Unternehmerinnen im Interview: „Die Investorenszene ist sehr testosterongetrieben“
Miriam Wohlfarth (links) und Nina Pütz haben zusammen das Buch „Die Macherinnen“ geschrieben.
Foto: WirtschaftsWocheDer Titel ist schon eine Selbstbeschreibung: „Die Macherinnen“ heißt das Buch, das Miriam Wohlfarth und Nina Pütz geschrieben haben. Es erscheint voraussichtlich im April im Campus-Verlag. Wohlfarth hatte 2009 den Zahlungsdienstleister Ratepay mitgegründet, ein Jahr später stieg der Versandhändler Otto bei der Firma ein. Heute beschäftigt das Unternehmen mehr als 300 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, der Frauenanteil in der Geschäftsleitung liegt bei 60 Prozent. Seit anderthalb Jahren ist Nina Pütz CEO bei Ratepay, Wohlfarth gründete ein neues Fintech: Banxware. In ihrem Buch wollen die beiden zeigen, wie Unternehmertum funktioniert und wie sich auch mehr Frauen dafür begeistern können.
Frau Wohlfarth, Frau Pütz, was wollten Sie eigentlich werden, als Sie klein waren?
Pütz: Ich wollte als Kind immer Ärztin werden. Mein Vater ist Arzt, mein Opa hat die Kassenärztliche Vereinigung mitgegründet.
Beste Voraussetzungen also. Warum ist daraus nichts geworden?
Pütz: Als ich in der Pubertät war, kam mein Vater regelmäßig völlig erschöpft nach Hause, lud seinen Frust ab und sagte zu mir: „Kind, wenn du später mal Geld verdienen willst, dann darfst du nicht Ärztin werden.“ Ab da war der Pfad nicht mehr genau vorgezeichnet, und ich wusste nicht ganz, was ich machen wollte und studierte nach dem Abitur ganz plump BWL. Der Vater meines damaligen Freundes riet mir, ich soll das machen, was mir Spaß macht. Das war der Modehandel. Von meinen Kommilitonen an der Business School wurde ich regelrecht ausgelacht, wie ich denn so einen schlecht bezahlten Job annehmen könnte.
Waren Sie auch so verzweifelt, Frau Wohlfarth?
Wohlfarth: Ja, tatsächlich. Als kleines Kind wollte ich mal Sängerin werden, konnte alle Schlager auswendig. Als Jugendliche dann Botschafterin. Dafür war mein Abitur mit einem Durchschnitt von 2,6 nur zu schlecht. Ich habe dann angefangen zu studieren. Erst Politik, dann Geschichte, schließlich Volkswirtschaftslehre. Das Studium habe ich aber geschmissen und bin in die Reisebranche gegangen. Erst nach einigen Jahren im Vertrieb habe ich mich selbstständig gemacht und gefunden, was mir Spaß macht.
Braucht man also keinen Karriereplan?
Pütz: Ich habe mir nach dem Abitur ein halbes Jahr Pause gegönnt und dann in sieben Semestern BWL studiert. Als ich in den Job startete, war ich mit 23 Jahren jung, für manche Kollegen sogar zu jung. Mir wurde wenig zugetraut: Wenn ich auf Kongressen Vorträge halten musste, dann habe ich mir einen Hosenanzug angezogen, eine spießige Bluse und ein Halstuch. Statt Kontaktlinsen setzte ich eine Brille auf, um kompetenter zu wirken. Man sollte sich nie in irgendwelche Rollen pressen lassen.
Wohlfarth: Meine Tochter macht dieses Jahr Abitur. Ich habe ihr geraten, sie soll sich jetzt so lange eine Auszeit nehmen, bis sie weiß, worauf sie Lust hat. Uns wurde ja noch eingetrichtert, dass Lücken im Lebenslauf gefährlich sind. Das funktioniert so aber nicht für jeden. Wir müssen Karrieren viel individueller denken.
Frau Wohlfarth, wird Ihre Tochter ein Start-up gründen?
Wohlfarth: Wahrscheinlich weder meine Tochter, noch jemand aus ihrem Freundeskreis. Unsere Schulen leisten da rein gar nichts. Dabei sind Gründerinnen und Gründer unsere Zukunft, wir müssen uns den Mittelstand von morgen bauen. Wir liegen in Deutschland beim Gründungsgeschehen auf den hintersten Plätzen. Das finde ich katastrophal.
Von den 40 Dax-Konzernen, also den größten börsennotierten Unternehmen der Republik, hat nur Merck eine Vorstandsvorsitzende. Welche Rolle spielt so ein Umstand für die Karriereüberlegungen junger Frauen?
Pütz: Es ist grauenvoll. Wir brauchen dringend Vorbilder. Als ich mit der Schule fertig war, gab es keine sichtbaren, weiblichen Vorbilder. Erst viele Jahre später im Beruf durfte ich zum Beispiel eine Frau wie Hillary Clinton kennenlernen. Seitdem bin ich ein Fan von ihr. Mit Angela Merkel hatten wir dann auch so ein Vorbild in Deutschland. Doch in der Wirtschaft sucht man sie meist vergebens.
Sind Sie Vorbilder?
Pütz: Ich denke schon, dass wir etwas bewegen können. Vor ein paar Monaten sagte mir eine Bewerberin, sie hätte sich ganz gezielt bei Ratepay gemeldet, weil wir ein frauengeführtes Unternehmen sind. Sie hat schon bei den anderen großen Fintechs gearbeitet und sagte uns: „Ich halte das in den Boys Clubs nicht mehr aus.“
Wohlfarth: Vorbilder müssen nahbar sein. Ich finde Elon Musk ja auch klasse, aber diese Unternehmer sind so weit weg von unserem Alltag.
Bei den Dax-Konzernen greift seit August 2021 die Frauenquote für den Vorstand, womöglich sehen wir in den nächsten Jahren hier also mehr Vorbilder. Wie stehen Sie zu der Quote?
Wohlfarth: Früher habe ich eine Frauenquote verurteilt, aber ich bin inzwischen überzeugt, dass es in vielen Industrien nicht ohne sie geht.
Frau Pütz, haben Sie die Quote früher auch verteufelt?
Pütz: Vor einigen Jahren war ich eine absolute Gegnerin der Quote. Ich wollte nicht dank eines Gesetzes in eine Position gelangen, sondern weil ich gut, womöglich sogar besser bin als andere. Heute bin ich überzeugt: Es geht nicht anders. Zumindest zeitweise, bis sich ein Gleichgewicht in der Wirtschaft eingestellt hat. Wer hätte gedacht, dass ich mal für die Frauenquote bin?
Wohlfarth: Also ich früher nicht (lacht). Aber es wird ohne Zwang nicht funktionieren, ich finde das wahnsinnig schade.
Das Pendant zu den Dax-Konzernen sind in der Gründerszene die Unicorns, die wertvollsten Start-ups des Landes. Kaum eines wurde von einer Frau mitgegründet, hinter ihnen stecken zu Beginn Männer und eine Idee. Woran liegt das?
Wohlfahrt: Na, an den Boys Clubs der Elite-Unis! Viele der Gründer kennen sich von der Uni oder der gemeinsamen Zeit bei Beratungen wie McKinsey.
Pütz: Und an diesen Unis studieren tatsächlich viel weniger Frauen. Ich komme ja auch von der HHL Leipzig Graduate School of Management. Zu meiner Zeit liefen 80 Prozent junge Männer herum, die sich schon dort zusammen taten. Und dann kommt dabei halt ein rein männliches Gründerteam heraus. Über Ausbildung, Schule und Vorbilder könnten wir viel mehr Anreize setzen.
Ab wann müssen wir diese Anreize denn setzen?
Pütz: Das kann gar nicht früh genug beginnen. Vielen Kindern wird heute noch eingetrichtert, dass Männer Feuerwehrmann oder Polizist werden und Frauen Krankenschwester. Das ist nicht mehr zeitgemäß. In der Schule meines Sohnes gibt es schon ab der zweiten Klasse Begabtenförderung in Mathe und in Deutsch. In Mathematik sind dort fast nur Jungs, in Deutsch zum Großteil Mädchen. Schon hier müsste den Kindern verdeutlicht werden, dass MINT-Fächer auch etwas für Mädchen und Sprachen etwas für Jungs sind.
Wohlfarth: Wenn das nicht passiert, erzeugt das schon im Kindesalter Vorurteile. Genauso verhält es sich mit Spielzeug, das sich entweder an Jungs oder an Mädchen richtet. Selbst bei Videospielen ist es ja so: Taktische und kompetitive Spiele richten sich an Jungs. Und seien es Ballerspiele.
Mit einer höheren Gründerinnenquote ist es noch nicht getan. Auch bei den Risikokapitalgebern sind Frauen in der Unterzahl, ihre Investments laufen sogar schlechter, zeigte zuletzt eine Studie der Universität Harvard. Und vor allem: Gründerinnen erhalten deutlich seltener Risikokapital als Gründer.
Wohlfarth: Die Investorenszene ist sehr testosterongetrieben. Und deshalb ist es gut, dass es immer mehr Investorinnen gibt. Ich muss aber auch sagen, dass bei einigen Gründerinnen noch manches schief läuft, etwa beim Pitchen. Frauen neigen eher dazu, ihr Unternehmen und ihre Pläne kleiner darzustellen. Allerdings lassen sich Investoren damit nicht so gut überzeugen. Man sollte größer denken. Mir hat die Arbeit im Vertrieb geholfen, da habe ich gelernt, vor Kunden zu sprechen und natürlich auch blühende Landschaften zu malen.
Pütz: Aber da hilft es, dass sich einige Investorinnen entschlossen haben, Fonds aufzulegen, die nur in Teams mit Gründerinnen investieren. Damit die brillanten, aber zu realistisch verkauften Ideen auch Geld erhalten.
Das kommt ja fast der Quote gleich. Die Fonds investieren nur, wenn eine Frau an Bord ist. Sind Sie davon schon überzeugt - oder braucht es auch dafür noch ein paar Jahre?
Pütz: Naja, wirtschaftlich dürfte das Konzept zum Erfolg führen. Zahlreiche Studien der großen Beratungen zeigen, dass diverse Teams die beste Performance haben. Und sie sorgen hoffentlich für Gerechtigkeit: Heute haben Frauen 18 Prozent schlechtere Chancen, Risikokapital zu erhalten.
Wohlfarth: Viele Risikokapitalgeber wollen um jeden Preis ein Unicorn bauen. Das ist in vielen Fällen allerdings Quatsch. Manche Unternehmen bedienen einen so spitzen Markt, die können kaum zum Unicorn, aber sehr wohl zum nachhaltig erfolgreichen Unternehmen werden. Hier wäre tatsächlich mal etwas mehr Realismus angebracht.
Pütz: Und diese Unternehmen verbrennen dann auch nicht die Millionen ihrer Investorinnen und Investoren, sondern können tatsächlich den Mittelstand von morgen bilden.
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