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Start-Ups Copycats sind besser als ihr Ruf

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Innovation durch Imitation

Mister Spex Gründer Dirk Graber Quelle: Frank Beer für WirtschaftsWoche

Nachahmer helfen aber nicht nur dabei, einen Markt zu erschließen, sondern fördern auch völlig neue Ideen zutage. Das zeigt die Geschichte des Karlsruher Startups Gloveler. Dessen Gründer kamen im Frühjahr 2007 auf die Idee, eine Internet-Plattform aufzubauen, auf der Privatpersonen Zimmer und Wohnungen vermieten können. Das sollte für die Kunden günstiger und individueller sein, als Hotelzimmer zu buchen. Die Gründer planten, bei jeder Buchung ein paar Euro mitzuverdienen.

Die Idee war so neu, dass auch Gloveler bei Investoren nicht landen konnte. Die Gründer schickten ihren Businessplan etwa an Stephan Uhrenbacher, einen Serienunternehmer und Investor, der unter anderem auch am Ökomarktplatz Avocado Store beteiligt ist, dem Sieger des WirtschaftsWoche-Gründerwettbewerbs 2010 – doch der lehnte ab. Gloveler-Mitgründer Marco Umfahrer hat eine simple Erklärung: „Wir waren zu früh dran.“

Also setzten sie ihr Projekt mit der Hilfe eines Exist-Gründerstipendiums um, mit dem das Bundeswirtschaftsministerium innovative Ausgründungen aus der Wissenschaft fördert. Dann bauten sie das Unternehmen langsam auf. Inzwischen sind auf Gloveler 35 000 Privatunterkünfte in mehr als 60 Ländern buchbar – und das, obwohl im Jahr 2011 eine ganze Armada von Nachahmern startete.

Der Erfolg des amerikanischen Unternehmens Airbnb, das 2008 in den USA an den Start ging, hatte die Klone geweckt. Wie üblich kupferten die Samwer-Brüder die Idee ab und nannten ihr Portal Wimdu. Stephan Uhrenbacher, der sich für Gloveler nicht hatte erwärmen können, brachte die Plattform 9flats an den Start. Airbnb selbst kam über den Teich, um Europa zu erobern. Plötzlich berichteten die Medien über den Dreikampf, den Investoren mit Millionen von Euro befeuerten – nur von Vorreiter Gloveler war keine Rede.

„Natürlich hat uns das geärgert“, sagt Gründer Umfahrer, „aber geschadet hat es uns nicht.“ Die Nachahmer seien der beste Beleg dafür, dass Markt und Geschäftsmodell funktionieren. Und tatsächlich: Seit 2011 erwirtschaften die Gloveler-Gründer Gewinne. Und sie machen sich das zunutze, was ihnen anfangs Angst eingejagt hat: das wachsende Angebot an Wettbewerbern. Die Gründer haben einen „Unterkunftsmanager“ entwickelt, mit dem Vermieter ihre Präsenz, Belegungskalender und Buchungen auf den verschiedenen Plattformen koordinieren können. Imitation erzeugt Innovation.

Brillen anprobieren im Internet

„Nachahmer werfen Fragen auf, über die man sich als Gründer Gedanken machen muss“, sagt auch Dirk Graber. „Was ist einzigartig an uns? Was kann ich besser machen?“ Graber weiß das, weil er sich diese Fragen selbst stellen musste. Der Jungunternehmer gründete 2007 einen Online-Shop namens Mister Spex. Zuvor hatte er vom britischen Anbieter GlassesDirect gehört, der seit 2004 günstige Brillen im Internet verkauft. Graber war davon überzeugt, dass sich auch hochwertige Markenbrillen übers Netz verkaufen lassen, wenn er sie den Kunden unverbindlich zusenden und bei Missfallen kostenlos zurücknehmen würde.

„Ich musste mir anfangs anhören, dass man fast alles übers Internet verkaufen kann, aber doch keine Brillen“, erzählt Graber. Er bewies, dass es doch funktioniert: Heute zählt das Startup mehr als 300 000 Kunden, Tag für Tag verschickt sein Team 2000 Pakete, im Jahr 2011 lag der Umsatz bei 17 Millionen Euro. Grabers Schlüssel zum Erfolg: „Anfangs sind die Barrieren für Wettbewerber sehr niedrig, deswegen muss man schnell Alleinstellungsmerkmale schaffen.“

Grabers Clou: Im Online-Shop können Nutzer mit Web-Kamera die Brillen in einer eigens entwickelten 3-D-Anprobe testen. Und um sich noch weiter abzuheben, kooperiert Graber seit einigen Monaten mit Optikern, die ihm neue Kunden vermitteln.

Das lässt sich kaum kopieren – deswegen konnte Graber nur müde schmunzeln, als kürzlich ein Plagiat auftauchte: Ein russisches Unternehmen hatte seine Homepage fast identisch nachgebaut. „Wir wussten, der kann uns nichts anhaben“, sagt Graber, „und wer weiß, ob wir vor Gericht überhaupt etwas erreicht hätten.“

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