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Start-up sucht Einhorn-Macher „Blender überleben bei uns keine sechs Monate“

Den Chef per Stellenanzeige suchen? Ein ungewöhnlicher Weg. Quelle: imago images

Das Bonner Software-Unternehmen Scopevisio ist auf Wachstumskurs. Und sucht dafür nun einen neuen Chef – per Stellenanzeige. Gründer Jörg Haas erzählt, warum er diesen ungewöhnlichen Weg wählt, was er Kandidaten zu bieten hat - und was er von ihnen erwartet.

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Jörg Haas ist Mitgründer des Bonner Software-Unternehmens Scopevisio. Das 2007 gegründete Unternehmen entwickelt ERP-Systeme, insbesondere für den Mittelstand. Haas hatte zuvor bereits mit Rüdiger Wilbert das Krankenhausinformationssystem Orbis aufgebaut und 2005 für gut 350 Millionen verkauft. Er ist zudem auch als Immobilienentwickler und Business Angel unterwegs.

WirtschaftsWoche: Herr Haas, Sie suchen den neuen Vorstandschef für Ihr Start-up Scopevisio öffentlich via Stepstone und LinkedIn. Warum nicht der klassische und diskrete Weg über gut vernetzte Personalberater?
Jörg Haas: Wir Gründer haben lange darüber diskutiert, ob dieses Suchverfahren der richtige Weg ist. Aber dann haben wir uns gefragt: Was ist denn der Nachteil, wenn wir den Prozess öffentlich machen? Wir wollen keinen von einer Personalberatung gefärbten Suchprozess. Wir wollen die unmittelbare Beziehung zu den potenziellen Kandidaten – ohne Vorselektion. Wir bilden uns ein, selbst am besten zu wissen, welche – auch außergewöhnliche oder unkonventionelle Menschen – zu uns passen.

Zu Ihrer Firmengruppe gehören neben Scopevisio auch noch andere Software-Unternehmen. Fühlen sich interne Talente nun nicht um ihre Chance auf den Spitzenposten gebracht?
Bei einem öffentlichen CEO-Suchprozess muss man den Mut haben, völlig transparent zu sein. Wenn ein Gründer von der operativen Führung in die aktive Gesellschafterrolle wechselt, dann bedarf dies einer internen Erklärung. In den Gesprächen mit den Leistungsträgern haben wir den Team-Spirit beschworen. Jede Führungskraft sollte an die Stelle gelangen, die seiner Kompetenz entspricht. In intensiven Diskussionen stellte sich heraus, dass einer das Tagesgeschäft verantworten, der andere die Finanzen, der nächste lieber die Technik, keiner aber wollte Vorstandschef werden oder verantwortlich für den Vertrieb. Alle unsere heutigen Führungskräfte sind sehr technisch orientiert. Der neue Vorstandschef wird sich mehr um die Beziehungen nach außen kümmern. Die Rolle habe ich über viele Jahre ausgefüllt – und keiner konnte sich vorstellen, dass ich als Platzhirsch bereits heute den Freiraum für einen Generationswechsel einräume.

Sie sind jetzt 57 geworden und wollen sich aus dem Tagesgeschäft zurückziehen. Hauptaktionär bleiben Sie aber. Können Sie einem neuen Chef überhaupt das Feld überlassen?
Mit der Suche nach einem neuen Vorstandschef in der Scopevisio wird auch ein Generationenwechsel anstehen. Ich bin und bleibe immer Entrepreneur und habe in meinem Unternehmensverbund mehr als 50 Gesellschaften mit über 1000 Mitarbeitern aufgebaut. Meine Aufgaben sind vielfältig und das liebe ich. Der neue Vorstandschef der Scopevisio allerdings muss mit voller Konzentration und hundertprozentigem Einsatz – ohne Ablenkung – unsere Gesellschaft zu einem Börsenstar führen.

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    Jörg Haas hat das Bonner Software-Unternehmen Scopevisio gegründet. Den neuen CEO für die Firma sucht er per Stellenanzeigen.

    Laut Stellenanzeige soll Scopevisio in den nächsten Jahren von 20 Millionen auf 100 Millionen Euro Umsatz wachsen – und das Start-up so auch zu einem Einhorn machen, mit einer Bewertung von einer Milliarde Euro. Was müsste ein Nachfolger dafür mitbringen?
    Wir suchen eine Führungskraft, die flexibel und offen ist, eine hohe Empathie besitzt und die Mitarbeiter motivieren kann. Ohne Fachwissen im Bereich ERP sowie ein technologisches Verständnis für komplexe Cloud-Anwendungen für Geschäftskunden hat ein Kandidat bei uns keine Chance. Es gibt hier keine automatische Autorität durch die Position. Wer fachlich nicht mithalten kann, der fällt bei den Mitarbeitern durch – und geht dann auch bald wieder.

    Und welche Soft-Skills sind nötig, um in dieser Umgebung Erfolg zu haben?
    Sie oder er soll sich als Unternehmer oder Unternehmerin fühlen und eine konsequente Wachstumsorientierung besitzen. Sicherlich gehört auch ein Stück weit der Workaholic dazu. Der Lebenslauf sollte zeigen, dass der Kandidat ehrgeizig ist und etwas erreichen will. Gerne darf er auch vermögend werden wollen, wenn der Erfolg eintritt. Es gibt ein anständiges Gehalt und die Top-Kräfte werden auch am Erfolg beteiligt.

    Durch die Suche könnte nun jemand von außen in eine eingeschworene Start-up-Gemeinschaft hereinkommen. Wie integriert man sich dann als Chef in so eine gewachsene Kultur?
    Jemand Mitte oder Ende Dreißig, der beispielsweise sein eigenes Start-up bereits gegründet und verkauft hat und nun eine neue Herausforderung sucht, sollte sich leicht in unsere Gruppe einfinden. Er muss halt etwas können und kein Dampfplauderer sein. Blender überleben bei uns keine sechs Monate. Wir sind nicht einfach – aber total nett. Wir haben Freude am Leben und sind dabei arbeitswütig. Unsere Kultur ist besonders - aber angenehm. Wir denken, dass selbst jemand aus dem Bereich eines Großkonzerns wie Microsoft oder SAP sich bei uns wohl fühlen kann, wenn er genau diesen Unterschied des hohen Gestaltungsrahmens liebt, den er im Konzern nicht ausleben kann.


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    Ihre Beschreibung klingt nach dem klassischen Gründerprofil – warum sollte sich so jemand bei einem kleinen SAP-Wettbewerber aus Bonn anstellen lassen, statt sein eigenes Ding zu machen?
    Gründerpersönlichkeiten aus dem Bereich der Geschäftskunden-ERP-Applikationen wissen, wie unglaublich schwer und teuer es ist, solche IT-Unternehmen aufzubauen. Die Möglichkeit, in ein erfolgreiches und wachstumsorientiertes Start-up mit rund 200 Mitarbeitern und 20 Millionen Umsatz mit Software-as-a-Service einzusteigen und dem klaren Auftrag, Wachstum zu organisieren, sollte Motivation genug sein. Hinzu kommt die Beteiligung am Erfolg und die Möglichkeit, sich völlig auf die operative Arbeit zu konzentrieren. Wir meinen, für den Richtigen muss das ein Traumjob sein und den Falschen wollen wir nicht.

    Die Anzeige haben Sie vor etwa drei Wochen online gestellt. Was hat die Suche bislang gebracht?
    Die Nachfrage ist bombastisch. Noch sind wir dabei, die Unterlagen zu sichten. Aber wir haben jetzt schon fast 400 Interessenten und über 160 konkrete Bewerbungen, bei denen eine Menge toller Profile dabei sind. Auch aus größeren IT-Konzernen haben sich einige Kandidaten gemeldet. Natürlich weiß man insgesamt bei einem Großteil bereits, dass sie für den Vorstandsposten wahrscheinlich nicht in Frage kommen. Es ist aber durchaus möglich, dass diese Bewerber dann für andere Führungspositionen bei uns in der Gruppe hervorragend geeignet sind.

    Mehr zum Thema: Mit dem Zukunftsfonds will die Regierung mehr Wagniskapital für Start-ups mobilisieren. Doch Investoren und Industrie gehen die Vorhaben nicht weit genug.

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