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Unternehmer in der Literatur Warum der große Gatsby ein schlechtes Vorbild ist

Leonardo DiCaprio spielte die Hauptfigur in der Verfilmung von F. Scott Fitzgeralds Roman „Der große Gatsby“ und begeisterte ein Millionenpublikum. Als Vorbild für Gründer taugt er trotzdem nicht. Quelle: dpa

Schillernde Unternehmer aus der amerikanischen Literatur prägen bis heute unsere Karrierevorstellung. Dabei stecken in den Büchern viel bessere Vorbilder.

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Mit Prunk und exzessiven Partys zieht Jay Gatsby die Menschen in den Bann: Mehr als eine Million Deutsche sahen allein die jüngste Verfilmung von F. Scott Fitzgeralds Roman „Der große Gatsby“ mit Leonardo DiCaprio in der Rolle des mysteriösen Millionärs, der aus einfachen Verhältnissen – auch mittels illegaler Geschäfte – zum gefeierten Unternehmer aufsteigt. Eventagenturen versprechen spektakuläre Nächte mit Gatsby-Partys im Stil der schillernden Zwanzigerjahre, Hotels stellen ihren Silvesterball unter das Motto „Der legendäre große Gatsby“. Und selbst in der Wissenschaft taucht der Charakter aus dem Roman von 1925 auf: So steht die sogenannte Great-Gatsby-Kurve für den Zusammenhang zwischen Ungleichheit und sozialer Mobilität. 

„Heute gilt die Romanfigur vielen als Symbol für den Traum von Glamour und gesellschaftlichem Aufstieg“, sagt Özden Gülcicek, wissenschaftliche Mitarbeiterin und Doktorandin am Institut für Anglistik und Amerikanistik an der Universität Düsseldorf. „Dabei ist die Geschichte sehr kritisch zu sehen, Gatsby geht letztlich an inneren Konflikten zugrunde.“

Ähnliche Plots zum amerikanischen Traum, vom Tellerwäscher zum Millionär, gibt es zu Hunderten in der englischsprachigen Literatur des 19. und 20. Jahrhunderts. Es sind prägende Narrative auch für die heutige Sicht auf Karriere, so Gülcicek, aber nicht unbedingt die richtigen. „Wir müssen diese Vorbilder, die soziale Mobilität nach oben als einzigen Beweis für Erfolg verkörpern, stärker hinterfragen.“

Eher als Gatsby sollten sich Gülciceks Ansicht nach deutsche Gründer Silas Lapham zum Vorbild nehmen. Die Figur aus William Dean Howells Werk „The Rise of Silas Lapham“ aus dem Jahr 1885 gründet eine Firma für Malerfarbe. Zunächst auf Höhenflug als erfolgreicher Geschäftsmann, scheitert er am Ende an einem falschen Investment und steht vor den Trümmern seines Unternehmens. Anders als Gatsby beschäftigt sich Lapham im Laufe der Geschichte intensiv mit der Moral hinter seinem wirtschaftlichen Handeln – und findet dadurch Zufriedenheit. Im englischen Original beschreibt er sein Dilemma zum Beispiel so: „To make a long story short, I began to buy and sell on a margin – just what I told you I never would do.“ Er räumt hier vor seiner Ehefrau, die ihm im Roman immer wieder den Spiegel vorhält, ein, Dinge zu tun, von denen er versprochen hatte, sie nicht zu tun.

Arm, aber glücklich

Lapham durchlebt die typischen Konflikte eines Unternehmers. In einer Szene beschreibt er seine Überforderung mit den Höhen und Tiefen des Geschäftsalltags: „Watching the market (…), and seeing it go up, and seeing it go down, was too much for me.“ Das Auf und Ab der Märkte ist ihm zu viel.

Als er das Angebot bekommt, seine inzwischen angeschlagene Firma an Investoren aus England zu verkaufen, lehnt er ab – obwohl er sich dadurch aus der finanziellen Misere befreien könnte. Nur noch eine Farbenmarke, benannt nach seiner Ehefrau, wirft am Ende ein schmales Einkommen für die Familie ab, die wieder in einfache Verhältnisse zurückkehren muss.

Im Greyhound-Bus in die Freiheit

Lapham erlebt trotzdem ein Happy End: Er erlangt sein gutes Gewissen zurück, weil er die potenziellen Käufer nicht mit einem faulen Deal übers Ohr gehauen hat. Lapham habe am Ende nicht nur Profit aus dem Firmenverkauf im Visier, sondern besinne sich auf seine Werte als Familienmensch, sagt Gülcicek. Reichtum werde für ihn letztlich zur Nebensache – oder wie es im Originaltext heißt: „He saw himself that it was useless to try to go on in the old way, and he preferred to go back and begin the world anew where he had first begun it.“

Heute werde die Gründerfigur Lapham häufig als Vorbild im Kontext der Unternehmensethik diskutiert, sagt die Literaturwissenschaftlerin. Denn die Figur wachse an ihren Fehlentscheidungen und entwickle nach und nach ein Gefühl für unternehmerische Fairness.

Die Zweifel, dass allein das große Geld glücklich macht, bekommen laut Gülcicek immer mehr Figuren aus der amerikanischen Literatur. Barry Cohen zum Beispiel, geschaffen vom amerikanischen Schriftsteller Gary Shteyngart. Der schwerreiche New Yorker Hedgefonds-Manager und Sohn eines jüdischen Poolreinigers verzweifelt in dem 2018 veröffentlichten Roman „Willkommen in Lake Success“ an seinem Streben nach Reichtum und Perfektion. Er flieht im Greyhound-Bus aus seinem Leben im Luxus.

Cohen hinterfragt letztlich sämtliche Lebensentscheidungen und seine Träume von Wohlstand, die ihn an den Rand der Verzweiflung gebracht haben – oder wie es im englischsprachigen Text heißt: „Barry knew he was good at making and losing money and getting paid for both handsomely. Yet this knowledge made him a little sad.“ Er stellt fest, worauf es ihm eigentlich ankommt: darauf nämlich, von seinem Umfeld respektiert und geliebt zu werden. Doch welcher Weg führt dorthin? Der Originaltext wirft die Frage auf: „Was running a fund the only way to get that approbation? Should he cash out and start a charity?“

Ob Jay Gatsby, Fantasiefigur eines Hochstaplers, Silas Lapham als ehrenhafter Geschäftsmann oder Barry Cohen als abgestürzter Kapitalmarkt-Held: Die Erzählungen regen nach Ansicht der Literaturwissenschaftlerin Gülcicek vor allem dazu an, Erfolg nicht nur am Einkommen zu messen. „Es sind im Grunde tragische Persönlichkeiten, die sich hochkämpfen und dann einsam sind“, sagt Gülcicek. „Glückliche Lebensmodelle sind in der Literatur eher die, die etwas für die Gemeinschaft schaffen und auch andere fördern.“ Und das ist in einer Zeit, in der viel über den Purpose und die Verantwortung von Unternehmen für die Eindämmung des Klimawandels und den gesellschaftlichen Zusammenhalt diskutiert wird, vielleicht auch für die deutsche Gründerszene kein allzu schlechtes Vorbild.

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