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Start-up-Report Nach dem ersten Schock berappeln sich viele Investoren

Auch das brachte das Coronajahr für die deutsche Start-up-Szene: Der Online-Getränke-Lieferdienst Flaschenpost ging für schätzungsweise eine Milliarde Euro an den Traditionskonzern Dr. Oetker. Quelle: dpa

Die deutsche Gründerszene erhält 2020 weniger Geld, zeigt eine aktuelle Studie. Doch das bedeutet keinesfalls, dass Start-ups keine Chance haben. Die Investoren sind im Coronajahr nur anspruchsvoller.

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Am Ende bleibt es bei einem blauen Auge: Die Start-up-Szene kommt im Krisenjahr 2020 besser weg als noch im Frühjahr befürchtet. Das zeigen Zahlen der umfangreichen Datensammlung „The State of European Tech“, die der Risikokapitalgeber Atomico veröffentlicht hat. Knapp 5,4 Milliarden Dollar an Investorengeldern flossen dieses Jahr in deutsche Start-ups, zeigt der Report – das sind gut 20 Prozent weniger als im vergangenen Jahr. „Die meiste Zeit des Jahres sah es nicht so aus, als ob wir auch nur in die Nähe der Werte des Vorjahres kommen“, sagt Atomico-Partner Tom Wehmeier. In einigen anderen Ländern wuchsen die Investitionen dagegen trotz Pandemie sogar – insgesamt könnten europäische Start-ups 41 Milliarden Dollar an Risikokapital einsammeln. Ein neuer Höchststand.

Das zeigt: Die Taschen der Geldgeber sind durchaus gut gefüllt. Erst zu Beginn der Woche gab der Fonds Highland Europe mit Büros in London und Genf bekannt, einen 700 Millionen-Euro-Topf nach eigenen Angaben „in Rekordzeit“ gefüllt zu haben. Auch zahlreiche andere Fonds müssen das Kapital unter die Gründer bringen. Nach dem ersten Schock im Frühjahr berappelten sich daher viele Investoren – und holten einiges an Beteiligungen in der zweiten Jahreshälfte nach: „Nach dem Sommer haben wir ein Wiederaufflammen der Investitionen gesehen“, sagt Wehmeier.

Investoren suchen nach den Krisengewinnern

Doch die Arbeit der Investoren wurde komplizierter: Lange Zeit dominierten Beteiligungen nach Thesen, die großzügig für bestimmte Branchen oder Technologien ausgelegt wurden. In der Pandemie trennt sich nun die Spreu vom Weizen. Einige Gründerteams sind mit ähnlichen Ideen unterwegs – doch in Umsetzung und Ausführung gibt es erhebliche Unterschiede. „Man findet überall Gewinner und überall erfolgreich abgeschlossene Finanzierungsrunden“, sagt Wehmeier.

Neben den offensichtlichen Krisengewinnern, darunter Digitalisierungshelfer für Unternehmen, finden sich Profiteure auch in vermeintlichen Katastrophenbranchen: Im Reisesektor etwa witterten Investoren einige günstige Einstiegschancen. Ebenso im Bereich der alltäglichen Mobilität: So habe der Scooter-Verleiher Tier Mobility mit seiner jüngst abgeschlossenen Finanzierungsrunde über 250 Millionen Dollar bewiesen, dass er „dem Sturm davonfahren kann“, so Wehmeier.

Gerade solche größeren Runden im dreistelligen Millionenbereich waren in Europa lange Zeit eine absolute Seltenheit. Mittlerweile werden viele Geldgeber mutiger: Kapital in dieser Größenordnung braucht es vor allem dann, wenn sich ein Geschäftsmodell in einem oder mehreren Märkten bewiesen hat – und es nun weltweit ausgerollt werden soll. Schon in den vergangenen Jahren hatte der „The State of European Tech“-Report diese Entwicklung hin zu größeren Runden angedeutet.

Kommt der Einbruch mit Verzögerung?

Die großen Finanzierungsrunden legen jedoch auch einen Trugschluss nahe: 55 Prozent der für die Studie befragten Gründer sagten in diesem Jahr, dass es schwerer geworden sei, Kapital zu beschaffen. Gerade bei Series-A- und Series-B-Finanzierungen habe es einen signifikanten Rückgang gegeben, sagt Atomico-Partner Wehmeier mit Blick auf die Zahlen.

In diesem Stadium geht es häufig auch schon um zweistellige Millionensummen – und meist um die Herausforderung, von der Technologieentwicklung volle Kraft auf den Vertrieb umzuschalten. Investoren wollen dafür aber erste Erfolge sehen: „In dieser Phase sammelt man das Kapital häufig auf der Grundlage eines Momentums und von Wachstumszahlen ein“, sagt Wehmeier, „wenn diese Werte in diesem Jahr erodierten, wurde es schwieriger für die jungen Firmen.“

Die Finanzierungsdelle könnte so mit etwas Verzögerung die Start-up-Szene doch noch bremsen. Denn wer heute nicht das Kapital zum Wachsen bekommt, kann im nächsten Jahr auch nicht ins Ausland expandieren. „Einige Unternehmen könnten die Folgen noch einige Jahre lang spüren“, sagt Wehmeier. Eine ernsthafte Beschädigung des europäischen Start-up-Ökosystems sieht der Investor jedoch nicht. Gerade kleinere Start-ups haben häufig mehr Möglichkeiten, ihren aggressiven Wachstumskurs etwas zu bremsen – und so einige Zeit länger mit dem Geld auf dem Konto auszukommen.

Geld aus mehreren Quellen

Die Grundstimmung des Atomico-Reports ist daher positiv. Besonders der Langzeitvergleich zeigt, dass sich die Finanzierungsbedingungen für Start-ups in Europa deutlich verbessern. Institutionelle Investoren – also Pensionsfonds, Versicherer oder Stiftungen – hätten ihre Investments innerhalb der vergangenen fünf Jahre verdreifacht. Diese Geldquellen sprudeln jedoch nicht in jedem Land gleich stark: In Deutschland etwa stießen die Bemühungen der Regierungen, Risikokapital über einen „Zukunftsfonds“ zu bündeln, jüngst auf Widerstand der Versicherungswirtschaft.



Insgesamt haben aber mehr potenzielle Kapitalgeber auch Start-ups als Anlageklasse auf dem Schirm. US-Investoren beispielsweise sind laut Report trotz eingeschränkten Flugverbindungen immer häufiger an deutschen Start-ups beteiligt: Sie mischen in etwa jeder fünften Finanzierungsrunde mit. Neben klassischen Risikokapitalgebern greifen auch Private-Equity-Fonds in der Tech-Branche zu. „Die Grenzen verschwimmen“, sagt Wehmeier. Und nicht zuletzt wagen sich die etablierten Unternehmen in Deutschland heran: Sie investieren entweder direkt oder über Fonds in Start-ups.

Neue Käufer kommen ins Spiel

Vielen Mittelständlern sei durch die Pandemie bewusst geworden, dass „sie digital noch nicht so weit waren wie manche Mitbewerber“, sagt Wehmeier. Wer von heute auf morgen auf Online-Verkauf oder digitale Prozessabwicklung umschalten musste, der spürte schnell, wo es hakte. „Die Unternehmen haben sich von Diskussionen zu Aktionen bewegt“, sagt Wehmeier. Gerade als Käufer könnten sich Unternehmen also stärker in Position bringen: „Der Markt für Start-up-Exits hat sich in Deutschland vergrößert.“


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Am Jahresende gab es zwei größere Start-up-Verkäufe, die Investoren und Gründern Hoffnung auf mehr machten: Zum einen sicherte sich das Familienunternehmen Dr. Oetker den Lieferdienst Flaschenpost – laut Medienberichten für etwa eine Milliarde Euro. Zum anderen kaufte der US-Tech-Konzern IBM vor wenigen Wochen die in Solingen gegründete Software-Firma Instana. In dem Fall spekulieren Beobachter über einen Preis bis zu 500 Millionen Dollar.

Und das soll nicht die letzte große Nachricht aus der europäischen Start-up-Szene gewesen sein. Die Investoren von Atomico, die selbst erst im Februar ihren neuen 760-Millionen-Dollar-Fonds geschlossen haben, sind berufsbedingt optimistisch. „Das Selbstbewusstsein europäischer Gründer, Unternehmen von Weltrang zu bauen, war nie größer“, sagt Wehmeier.

Mehr zum Thema: Warum halten von Konzernen gegründete Start-ups mit der unabhängigen Konkurrenz nicht mit?

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