Start-ups Gründen ist was für Erwachsene

Gründer sind jung und kommen frisch von der Uni? Von wegen: In Deutschland sind sie im Schnitt 40 Jahre alt. Warum das Alter für Gründer durchaus von Vorteil ist.

Gründer: Warum Alter ein Vorteil ist. Quelle: David Klammer für WirtschaftsWoche

Endlich frei! Wirklich etwas bewegen – und eigene Ideen verwirklichen. Jörg Bienert hatte sofort ein gutes Gefühl, als er vor 13 Jahren seinen Vorstandsjob aufgab. Knapp 15 Jahre hatte er als Angestellter gearbeitet, zuletzt beim deutschen Ableger eines schwedischen IT-Dienstleisters. Dann machte er sich selbstständig. „Das Web 2.0 kam gerade auf“, sagt Bienert heute, „es gab so viele neue Möglichkeiten.“

Zunächst arbeitete er als freier Unternehmensberater, im Jahr 2007 gründete er sein erstes Start-up – im Alter von 41. Bereut hat er das nie, im Gegenteil.

Besser spät als nie: Bienert gründete Parstream nicht nach der Uni, sondern mit 41. Quelle: David Klammer für WirtschaftsWoche

Bienert startete in Köln zunächst Empulse, heute ein Dienstleister für Onlineportale, und 2011 schließlich Parstream. Das Unternehmen entwickelte eine Technologie zur schnellen Analyse von Daten, die beispielsweise in Windräder oder andere Anlagen integriert werden kann. Mit dieser Idee sammelte Bienert im Silicon Valley innerhalb von einem Jahr Wagniskapital in Höhe von fast 13 Millionen Euro – für deutsche Start-ups eine mittelgroße Sensation. Die noch größere, zumindest für Bienert persönlich, kam Ende 2015: Da kaufte der US-Techkonzern Cisco das Kölner Start-up.

Für Bienert hat es sich gelohnt, in der Lebensmitte noch einmal mutig zu sein – und den sicheren Angestelltenjob gegen die unsichere Selbstständigkeit zu tauschen.

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Mythos Jugendwahn

Es gibt kaum einen Beruf, der derzeit so viel diskutiert wird wie das Gründen eines Start-ups. Gleichzeitig kursiert eine Reihe von Mythen über die Szene. Eines der gängigsten lautet, dass Gründer meist jung sind, Mark Zuckerberg ist der Prototyp dieses Klischees. Der Facebook-Chef gründete sein Unternehmen mit 19 und brach sein Harvard-Studium ab, um vier Jahre später jüngster Selfmade-Milliardär der Welt zu werden. Fortan galt er als Ikone einer neuen Generation von Gründern, deren Jugendlichkeit scheinbar der entscheidende Wettbewerbsvorteil ist.

Aber wie das nun mal so ist mit Klischees: Es lassen sich zwar Belege dafür finden, warum sie stimmen könnten. Doch die Realität sieht anders aus.

So sieht der deutsche Start-up-Markt aus

Nach Angaben der KfW ist jeder dritte Gründer in Deutschland älter als 45. Zwar umfasst die Statistik nicht nur hippe Start-ups, sondern auch die vermeintlich biedere Old Economy: Anwaltskanzleien, Pflegedienste oder Restaurants. Doch immerhin 15 Prozent der über 45-jährigen Gründer waren laut KfW mit digitalen Geschäftsmodellen aktiv.

Und der Deutsche Startup-Monitor, eine Befragung von etwa 1200 Start-ups, stellt fest: Der Altersdurchschnitt steigt sogar. Im Jahr 2013 waren noch weniger als zehn Prozent der Gründer älter als 45. Im vergangenen Jahr waren es bereits fast 20 Prozent.

Aber warum trauen sich manche Menschen, ihre sichere Festanstellung gegen eine riskante Selbstständigkeit zu tauschen – noch dazu in einem Alter, in dem die Kinder noch nicht aus dem Haus sind, Letzteres aber abbezahlt werden will? Was erleben jene, die den Schritt wagen – und warum gehen Forscher inzwischen davon aus, dass ältere Gründer durchaus Vorteile haben? Ist der Jugendwahn der Gründerszene womöglich eine Illusion?

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