Tijen Onaran "Keine Branche ist so spannend wie die Digitalwirtschaft"

Abitur, Studium, Angestelltendasein –  warum nicht ein Unternehmen gründen? Nie war es leichter, seine Ideen zu verwirklichen, sagt Gründerin Tijen Onaran. Man brauche nur Mut. Der ist aber besonders bei Frauen selten.

Gründerin Tijen Onaran. Quelle: Presse

WiWo Online: Frau Onaran, Sie haben in einem Interview mal gesagt, dass es deutlich leichter sei, sich im E-Commerce selbstständig zu machen, weil man nicht so viel Kapital in die Hand nehmen muss und deshalb als Neugründer nicht so viele schlaflose Nächte hat...

Tijen Onaran: Tatsächlich mache ich die Erfahrung, dass der Beginn in der Onlinewelt etwas leichter ist, als in der sonstigen Welt, weil man mit relativ geringem Aufwand starten kann. Wer eine gute Idee für ein Produkt oder eine Dienstleistung hat, die man online vertreiben kann, kann man sich selbst schnell eine Website zusammen basteln. Dafür braucht man auch nicht wahnsinnig viele IT-Kenntnisse und kann auch mit wenig Man- oder Womanpower relativ schnell etwas hochziehen.

Ab einem gewissen Punkt muss man natürlich wachsen und schauen, dass man sich Kapital dazu holt. Aber ich glaube, gerade am Anfang ist sehr einfach, mit geringen Mitteln von Zuhause aus den Laptop aufzumachen und zu sagen: „Ich hab ne coole Idee und ich stell das jetzt einfach mal ins Netz und probiere es aus.“ Fehler zu machen und dann aufzustehen und weiterzumachen ist in der digitalen Welt viel einfacher als woanders.

Zur Person

Ihr Tipp für angehende Gründer lautet also: Einfach ausprobieren?

Ja, einfach ausprobieren, sich gut vernetzen, gute Supporter ins Boot holen, die einen wirklich von Anfang an unterstützen und vor allem auch sichtbar sein und werden.

Das ist so ein Frauenproblem mit der Sichtbarkeit...

Ich erlebe es immer wieder auf Panels, dass wir da nur Männer haben. Ich finde, das sollte man nicht nur immer auf die Gesellschaft schieben und sagen: „Die Gesellschaft an sich muss was ändern“, sondern wir Frauen müssen da auch mal mit uns hart ins Gericht gehen und gucken, ob das nicht vielleicht auch ein bisschen daran liegt, dass wir uns manchmal einfach nicht trauen. Da einfach ein bisschen entspannter mit sich selbst zu sein und über den eigenen Schatten zu springen, hilft.

"Mädels, traut euch"

Haben Sie deshalb Initiativen und Netzwerke wie Women in E-Commerce und Women in Digital gegründet – weil Frauen auch 2016 noch zu wenig an sich glauben?

Ich hätte auch ein Netzwerk gründen können, das für Männer und für Frauen ist. Ich habe es auf Frauen bezogen, weil ich sehr von Frauen geprägt bin. Ich hatte immer tolle Chefinnen, die mich sehr gefördert und auch gefordert haben. Und ich glaube, dass Frauen offener miteinander umgehen, als bei gemischten Netzwerken. Trotzdem glaube ich, dass man auf jeden Fall mit Männern koalieren muss. Deshalb gucken wir natürlich, dass wir auf den Panels auch männliche Stimmen haben. Aber was die Teilnehmer angeht, versuche ich schon, das recht geschlossen zu halten, um den Frauen eine Stimme zu geben.

Wie stehen Sie denn zu den anderen Internetverbänden, die ja in der Regel eher die old-boys-Netzwerke repräsentieren, also Internet Economy Foundation & Co.?

Bei der Internet Economy Foundation habe ich mich schon sehr stark gewundert. Das sind wirklich Experten aus der Digitalbranche und ich finde, es gibt keine Branche, die so spannend und so offen ist, wie die Digitalwirtschaft. Da so ein geschlossenes Netzwerk ins Leben zu rufen und damit auch noch rauszugehen - wohlwissend, dass es aktuell die Debatte um mehr Sichtbarkeit von Frauen gibt - finde ich ungünstig. Es ist strategisch unklug, weil sie eine komplette Lebenswirklichkeit ausklammern. 

Und das Argument, dass es keine Frauen in der Digitalbranche gibt, zieht bei mir überhaupt nicht. Es gibt ganz viele tolle Frauen und zwar unabhängig davon, ob sie in Start-ups sind, in der Medienbranche oder ob sie in Konzernen arbeiten und eben gerade das Thema Digitalisierung für ihren Bereich extrem vorantreiben.

Gründerinnen sind aber trotzdem noch vergleichsweise selten. Woran liegt das Ihrer Meinung nach?

Ich glaube, dass wir da wirklich ganz früh ansetzen müssen. Es ist nirgendwo im Bildungssystem verankert, dass Gründen auch eine Berufsoption ist. Wenn ich an meine Schulzeit denke, war es erstrebenswert, erstmal das Abi zu machen und dann irgendwas zu studieren, damit man abgesichert ist. Aber das Thema Selbstständigkeit, ein eigenes Unternehmen zu etablieren, war für mich damals keine Option. Das ist mittlerweile anders, aber es muss viel intensiver noch vorangetrieben werden.

So ist es weltweit um den Gründergeist bestellt

Den Gründergeist vorantreiben – wie soll das gehen?

Man könnte über Mentoring-Programme an Schulen mit Gründern und Gründerinnen den Schülern vermitteln, dass es sich lohnt, diesen natürlich auch harten Weg, zu gehen. Man kann ja trotzdem ein Studium absolvieren, aber man muss danach nicht zwangsläufig in ein Angestelltenverhältnis gehen.

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