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Start-up-Monitor Gründer geben deutscher Politik schlechte Noten

Start-up-Gründer fühlen sich von der Politik noch immer nicht verstanden – trotz aller Annäherung.

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Start-up-Gründer bewerten deutsche Politiker einmal im Jahr. Die Noten fallen nicht besonders gut aus. Quelle: Fotolia

Einmal im Jahr stellen die Start-up-Gründer der Republik den Politikern des Landes ein Zeugnis aus. In diesem Jahr ist es fast so niederschmetternd wie im vergangenen: Drei von vier Jungunternehmern sind nach wie vor überzeugt, dass die Politik die speziellen Belange von Start-ups bestenfalls "ausreichend" verstehe. Fast jeder zweite hält das Verständnis gar für "mangelhaft" oder "ungenügend". Das zeigt der gerade erschienene Deutsche Startup Monitor, für den die Lobbyorganisation Bundesverband Deutsche Startups zusammen mit der Hochschule für Wirtschaft und Recht Berlin rund 1000 Start-up-Unternehmer befragt hat. Auch die Förderung des Gründerstandorts durch die Bundesregierung bewerten die Unternehmer darin nur als "ausreichend".

Das ist bemerkenswert, denn ansonsten sind die Gründer recht guter Dinge: Der Studie zufolge sind sie zufriedener als Arbeitnehmer, schätzen ihre Geschäftsaussichten mehrheitlich als günstig ein, wollen in den kommenden zwölf Monaten durchschnittlich acht Stellen pro Firma schaffen und arbeiten mit etablierten Unternehmen heute besser zusammen als noch vor einem Jahr. Die schlechten Noten für die Politik sind aber auch deswegen erstaunlich, weil Vertreter aller Parteien in den vergangenen Jahren die Nähe zu Start-ups gesucht haben – auf Konferenzen, auf Start-up-Rundfahrten und bei Ausflügen ins kalifornische Silicon Valley genauso wie bei Gesprächen in Hinterzimmern.

Mit diesen Typen sollten Sie ein Unternehmen gründen
Gründer und Co-Founder„Nur weil sich zwei Menschen privat, beim Feiern und Kaffee trinken gut verstehen, heißt das noch lange nicht, dass sie auch gut zusammenarbeiten können“, warnt Thorsten Reiter, dessen Buch „Start up – Jetzt! Endlich loslegen und es richtig machen“ gerade im Campus-Verlag erschienen ist. Er rät eher davon ab, im Freundeskreis nach potentiellen Mitgründern zu suchen und empfiehlt statt dessen sich im Kreis derer umzusehen, mit denen man bereits zusammengearbeitet hat. „Jeder Gründer muss den Geschäftspartner finden, der zu ihm passt und der die eigenen Fähigkeiten komplettiert.“ Reiter hat gewisse Charaktere ausgemacht, die in Kernteams vieler erfolgreicher Gründungen vertreten sind... Quelle: dpa
Visionäre, Leader und ProjektmanagerViele Gründer fallen in diese Kategorie, denn sie haben das große Ganze vor Augen und die Fähigkeit, andere für ihre eigenen Ziele zu begeistern. Sie rücken mit dem Holzhammer an, wenn es um die Umsetzung von Strategien geht und haben selten Zeit für Details. Die Teammitglieder bekommen immer wieder Sprüche wie: „Ich weiß nicht wie, aber ich weiß, dass!“ oder „Geht nicht, gibt’s nicht!“ zu hören. Reiter: „Sie sind beinahe idealistisch kompromisslos und profitieren von einem starken Team, das sie herausfordert und ergänzt.“ Quelle: dpa
Techies und EntwicklerWenn sie nicht gerade Minecraft spielen, sind das die Geeks im Team. Sie hacken scheinbar unzusammenhängende Zahlen- und Buchstabenkombinationen in die Matrix hinein und verstehen das Produkt wie niemand sonst. Das Problem ist nur: Sie halten die Vorteile für so eindeutig, dass sie sie nicht vermitteln können. „Ohne sie gäbe es kein Produkt – wären sie ohne Team“, sagt Reiter, „würde es sich nie verkaufen und letztlich als Open-Source-Lösung irgendwo im Netz landen Quelle: dpa
DesignerAuch dieser Charakter lässt sich häufig in Gründungsteams finden. Sie sind die Schöngeister, die Künstler des Teams. Egal ob in digitaler oder analoger Form, ihr Auge für Schönheit macht das Produkt für ein breites Publikum erst interessant und benutzbar. Reiter: „Eine Enge Zusammenarbeit zwischen ihnen und den Entwicklern ist essenziell für jede erfolgreiche Produktinnovation.“ Quelle: dpa
Marketer und Sales-People„Wenn der Preis stimmt, würden sie sogar ihre Großmutter verkaufen“, so das klare Urteil von Thomas Reiter über die Verkaufstalente im Team. Sie bringen das Produkt unter die Leute, verstehen den Markt und die Kundenwünsche. Für den Experten sind diese Kenntnisse in der Gründungsphase unerlässlich – Sales-Personal kann auch später angeheuert werden. Quelle: REUTERS
Buchhalter und Finance-PeopleFrüher oder später braucht jedes Gründungsteam Leute, die sich um die Zahlen kümmern. Auch wenn viele Start-ups diesen Part oft extern auslagern, ist jemand, der die Zahlungsströme versteht laut Reiter im Kernteam „sehr zu empfehlen.“ Manchmal wird die Rolle indirekt von Financiers wie dem Venture Capitalist übernommen, die darüber wachen, dass Einnahmen und Ausgaben ausbalanciert sind oder in der Wachstumsphase zumindest die prognostizierten Ziele erreicht werden. Quelle: dpa Picture-Alliance
Administrator und Office-ManagerDie Leute fürs Detail – sie dürfen in keinem Gründer-Team fehlen. Denn: „Während die Visionäre die langfristige Strategie im Auge haben und Techies sich um die Weiterentwicklung des Produkts kümmern, sollte es jemanden geben, der die täglich anstehenden Aufgaben im Blick hat“, rät Thomas Reiter. Er sagt es ist essentiell, das Tagesgeschäft nicht ständig selbst überwachen zu müssen, sondern sich auf das Wachstum des gesamten Unternehmens konzentrieren zu können. Quelle: AP

Mitten in der Flüchtlingskrise etwa nahm sich Kanzlerin Angela Merkel neulich Zeit, um die Gründerinitiative UnternehmerTUM der TU München und der BMW-Großaktionärin Susanne Klatten zu besuchen. Bundeswirtschaftsminister Sigmar Gabriel hat diese Woche die Berliner Gründerszene zu einem Gespräch mit dem Elektroauto-Pionier Elon Musk geladen; im Grußwort zur Studie schwärmt er von Gründungen als dem "Lebenselixier für unsere Wirtschaft". Und wenn am Sonntag in München Bits and Pretzels eröffnet wird, das größte Gründerfestival der Republik, dann lädt Bayerns Wirtschaftsministerin Ilse Aigner zum Empfang.

Sich mit innovativen, jungen Unternehmen zu umgeben gehört für Politiker in Berlin und anderswo zum guten Ton. Es zahlt aufs Image ein und ist zumeist ein dankbares Unterfangen: Man schüttelt Hände, macht Selfies und lässt sich innovative Erfindungen erklären. Deutschlands Gründer wiederum schätzen es, wenn Politiker auf ihren Konferenzen Reden halten, selbst wenn sie dabei manchmal Mühe haben, ihre eigenen Förderprogramme richtig zu benennen. Die jungen Unternehmen mögen das Lebenselixier der Wirtschaft sein – die Zutaten dafür liefert die Politik bisher noch zu selten.

Die größten Hemmnisse für Unternehmensgründungen

Im Gegenteil: Manchmal versuchen die Entscheider eher, Bitterstoffe in das Elixier zu mischen. Diesen Eindruck jedenfalls dürften die Gründer in den vergangenen Monaten mehrfach gewonnen haben. Jedes zweite Start-up leidet nach eigenen Bekunden unter dem zu Jahresbeginn eingeführten Mindestlohn, vor allem weil dieser die Beschäftigung von Praktikanten erschwert. Denn heute sind nur noch Pflichtpraktika und Praktika mit einer Dauer von bis zu drei Monaten vom Mindestlohn ausgenommen – andernfalls werden 8,50 Euro pro Stunde fällig, die sich viele junge Firmen offenbar noch nicht leisten können. Jede fünfte beschäftigt deswegen nach eigenen Worten inzwischen weniger Praktikanten oder gar keine mehr. Da hilft auch nicht der hinter vorgehaltener Hand geäußerte Vorschlag einer Politikerin, doch einfach die offizielle Stundenzahl in länger laufenden Praktikumsverträgen zu reduzieren, um den Mindestlohn leichter ertragen zu können.

Am meisten beklagen die Gründer aber bürokratische Hemmnisse im Land, außerdem wünschen sie sich eine bessere Förderung und Hilfe bei der Suche nach Risikokapital. Das ist in Deutschland deutlich spärlicher vorhanden als in den USA, wo Geldgeber gemessen am Bruttoinlandsprodukt fast zehnmal so viel Kapital bereitstellen. Und es ist ein Thema, bei dem Gründer und Politiker im Moment häufig aneinandergeraten.

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