die Gründer haben immer wieder betont, dass sie ihr Unternehmen nicht als reinen E-Scooter-Dienst verstehen. Anfang des Jahres kamen zur Tier-Flotte E-Mopeds hinzu. Die Fahrzeuge stammen aus dem Bestand der ehemaligen Bosch-Tochter Coup. Das neue Ladesystem könnte den Weg bereiten für weitere batteriegetriebene Vehikel. Naheliegend sind E-Bikes, die derzeit die Fantasie von Wagniskapitalgebern beflügeln: So hatte jüngst der Abodienst Dance noch vor dem Start ein zweistelliges Millioneninvestment eingefahren.

Mehr zum Thema: Tier gewinnt einen umstrittenen Investor: Softbank. Tier-CEO Lawrence Leuschner erklärt, was das für sein Unternehmen bedeutet.

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