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Start-ups Wie besessen ist die deutsche Gründerszene?

Er mischt mit seinem E-Flitzer Tesla die verschnarchte Autoindustrie, will Menschen auf den Mars schicken und durch einen Hyperloop sausen lassen. Einerseits. Andererseits aber schiebt Elon Musk auch 24-Stunden-Schicht, mixt Ambien mit Rotwein – und verschreckt mit wirren Tweets seine Anleger. Manche halten ihn deshalb für verrückt, andere hingegen für visionär. Wie viel Besessenheit braucht es, um ein Unternehmen hochzuziehen? Und wie viel davon wäre zu viel? Die WiWo hat sich in der deutschen Start-up-Szene umgehört.

Oliver Samwer  Das, was Elon Musk im Silicon Valley ist, ist Oliver Samwer für die Berliner Gründerszene: Geschätzt wie gefürchtet für seine aggressive Art. Aber auch für seine Disziplin und seinen unbedingten Willen zum Erfolg.  Vor 19 Jahren gründete Oliver Samwer, damals 27, mit seinen beiden Brüdern das Internetauktionshaus Alando – nach dem Vorbild von Ebay. Gut 100 Tage später verkauften sie die Kopie ans Original, für 500 Millionen Dollar. Die drei hatten damit nicht nur das Startkapital für Investitionen in der Start-up-Szene, sondern auch eine Erkenntnis gewonnen: Nachbauen, was sich anderswo bereits bewährt hat – damit lässt sich viel Geld verdienen. Die Start-up-Schmiede Rocket Internet, wo Samwer nun auf dem Chefposten sitzt, macht genau dies.  Im Oktober 2011 schrieb Oliver Samwer an die Mitarbeiter von Rocket Internet eine E-Mail, in der er zum Blitzkrieg aufrief. Auch wenn er sich später für die Wortwahl entschuldigte, verrät sie viel über Samwers Anspruch an sich selbst – und an sein Team. Sie endet mit den Worten: „Ich bin der aggressivste Internettyp auf dem Planeten. Für den Sieg würde ich sterben – und ich erwarte das gleiche von euch!“ Seit Rocket Internet an der Börse ist, gibt sich Samwer diplomatischer. Ein Arbeitstier aber ist er noch immer: Er sehe keine Herausforderungen, wenn er sein Laptop aufklappe, sagte er vor drei Jahren auf der Noah-Konferenz in Berlin. Er sehe Probleme. Und dann mache er sich eben an die Arbeit. „Dieses Burn-out-Ding, das ist nichts für mich.“) Mehr über die Besessenheit in Chef-Etagen lesen Sie im großen Report der WirtschaftsWoche. Quelle: imago
Julia BöschBesessenheit attestiert sich Julia Bösch nicht. Sie spricht lieber von Leidenschaft und Durchsetzungswillen. „Das habe ich definitiv. Und das braucht es, um als Start-up voranzukommen, obwohl es ständig Schwierigkeiten gibt.“  Vor sechs Jahre hat sie gemeinsam mit Anna Alex den digitalen Herrenausstatter Outfittery gegründet. Seit Juni dieses Jahres führt sie ihn allein – und betont: „Gerade als Gründer muss ich mich selbst auch gut kennen. Ich muss im Gleichgewicht sein.“ Das richtige Level an Stress und Schlafmangel müsse jeder für sich selbst definieren. Sie habe das Glück, dass sie eher hart im Nehmen sei. Aber das Wochenende brauche die 34-Jährige, um aufzutanken. „Wenn ich mal ein Wochenende durcharbeite, merke ich, dass ich in der Woche darauf nicht mehr mit mir im Reinen bin.“ Ein Nein nicht zu akzeptieren, ist in ihren Augen, eine der wichtigsten Züge von Gründern. Aber er zeige sich bei ihr, wenn sie zu lange durchgerackert hat, stärker als nötig. „Wenn ich unausgeglichen bin, verhärte ich. Dann sehe ich nicht mehr die Optionen und erkenne auch wichtige Grenzen nicht mehr rechtzeitig.“ Ihre Mitgründerin habe in den stressigen Anfangstagen gerne mal zu ihr gesagt: Geh Rennradfahren! Das beherzigt Bösch noch heute: „Da kann ich runterkommen.“ Und solch ein Ausgleich werde wichtiger, je größer das eigene Unternehmen werde. „Weil man dann auch mehr Verantwortung hat und die richtigen Entscheidungen treffen muss.“ Quelle: imago
Felix Haas  Ein Vorbild ist Elon Musk für Felix Haas in dem Sinne, wie „unkonventionell er denkt und wie konsequent er Dinge voranbringt.“ Diese Besessenheit brauche man, um an den großen Themen zu arbeiten. Aber gewiss kein Vorbild nehme er sich an Musks Gewohnheit, auch mal in der Tesla-Fabrik zu übernachten oder sich mit ein bisschen Rotwein, einem alten Plattenspieler und etwas Ambien bei Laune zu halten. Haas betont: „Ich kann auch sehr besessen nur zehn Stunden am Tag arbeiten.“  Dabei gab es auch Zeiten, in denen Haas die Nächte mit dem Pizzakarton vorm Computer verbrachte. 2006 war das. Haas war damals noch Student. „Jung und unverbraucht“, wie er heute sagt. Er tüftelte an einer Internetplattform, auf der sich Veranstaltungen managen lassen: Amiando. „Mit den Tag- und Nachtschichten haben wir das kompensiert, was uns an Erfahrung fehlte.“ Jetzt hingegen gehe es darum, hart zu arbeiten, ohne sein Leben wegzuschmeißen. Damals, das war lustig, erinnert er sich. Auch was fürs Ego. „Aber neulich habe ich noch zu meiner Frau gesagt: Gut, dass wir uns nicht zehn Jahre früher kennengelernt haben. Dann wären wir heute nämlich nicht zusammen.“  Seit dem Verkauf seines Start-ups an das Karrierenetzwerk Xing für elf Millionen Euro hat sich Haas, 36, an gut 80 Unternehmen beteiligt. Die erfolgreichsten Entrepreneure in seinem Portfolio seien „leichte Psychopathen, aber keine kompletten Psychopathen.“ Die schafften es, wie Apple-Gründer Steve Jobs es einmal ausdrückte, die Realität zu dehnen. Sich also eine Realität vorzustellen oder auch anderen vorzumachen, die es noch nicht gibt – und die sie erst vollziehen können, wenn sie bei Investoren das dafür nötige Geld eingesammelt haben. „Die Realität so beschreiben, dass alle daran glauben.“ Doch so etwas sei eine emotionale Extrembelastung.  „Erfolg ist im ja erst im Nachhinein offensichtlich. Bis dahin aber musst du ins Risiko gehen, an deine Idee glauben, auch wenn auf dem Weg dahin so viele Stolpersteine liegen. Da brauchst du Besessenheit, das unterschätzen viele.“ Quelle: dpa
Verena Pausder„Es braucht den unerschütterlichen Glauben an das, was man vorhat“, sagt Verena Pausder. „Leidenschaft bis zu dem Punkt, an dem man eigentlich platt ist – und trotzdem sagt: Weiter geht’s.“ So sehr die Berliner Unternehmerin das Genie Elon Musk bewundert, auch seine Ausdauer – Musks Führungsstil hält sie nicht für zeitgemäß. Diese Weigerung, etwas vom eigenen Glanz abzugeben. Dieses „einsam an der Spitze rudern, und alle anderen rudern hinterher, werden aber nicht mit ins Boot geholt – das sorgt für Frust beim Team.“  „Man darf als Gründer keinen Plan B haben und das führt zwangsläufig zu einer gewissen Besessenheit, mit der man an Plan A festhält.“ Aber man müsse auch wissen, wann man abbremst, betont Pausder. „Ein Unternehmen zu gründen ist ein Marathon, kein Sprint. Wer nicht auf sich achtet, dem geht irgendwann die Luft aus.“ Wie man es schafft, die richtige Balance zu halten? Pausders Antwort: „Ganz gewiss: Kinder.“ Sie muss es wissen: Die 39-Jährige, die den Spiele-App-Anbieter Fox & Sheep gegründet, dort vor knapp vier Jahren den Spielwarenhersteller Haba als Mehrheitseigner an Bord geholt hat, um nun auch gemeinsam mit ihm Digitalwerkstätten für Kinder in Deutschland aufzubauen, hat selbst zwei Söhne und eine kleine Tochter. Sie selbst verlässt seit zehn Jahren pünktlich um 18 Uhr das Büro. Und ihr Mann Philipp verbringe seit mehreren Jahren einen Nachmittag pro Woche mit den Kindern. Auch er ist Unternehmer: Vor sechs Jahren hat der heute 43-Jährige mit zwei anderen das Start-up Thermondo gegründet, das Heizungen umweltfreundlicher und das dazu gehörende Handwerk digitaler macht. Eltern – und trotzdem erfolgreich ein Unternehmen führen, das ist in der Berliner Gründerszene keine Ausnahme mehr. Und das dürfte auch bei den Investoren Wirkung zeigen: Lea Sophie Cramer ist Anfang dieses Jahres zum zweiten Mal Mutter geworden – und im Juli trotzdem weitere Anteile an ihrem digitalen Sex-Shop Amorelie an Mehrheitseigner ProSiebenSat.1 für 21 Millionen Euro verkauft. Nicht nur die Start-ups in Berlin, auch ihre Gründer werden es: Die Unternehmer, Mitte, Ende 30, sehen, wie wichtig die eigene Ausdauer für den Erfolg ist. Sie haben andere Bedürfnisse als in den frühen Tagen. Und sie lassen sich von den Investoren nicht mehr alles diktieren. „Einfach weitermachen, auch wenn das Augenlid zuckt – das gilt nicht mehr als cool, sondern als Zeichen von mangelnder Reife“, sagt Verena Pausder. Quelle: Kim Keibel
Lars Hinrichs  Eigentlich, sagt der Unternehmer und Investor Lars Hinrichs, gebe es nur zwei Möglichkeiten, wie es mit einem Start-up laufen könne: Alles weg – oder es werde ganz groß. Hinrichs kennt beides: Das Karrierenetzwerk Xing, das er 2003 gegründet hat und inzwischen mehrheitlich zum Medienkonzern Burda gehört, ist bis heute eine Erfolgsgeschichte. Seine spätere Idee zu HackFwd, mit der er die besten Programmierer Europas aus ihren Tagesjobs befreien und zu Gründern machen wollte, indem er ihnen etwa ein Jahr lang ihr bisheriges Gehalt weiter zahlt, erwies sich als Flop. Dennoch lautet sein Plädoyer auch heute noch: „Wir brauchen mehr mutige Gründerinnen und Gründer, die die Welt verändern wollen.“   Um ein Unternehmen zu gründen, brauche es, wie Hinrichs es ausdrückt, „einen Gendefekt, aber einen positiven.“ Viele Leute hätten Ideen. „Aber nur wenige setzen sie um - und ganz wenige haben dann auch noch Erfolg.“ Hinrichs selbst arbeitet sehr viel, empfindet es aber nicht so. „Die Möglichkeit, das zu tun, was ich will – das ist ja auch eine Freiheit.“  Wenn er im Urlaub ist und wichtige Dinge bei seiner Investmentgesellschaft Cinco anstehen, schickt er seine Kinder auch schon mal alleine an den Strand. Er verzichte gerne auf einen Tag Surfen, „um wichtige Dinge zu bewegen.“ Nine to five gebe es bei ihm nicht. Weil er ständig an seine Projekte denke. Arbeit und Erholung sind für ihn keine Gegensätze. „Klar ist das manchmal anstrengend, aber genau darin liegt ja gerade der Reiz.“ Den Gedanken, eines Tages in Rente zu gehen, empfindet Hinrichs, 41, als „Horrorvorstellung.“ Er hoffe, bis ans Ende seines Lebens Unternehmer sein zu können. Quelle: imago
Miriam Wolfarth Quelle: PR
Nikita Fahrenholz Quelle: PR
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