Technik statt Risikokapital Wie Infineon mit Halbleitern um Start-ups wirbt

Begehrte Ware: Halbleiter wie von Infineon sind knapp. Quelle: imago images

Infineon hat, worum sich derzeit die ganze Industrie balgt: Halbleiter. Jetzt nutzt der Konzern den Zugang zu seinen begehrten Produkte sogar, um Gründer an sich zu binden.

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Wenn Jungunternehmer Soumya Sunder Dash von dem Geschäft seiner Firma erzählt, klingt das zu Beginn überhaupt nicht nach Wissenschaft. Sondern nach einem nervigen Alltagsproblem. Dashs Unternehmen Sleepiz kümmert sich ums Schnarchen. Das Geräusch kann ein Vorbote gesundheitlicher Probleme sein. Ursache kann nämlich eine Schlafapnoe sein, kurze Atemaussetzer in der Nacht. Die können zu deutlich gravierenderen Folgen wie Herzproblemen oder Diabetes führen. „Wir fokussieren uns auf eines der größten gesundheitlichen Probleme unserer Zeit“, sagt Dash. Mehr als eine Milliarde Menschen leide unter Schlafapnoe, so der Gründer.

Sein Unternehmen hat ein kleines, kastenartiges Gerät entwickelt, das mittels Radartechnologie während des Schlafs Daten sammelt, zur Atemfrequenz etwa. Algorithmen werten die nächtlichen Daten aus. Um herauszufinden, ob eine Schlafapnoe vorliegt, muss sich ein Patient bislang im Labor überwachen lassen. Ein aufwendiges Prozedere, das darüber hinaus auch noch fehleranfällig ist, da sich der Schlaf zu Hause von den Laborbedingungen unterscheidet. Um die Schlafüberwachung im eigenen Heim auf ein noch besseres Level zu heben, kooperiert das junge Unternehmen jetzt mit dem Halbleiterhersteller Infineon, vom dem Sleepiz eine Hardwarelösung mit Radartechnologie bezieht. Diese kann Daten zu Herzrhythmus, Atemfrequenz oder Bewegungen „im Submillimeterbereich“ erkennen. Die Technologie wollen Sleepiz und Infineon nun in gebräuchlichen Smart-Home-Geräten wie intelligenten Lautsprechern oder Bettlampen verbauen. Und so auch im heimischen Bett die professionelle Schlafüberwachung ermöglichen.

Das 2018 gegründete Sleepiz ist ein Spin-Off der renommierten Eidgenössischen Technischen Hochschule (ETH) Zürich und unterhält Büros in Zürich, Berlin und der indischen Millionenstadt Pune. Und es nicht das einzige Start-up, mit dem Infineon kooperiert. Neben großen Autokonzernen und Industriebetrieben beliefert Infineon auch Jungunternehmen mit seinen Halbleitermaterialien. Der Weg von Infineon ist eigenwillig. Während andere Großunternehmen mit Millionen-Investments bei Start-ups einsteigen oder sie gleich übernehmen, ist Infineon Lieferant. Statt Risikokapital gibt es Halbleiter. „Und wenn die Start-ups wachsen, wachsen wir mit“, erklärt Lamin-Ben Hamdane, bei Infineon verantwortlich für die Kooperationen mit Start-ups, das Kalkül des Dax-Unternehmens. „Bei vielen der großen Konzerne, die wir auch beliefern, finden die Innovationen, mit denen Start-ups aktuell groß werden, erst viel später und verzögert statt.“

Eine Beteiligung sei zwar nicht ausgeschlossen, so Ben-Hamdane. Ziel sei es allerdings, eine langfristige Lieferantenbeziehung aufzubauen. „Meist ziehen wir uns auch nach einer ersten Kennenlernphase raus. Wir sprechen aber regelmäßig mit den Gründerinnen und Gründern sowie der Abteilung und fragen nach, wie die Kooperation läuft und wo wir helfen können“, sagt Ben-Hamdane.

Aktuell laufen bei Infineon weltweit rund mehr als zwanzig Kooperationen: Neben Sleepiz arbeitet Infineon auch mit dem Wiener Start-up Tubolito, das unter anderem einen intelligenten Fahrradschlauch entwickelt: Ein eingebauter Chip soll den Luftdruck messen. Oder mit Tackone aus Singapur, die GPS-Sensoren bauen. Diese können am Halsband des Hundes, dem Schulranzen der Kinder oder auch einfach nur am Auto befestigt werden, um die geliebten Lebewesen oder Gegenstände orten zu können.

Infineon geht mit den Kooperationen kein hohes finanzielles Risiko ein, verschafft sich über die Start-ups Einblick in neue Märkte und Anwendungsfelder von Halbleitern. Andere Großunternehmen wagen sich mit einer Millionen-Beteiligung oder Übernahme jedoch in völlig neue Gefilde, erweitern das Kerngeschäft um gänzlich neue Produkte, von denen sie nicht wissen, ob sie funktionieren oder scheitern. Obwohl es keine Investments von Infineon gibt, ist die Kooperation für die Gründer dennoch aussichtsreich. Denn ohne sie würden die Start-ups nur schwer an die Technologien kommen, mit denen Infineon sie versorgt. Halbleiter sind rar. Die Beratung Roland Berger geht etwa davon aus, dass die Chip-Nachfrage von 2020 bis 2022 um 17 Prozent pro Jahr steigt. Die Produktionskapazität wachse im selben Zeitraum hingegen lediglich um 6 Prozent pro Jahr. Infineon selbst kann „die starke Nachfrage auch jetzt noch nicht vollständig bedienen“, heißt es im jüngsten Jahresbericht des Konzerns.

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Um die richtigen Start-ups als Abnehmer der Halbleiter zu finden, nutzt Infineon gleich mehrere Kanäle: „Wir haben Zugang zu Investment-Datenbanken, arbeiten mit Agenturen zusammen, die Start-ups für uns identifizieren, und wir sind auf Messen unterwegs, sprechen mit Investoren“, sagt Ben-Hamdane. Die Beziehung mit den Start-ups sei deutlich offener und intensiver als mit den anderen Firmen, die Halbleiter von Infineon beziehen. „Die Start-ups teilen viel mehr Informationen, wollen mehr Beratung von uns“, sagt Ben-Hamdane.

Mehr zum Thema: Weitgehend unbemerkt hat sich der Darmstädter Pharma- und Laborkonzern Merck im Halbleitergeschäft an die Weltspitze geschlichen. Während andere über Chipmangel klagen, steigen bei Merck die Umsätze. Spartenchef Kai Beckmann erklärt, was er im Geschäft mit Halbleitermaterialien noch vorhat.

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