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Weiterbildung Endlich Zeit – und dann?

Die Französischkenntnisse aufbessern? Gar programmieren lernen? Das, so haben die Deutschen in einem Jahr mit Corona gelernt, geht inzwischen auch online. Quelle: dpa

Weiterbildungs-Start-ups konnten ihre Nutzerzahlen in den vergangenen Monaten steigern. Denn im Lockdown buchten viele Menschen lange aufgeschobene Kurse online. Aber trägt der Boom bis in die Post-Corona-Ära?

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Als die Coronapandemie vor einem Jahr auch Deutschland erreichte und die Bundesregierung erste Schließungen verhängte, stellten sich Fabian und Felix Wunderlich, Gründer der Sprachschule Lingoda, auf das Schlimmste ein: „Wir waren sehr unsicher, fragten uns, wie sich die Krise auf unsere Buchungen auswirken würden“, erzählt Fabian Wunderlich. „Wir gingen von einem Einbruch der Zahlen aus und rechneten uns bereits aus, wie lange das Unternehmen eine solche Entwicklung würde schultern können.“

Doch auf den ersten Schock folgte die Überraschung: „Die Anmeldungen sind explodiert. Wir hatten innerhalb der Lockdown-Wochen einen Anstieg an Erstnutzern um 200 Prozent“, erzählt Fabian Wunderlich. Besonders das Interesse an den Business-Englisch-Kursen sei stark gestiegen. Der Grund: Die beiden Wahlberliner betreiben ihre Sprachkurse ausschließlich online – und sind somit unabhängig von temporären Schließungen, Ansammlungsverboten und Hygienekonzepten.

Wenn die Menschen ihre Freizeit nicht mehr im Restaurant, in Konzerten oder gemeinsam in größeren Freundesrunden verbringen können, besinnen sie sich auf das, was sie eigentlich schon lange geplant hatten, aber immer wieder aufgeschoben haben, weil es ihnen an Zeit dafür mangelte: Das Buch lesen, das seit Monaten auf dem Nachttisch liegt, die alten Farben und die Leinwand aus dem Keller hervorholen – oder endlich die eingestaubten Französischkenntnisse aufpolieren: Laut einer Umfrage des Meinungsforschungsinstituts YouGov im Auftrag des Jobportals Monster hat rund ein Drittel der Befragten die Zeit des ersten Lockdowns genutzt, um ihren Horizont zu erweitern. 22 Prozent der Befragten ging es darum, persönliche Interessen zu verwirklichen, etwa sich mit Yoga zu entspannen oder neue Rezepte auszuprobieren. Immerhin sechs Prozent arbeiteten an ihrer beruflichen Weiterbildung. In der Gruppe der 25- bis 34-Jährigen waren es sogar elf Prozent – alles an Computer und Smartphone, versteht sich.

„Die Offenheit für Online-Lehre ist in den vergangenen zwölf Monaten stark gestiegen. Immer mehr Menschen haben sich an die Nutzung von Videokonferenz-Angeboten wie Zoom gewöhnt – die Hemmschwelle darüber auch einen Sprachkurs zu machen, ist nun nicht mehr so groß. Für Lingoda bedeutet das, dass sich etwas, auf das wir jahrelang hingearbeitet haben, am Ende in wenigen Monaten vollzogen hat“, beobachtet Fabian Wunderlich.

Skepsis abgelegt

Das Institut der deutschen Wirtschaft (IW) in Köln hat herausgefunden, dass die Nutzung digitaler Lernangebote im Jahr 2020 zugenommen hat: „War die Einstellung von Unternehmen zum Einsatz von digitalen Lernmethoden in den letzten Jahren noch eher verhalten, wandelte fast ein Drittel der Betriebe bereits geplante Präsenzveranstaltungen aufgrund der Pandemie, erfolgreich in digitale Weiterbildungsformate um“, heißt es in einer Zusammenfassung der Studie.

Franziska Luh betreibt gemeinsam mit ihrer Geschäftspartnerin Susanne Harnisch die Online-Plattform Trainium. Eine Art virtueller Marktplatz, auf dem Interessierte Kurse wie ‚Arbeiten unter Druck‘, ‚Kommunikation für Führungskräfte‘ oder ‚Online richtig und wirkungsvoll präsentieren‘ finden und diese auch direkt buchen können. Trainium startete im September des vergangenen Jahres, also zu einer Zeit, in der Corona das Land schon fest im Griff hatte.

Beeinträchtig hat das das Geschäft nicht: „Im Winter, als der zweite Lockdown ausgerufen wurde, konnten wir einen starken Zuwachs an Suchanfragen für virtuelle Seminare feststellen.“ Luh glaubt, dass viele Leute die vergangenen Monate genutzt haben, um darüber nachzudenken, welche beruflichen Zusatzqualifikationen sie brauchen, um für die Zukunft – eventuell sogar in Zeiten einer neuen Krise – für den Arbeitsmarkt attraktiv zu bleiben. „So sehen wir zum Beispiel großes Interesse an Weiterbildungen im Bereich New Work, aber auch unterschiedlichsten IT-Themen wie Data Science, die wir noch viel mehr auf unseren Marktplatz holen wollen.“

Erschöpft vom ständigen Zoomen

Ob Weiterbildungen wie diese zukünftig online oder offline stattfinden, wird sich in den kommenden Monaten zeigen. Bernd Käpplinger, der an der Justus-Liebig-Universität in Gießen zu Weiterbildungsangeboten forscht, glaubt zwar, dass Nutzer es zu schätzen wissen, dass sie durch digitale Angebote Kosten sparen können, doch er ist sicher, dass wir zumindest in den ersten Monaten nach einem Ende der Pandemie eine große Renaissance der Präsenzlehre erleben werden. „Digitalangebote könnten zeitweise in ein Loch fallen, weil die Menschen sich wieder von Angesicht zu Angesicht treffen wollen und von den digitalen Angeboten übersättigt sind. Menschen lernen nicht nur wegen Inhalten, sondern auch wegen Begegnungen und Kontakt – und das lässt sich kaum ersetzen.“ Käpplinger nennt das Zoom-Müdigkeit.

Hoffnung aufs nächste Einhorn

Fabian Wunderlich, Gründer von Lingoda, hat davor keine Angst. Nach dem Ende der Pandemie, so glaubt er, hätten sich die Nutzer an die zeitliche Flexibilität, die Onlinesprachkurse bieten, so sehr gewöhnt, dass sie darauf nicht mehr verzichten wollen: „Warum sollte man ausschließlich jeden Donnerstagabend mit der Tram 45 Minuten zu dem einstündigen Sprachkurs fahren, wenn man bei einem Motivationsschub auch an einem Samstagvormittag um zehn Uhr an einem unserer Kurse teilnehmen kann und am Tag darauf gleich noch mal?“, fragt Wunderlich.



Auch die Investoren glauben, dass Onlineweiterbildungen die Zukunft gehört: Seit dem Start von Lingoda sind zahlreiche renommierte Geldgeber an Bord gekommen. Unter anderem die Gründer von Trivago, Delivery Hero und Home24. Jochen Klüppel, Partner bei Grazia Equity, einem Stuttgarter Wagniskapitalgeber, der in den vergangenen Jahren bereits mehrere Millionen Euro in das Start-up gesteckt hat, sieht Lingoda auch nach der Pandemie hervorragend positioniert: „Der Schub, den Corona ausgelöst hat, ist unumkehrbar. Das virtuelle Lernen ist für den täglichen Gebrauch die einfachste und bequemste Variante. Und die technischen Möglichkeiten sind nahezu grenzenlos.“ Sprachschüler könnten zukünftig per Virtual Reality durch London oder Paris spazieren und so ganze neue Sinneserlebnisse erfahren. „Der Mark ist riesig“, zeigt sich Klüppel überzeugt, „Ich gehe davon aus, dass mit Lingoda sogar ein neues Unicorn heranwächst.“

Mehr zum Thema: Lohnen sich Weiterbildungen – oder wäre es besser, das Geld frühzeitig anzulegen? Sebastian Ebert, Professor für Mikroökonomie an der Frankfurt School of Finance, gibt Antworten.

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