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Update für die Immobilienrente Warum Start-ups jetzt im großen Stil Häuser von Senioren kaufen

Quelle: Getty Images

Gründer wollen das Konzept der Immobilienrente neu beleben – und müssen sich hart von schwarzen Schafen der Branche abgrenzen. Sie bringen genug Geld mit, um geduldig sein zu können.

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Zum Geburtstag kam sogar eine Grußkarte. Ein rüstiger Hausverkäufer hatte sich beim Notartermin das Datum und die Anschrift von Henryk Seeger gemerkt – und eine freundliche Nachricht zum Ehrentag geschickt. Seeger ist inzwischen ein wichtiger Dienstleister für Senioren ab 65 Jahren, die ihr Eigentum zu Geld machen möchten – aber dennoch in den eigenen vier Wänden wohnen bleiben wollen. Rund ein Dutzend Wohnungen und Häuser hat Seegers Gesellschaft für Nachhaltige Immobilienwirtschaft, kurz GNIW, in den vergangenen eineinhalb Jahren gekauft – und die volle Summe sofort an die Senioren ausgezahlt. Die Verkäufer erhalten lebenslanges Wohnrecht zu marktüblichen Mietpreisen.

Eine freundliche Übernahme, von der alle Seiten profitieren – so sieht es zumindest Seeger.

Das Besondere: Die ersten Millionen für den GNIW-Fonds kommen auch von Start-up-Millionären: Mitgründer Florian Heinemann ist im Hauptberuf General Partner beim Risikokapitalgeber Project A, Tobias Tschötsch hat mit dem Verkauf des Werkzeug-Marktplatzes Contorion viel Geld verdient, Tarek Müller und Sebastian Betz haben das Otto-Kleidungsportal About You zu einer Milliarden-Bewertung geführt. Etwa acht bis zehn Prozent Rendite pro Jahr peilt GNIW für seine Investoren an. Ein verlockendes Ziel in Niedrigzins-Zeiten, aber keine überwältigenden Zahlen in der hochskalierenden Start-up-Welt. „Wir sind ein langweiliges Investment“, beschreibt es Seeger.

Start-up-Gründer suchen das Immobilieninvestment

Dennoch stürzt sich die Digitalszene mit Begeisterung auf den Immobiliensektor. Das mit Start-ups verdiente Geld muss irgendwo hin – der Boom der vergangenen Jahre macht neugierig auf eine stabile und verlässliche Anlageklasse. Gerade das Nischenthema der sogenannten Immobilienrente – in ihren unterschiedlichsten Ausprägungen – gewinnt dabei aktuell an Bedeutung. In diesem Sommer schloss das Start-up Heimkapital seine erste Finanzierungsrunde ab. Die Münchener kaufen Senioren bis zu 50 Prozent ihres Eigenheims ab. An Objekten im „mittleren zweistelligen Bereich“ habe man sich seit dem Start im Frühjahr bereits beteiligen können, sagt Gründerin Julia Schabert. Auch Seeger setzt mit GNIW seine Einkaufstour zügig fort: Über einen frisch gestarteten Fonds mit etwa 15 Millionen Euro könnten schnell um die 50 Objekte dazukommen. Und der folgende, deutlich größere Fonds, soll nicht lange auf sich warten lassen: „In Gedanken sind wir schon einen Schritt weiter – Mitte oder Ende nächsten Jahres könnte es soweit sein“, sagt Seeger.

Als Marktführer in diesem Geschäft gilt die Deutsche Leibrenten Grundbesitz AG. Sie ließ sich etwa im vergangenen Jahr die mehr als 200 Neuabschlüsse 75 Millionen Euro kosten. Luxus-Makler Engel & Völkers hat mit „Liquid Home“ eine eigene Marke für den Teilverkauf von Immobilien eingerichtet. Die 2018 gegründete Firma Wertfaktor übernahm in diesem Sommer den Konkurrenten Basora Real Estate.

Volle Taschen trotz leerer Zimmer

Sie alle ringen vor allem um die Aufmerksamkeit von älteren Zielgruppen: Immobilienbesitzer im Rentenalter, deren Kinder aus dem Haus sind – die aber dennoch häufig nicht das gewohnte Umfeld verlassen wollen. GNIW sieht etwa ein Potenzial von 4,2 Millionen Immobilienbesitzern über 65 Jahren. Vier Millionen weitere Menschen rücken in den kommenden zehn Jahren in eine ähnliche Altersgruppe vor, rechnet Heimkapital vor. „Sie haben viel Haus, aber wenig Rente“, bringt es Thomas Mai von der Verbraucherzentrale Bremen auf eine simple Formel.

Wer das Erbe frühzeitig verteilen will oder – nach Corona – die große Weltreise plant, der freut sich über eine größere Summe auf dem Konto. „Hinzu kommt, dass die Immobilienpreise über die vergangenen Jahre einen starken Wertzuwachs erfahren haben, die Eigentümer davon jedoch nichts in ihrem Portemonnaie spüren“, sagt Heimkapital-Chefin Schabert. Die Anbieter locken die Zielgruppe mit dem Gegenmodell: leere Zimmer, aber volle Taschen.

Die Investoren spekulieren häufig auf einen Wertzuwachs der Immobilien, die sie heute ganz oder teilweise kaufen. In Vertriebsgesprächen, Broschüren oder Zeitungsanzeigen locken sie mit dem schnellen Zugang zu einer stolzen Summe – je nach Modell auf einen Schlag oder über eine monatliche Leibrente. Wollen die Verkäufer langfristig oder für einige Jahre noch in ihrem ehemaligen Eigentum wohnen, wird in der Regel eine „Nutzungsentschädigung“ vereinbart. Die ist vergleichbar mit einer Miete und ist abhängig vom Wert der Immobilie und der vereinbarten oder kalkulierten Kaufsumme.

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