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Verheiratete Gründer Mit diesen Regeln gelingen Unternehmen und Beziehung

Quelle: Getty Images

Wenig Privatleben gehört für Unternehmer zum Arbeitsalltag. Für verheiratete Gründer erst recht. Mit frühzeitigen Regelungen können Gründerpaare Konflikten vorbeugen – und die Vorteile dieser Konstellation nutzen.

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Eine persönliche Frage zu Beginn: Können Sie sich vorstellen, mit Ihrem Partner ein Unternehmen aufzubauen? Gemeinsam um das Geld von Investoren zu kämpfen, eigene Mitarbeiter zu führen und ein Produkt groß zu machen? Immerhin würden Sie nebenbei ja noch eine Beziehung führen. Mit allen Höhen und Tiefen. Womöglich mit Kindern und gemeinsamen Haushalt.

Während manche Investoren bei solchen Konstellationen skeptisch sind, sehen viele Psychologen und Gründer selbst vor allem die Vorteile: größtmögliches Vertrauen, kurze Entscheidungswege, maximale Transparenz. Dass Unternehmen und Ehe tatsächlich florieren können, zeigt gerade kaum ein Paar besser als Özlem Türeci und Ugur Sahin an der Spitze des deutschen Impfstoffherstellers Biontech.

Die Düsseldorfer Diplom-Psychologin Nicola Wendenburg hat in ihrer Praxis schon häufig mit Paaren gesprochen, die gemeinsam ein Unternehmen leiten. Zu ihr kommen Gründer, wenn etwas schiefläuft und sie eine Paartherapie benötigen. Wenn also die Beziehung unter dem gemeinsamen Unternehmen leidet. Oder die Firma unter der Beziehung.

Wendenburg vergleicht die Situation gerne mit einem Haus, das auf mehreren Säulen wie Freizeit, Familie, Gesundheit und Beruf gebaut ist. Vernachlässigen Gründer nun alle Säulen bis auf das Start-up und ihr Unternehmen scheitert, „ist die Gefahr, dass alles zusammenbricht, sehr groß“, sagt Wendenburg. So weit muss es allerdings nicht kommen. 

Die Psychologin hat mehrere Ratschläge parat, mit denen verheiratete Gründer ihren Alltag in Firma und Zuhause regeln sollten – und so auf mehrere Säulen bauen.

  • Grenzen ziehen: Von einem Nine-to-five-Job können die allermeisten Gründer nur träumen. Dass sich Privates und Berufliches vermischen, sei unvermeidbar, berichten viele verliebte Unternehmer. Psychotherapeutin Nicola Wendenburg rät trotzdem, Grenzen zu ziehen. Geografisch und zeitlich. Etwa im Schlafzimmer: Hier sollten Gründer keine E-Mails schreiben oder Telefonate führen. „Sonst sitzen Geschäftspartner oder die Kollegen letztlich mit Ihnen im Bett“, sagt Wendenburg. Auch die Berliner Diplom-Psychologin Julia Bellabarba rät dazu, das Schlafzimmer als „schützenswerten Raum“ zu etablieren. In Küche oder Wohnzimmer hingegen darf das Familienessen nicht zum Geschäftsmeeting werden. „Die Essenszeit und der dazugehörige Austausch gehören der Familie“, empfiehlt Wendenburg.

    Generell sei es wichtig, gerade im Homeoffice einen festen Arbeitsbereich zu definieren. Im Idealfall hat jeder Gründer ein eigenes Büro. Falls die Wohnung etwas kleiner ist, tut es auch eine Arbeitsecke. Solange der Bereich dann nur für die Arbeit genutzt wird.

  • Auslagern: Als wären Unternehmen, Familie und Ehe nicht schon genug, warten auf Gründer selbstverständlich die alltäglichen Verpflichtungen. Die Kinderbetreuung, der Wocheneinkauf, der Abwasch und der dreckige Fußboden. Wendenburg rät, hier möglichst viel an andere auszulagern. Natürlich in Abhängigkeit der finanziellen Möglichkeiten. Womöglich können bei der Kinderbetreuung die Eltern oder Großeltern einspringen. Sonst müssten Babysitter oder eine Kindertagespflege her. Um den Haushalt könnte sich eine Putzkraft kümmern. Und Einkäufe liefern zahlreiche Anbieter mittlerweile nach Hause. Das nimmt einen Teil der Arbeit ab.
  • Terminplanung: Trotz des beruflichen und privaten Zusammenlebens braucht jeder Gründer zumindest noch etwas private Zeit. Im Tagesgeschäft fallen der Spaziergang mit Freunden, die Laufrunde oder gar der Gang in die Sauna schnell mal flach. Damit Gründer wenigstens ab und an Zeit für sich haben, könne es laut Wendenburg helfen, die Termine fest im beruflichen Kalender zu blocken. Die Psychologin nennt sie „Ich-Zeiten“.

    Sie rät auch zu einer täglichen Arbeits-Auszeit. Die sollte eine Stunde vor dem Schlafengehen beginnen. „Wenn Sie hier noch E-Mails schreiben, die Konzentration erfordern oder Sie belasten, wird sich das unmittelbar auf den Schlaf, die Erholung – und auch auf das Liebesleben auswirken.“ Das mag für manchen Gründer unrealistisch klingen. Schließlich verlagert sich gerade in internationalen Firmen die Kommunikation mit Mitarbeitern in den USA oder China gerne mal auf den frühen Morgen oder späten Abend. Paartherapeutin Wendenburg rät deshalb zu einer Eingewöhnungszeit und ersten selbstgesteckten Hürden. Es könne schon helfen, das Handy außerhalb der Sichtweite aufzubewahren und erst aufstehen zu müssen, um überhaupt erst Mails schreiben zu können. Diese Handy- und Computerabstinenz vor der Schlafenszeit hat Wendenburg mit einem Klienten erarbeitet. Der sei nach einigen Wochen begeistert gewesen. „Er ging selbst sogar noch einen Schritt weiter: Morgens schaute er erst nach dem Duschen und dem ersten Kaffee aufs Handy.“

  • Feedback: Mehrere Psychologen berichten übereinstimmend, dass das Feedback unter den Gründern und Eheleuten häufig zu kurz käme. Dabei seien das wichtig, sagt Wendenburg. „Gründer sollten regelmäßig die Leistung des anderen anerkennen.“ Auch hier können regelmäßige Termine helfen. Die Eheleute Vivien Dollinger und Markus Junginger etwa, die gemeinsam ihr Unternehmen Objectbox gegründet haben, veranstalten jedes Jahr ein sogenanntes Offsite. Ein Strategie- und Feedbackmeeting abseits des Büros und des Alltags.
  • Vorarbeit: Die zeitlichen Regelungen sowie die private und berufliche Rollenverteilung sollten im Idealfall noch vor der Gründung getroffen werden. Dazu raten neben Wendenburg auch andere Psychologen und Paartherapeuten. So starten die Gründer vorbereitet in die gemeinsame berufliche und private Zukunft. Diese Pläne sollten in ehrlichen Gesprächen ständig überdacht und angepasst werden. Das Paar sollte sich fragen, ob sich beide Ehe- oder Beziehungspartner noch mit den Regeln wohlfühlen - oder ein Partner womöglich darunter leidet. Dann stürzt das Haus, das Wendenburg so gerne skizziert, auch nicht ein.
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